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Ostkreis Ein Schmuckstück für das Schmuckstück
Landkreis Ostkreis Ein Schmuckstück für das Schmuckstück
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10:58 02.05.2021
Bildhauer Daniel Rupprecht gestaltet das Tympanon.
Bildhauer Daniel Rupprecht gestaltet das Tympanon. Quelle: Fotos (3): Florian Lerchbacher
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Amöneburg

„Was hier passiert, ist Geschichte“, sagt Amöneburgs Pfarrer Marcus Vogler mit Blick auf die Stiftskirche – denn 150 Jahre nach der Einweihung solle das Bauwerk zu seinem Jubiläum vollendet werden. Um diesen Wunsch umzusetzen, muss Daniel Rupprecht Großes leisten: Mehrere Wochen wird der freiberufliche Bildhauer in mühevoller Kleinstarbeit oberhalb des Eingangsportals ein Kunstwerk in den Stein schlagen.

Genauer gesagt ins sogenannte Tympanon, also die bogenförmige Schmuckfläche oberhalb der Tür. Ein solches Kunstwerk sei eigentlich typisch für Gotteshäuser, wirft Gabi Clement vom Jubiläumsverein Amöneburg 13Hundert ein und ergänzt, dass die entsprechende Fläche zwar angelegt, aber nie gestaltet wurde. Wahrscheinlich sei das Geld während des von 1865 bis 1871 dauernden Kirchenbaus ausgegangen, vermutet sie und ergänzt: „Wenn man nicht darauf achtet, merkt man gar nicht, dass über der Tür nichts zu sehen ist.“

Schon in den 1990er-Jahren sei unter Pfarrer i. R. Peter Klatt die Idee aufgekommen, das Tympanon zu gestalten, erinnert sich Vogler. Die Gemeinde habe zwar keine Vorlage gefunden, sei aber mit einigen Ideen an das Bistum herangetreten. „Aber realisiert wurde davon keine. Vermutlich fehlte wieder das Geld“, sagt Amöneburgs Pfarrer.

Nun sei 1.300 Jahre nach der Ersterwähnung Amöneburgs – ein Jubiläum, das zufälligerweise mit dem runden Geburtsjahr der Kirche zusammenfällt – gemeinsam mit dem Jubiläumsverein der Gedanke aufgekommen, das Projekt doch noch umzusetzen. Erneut jedoch fiel die Suche nach einer Vorlage für das Tympanon ergebnislos aus. Weil Bonifatius im Jahr 721 in „Amanaburch“ sein Missionswerk begann und dort ein Kloster gründete, gab es die Idee, ihn und sein Wirken im Stein zu verewigen. Und auch Johannes der Täufer, nach dem die Kirche benannt ist, war als Motiv in der Diskussion.

Alte Skizze taucht auf

Dann jedoch geschah eine Art Wunder: Auf einmal tauchte bei Recherchen eine handgefertigte Skizze Georg Gottlob Ungewitters auf. Der Architekt und Baumeister hatte das Amöneburger Gotteshaus geplant, war aber unmittelbar vor Baubeginn verstorben. „Damit waren Johannes der Täufer und Bonifatius vom Tisch. Nach dem Fund der Skizze war für uns klar, dass nur dessen Umsetzung bei der Fertigstellung der Kirche einen Sinn ergibt“, betont Vogler. Die Skizze zeigt eine Mutter Gottes mit dem Jesuskind auf dem Schoß. Daneben stehen zwei Engel, die Weihrauchfässer schwenken und der Gottesmutter huldigen.

Vor 150 Jahren wurde die Stiftskirche Amöneburg geweiht.

Mit dieser Idee traten die Amöneburger erneut an das Bistum heran – und legten außerdem noch einen Finanzierungsplan für das 35.000 Euro teure Projekt vor: Die eine Hälfte will der Jubiläumsverein tragen, die andere übernimmt die Kirchengemeinde. „Bistum und Landesdenkmalpflege reden zwar bei der Gestaltung mit, zahlen aber nix“, kommentiert Clement mit einem Augenzwinkern und freut sich, dass aus dem Diözesanbauamt grünes Licht gekommen sei.

