Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis „Bruno“ bleibt auch bei Gästen tiefenentspannt
Landkreis Ostkreis „Bruno“ bleibt auch bei Gästen tiefenentspannt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:54 10.05.2020
Wasserbüffel auf ihrem neuen Revier blicken in die Kamera. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Amöneburg

Büffel Bruno lässt sich nicht beirren. Nur wenige Meter entfernt beobachten seine Halter Markus Rhiel und Mario Ebeling, wie er sich seine langen Hörner an einem toten Ast schuffelt.

Seine Herde interessiert sich währenddessen für die Menschen. Die Wasserbüffel-Kühe kommen bis auf einige Meter an die Besucher heran. Ebeling und Rhiel sind ihnen gut vertraut, die beiden Besucher der OP sind neu für sie.

Anzeige

Aufmerksam und neugierig werden die „Gäste“ auf der Weidefläche beäugt. Bewegen sich die Besucher, weichen die Tiere allerdings einige Schritte zurück an diesem Tag.

Seit gut einer Woche weiden 23 Wasserbüffel im Bekassinenloch, einer etwa 25 Hektar großen Fläche zwischen Amöneburg und Mardorf. Das Bekassinenloch ist eine der Ausgleichsmaßnahmen für den Weiterbau der A49.

Es wurden schon Büffel in Roßdorf gehalten

Das Unternehmen Deges hat die Fläche neu gestaltet und dafür unter anderem den Lambornbach umgeleitet und mit einem Stauwerk versehen (siehe Kasten). So wurde das Bekassinenloch wieder zu einer gut durchnässten Grünlandfläche. Vorher war dort fruchtbarer Ackerboden. Jahrzehnte zuvor bestand das Bekassinenloch aber schon einmal aus reinem Grünland, wie Markus Rhiel erinnert.

Die Tiere sind in der Region keine Unbekannten. Ebeling und Rhiel halten seit Jahren Wasserbüffel auf einer Fläche bei Roßdorf. Dort werden auch bald wieder Tiere stehen, verspricht Ebeling. Die beiden Wasserbüffelhalter, beide Nebenerwerbslandwirte, wollen dort wahrscheinlich Jungbullen auf die Fläche stellen.

Zwischen einem Dreivierteljahr und sieben Jahren sind die Wasserbüffel im Bekassinenloch alt. Ihre Anwesenheit soll dazu beitragen, dass die Fläche ihren zentralen Zweck erfüllen kann: zu einer Heimat für am Boden brütende Vögel zu werden.

„Die Wasserbüffel vertreiben die natürlichen Fressfeinde dieser Vögel“, erklärt Deges-Sprecherin Pia Verheyen auf Nachfrage der OP. Fressfeinde sind dabei beispielsweise Waschbären und Füchse, aber auch Greifvögel. Auch Störche, die ihre Heimat an der Radenhäuser Lache haben, zählen zu den Feinden der Bodenbrüter.

Bekassinenloch für eine Büffel prädestiniert

Die große Hoffnung der Planer: Neben dem Kiebitz soll sich dort auch der Namensgeber, die Bekassine, wieder ansiedeln. Auch sie war in dem Gebiet bereits schon heimisch, so Rhiel. Amöneburger erinnerten sich noch gut daran, dass in den 1960er- und 1970er-Jahren dort Marburger Studenten die Vögel beobachtet haben. Dass sich zumindest der Kiebitz schon wieder wohl im Bekassinenloch fühlt, ist ein Hoffnungsschimmer. Am Sonntag, beim Besuch der OP, ist