Und so ist Bildhauer Rupprecht nun also täglich auf einem Gerüst oberhalb des Eingangs am Werkeln. Als er die Skizze Ungewitters vorgelegt bekam, habe er sich erstmal an die Analyse gemacht. „Erstmal fragte ich mich, ob die Engel Blumen oder Hopfendolden in den Händen halten oder was das sonst sein könnte. Bei meinen Recherchen stieß ich auf Weihrauchfässer – wobei es sich in diesem Fall um einen sehr hohen Schwung handelt.“ Er geht davon aus, dass Ungewitter den hohen Schwung gewählt hatte, um Freiräume zu füllen.

Erst noch ein Modell

Als der Bildhauer sich mit der Darstellung vertraut gemacht hatte, ging es daran, einen Entwurf in Originalgröße zu zeichnen. Dieser stieß auf Zustimmung, doch die Amöneburger wollten auch noch ein Modell sehen, um sich mit dem Kunstwerk vertraut zu machen, das in den Stein geschlagen wird. Jenes fertigt Rupprecht vor Ort an – und begeistert einen Zaungast nach dem anderen.

Wenn das fertig ist und er das Okay bekommt, macht er sich dann ans Hochrelief – sprich: Der Stein über der Tür ist rund 30 Zentimeter dick. Er wird ihn so bearbeiten, dass am Ende eben nur erwähntes Kunstwerk stehen bleibt – und dabei bis zu 20 Zentimeter tief in den Stein gehen. „Ich habe nur einen Versuch“ – dessen ist sich der Künstler bewusst. Nervös sei er nicht, erklärt er – wohl aber hochkonzentriert. Über der Maria fügt Rupprecht noch ein paar Rosen und neogotische Verzierungen ein. Der Bildhauer geht davon aus, rund drei Monate lang mit dem Kunstwerk beschäftigt zu sein.

Die Maria nimmt die Besucher der Kirche in Empfang, freut sich Pfarrer Vogler über die geplante Neuerung für das Gotteshaus. Am letzten Augustwochenende will dann Bischof Dr. Michael Gerber aus Fulda nach Amöneburg kommen, um während des Kirchweihfestes das Tympanon einzuweihen.

Marlies Franke (von links), Gabi Clement und Marcus Vogler präsentierten die Ausstellung zur Geschichte der Kirche.

In der Stiftskirche selbst ist derzeit eine Ausstellung zu sehen, die sich mit der Geschichte und der Kirche im Wandel der Zeit beschäftigt. Schritt für Schritt arbeiten sich die Infotafeln in der Geschichte nach vorne und weisen die Besucher auf Details hin, die wahrscheinlich nicht einmal Gläubige kennen, die regelmäßig ins Gotteshaus kommen, so Clement. Täglich ab sechs Uhr stehe die Kirche offen, um Menschen den Besuch der Ausstellung zu ermöglichen.

Ausstellung ab 3. Juni

In den kommenden Monaten werden die Mitglieder des Jubiläumsvereins außerdem noch eine Ausstellung gestalten, in der sie während der Festwoche ab dem 3. Juni Paramente zeigen, also teilweise extrem aufwendig gestaltete Textilien, die im Kirchenraum und in der Liturgie zum Einsatz kommen. Es handele sich dabei vor allem um Gewänder der Priester, Diakone und Messdiener, aber auch um Tücher für den Altar oder die zur Verhüllung von Gefäßen dienen. „Die ältesten Paramente stammen aus der Barockzeit. Wertvolle Stickereien zeigen religiöse Symbole oder Darstellungen der Heilsgeschickte oder Insignien von Heiligen wie zum Beispiel Bonifatius“, kündigt Marlies Franke vom Förderverein der Stiftskirche an.

Von Florian Lerchbacher

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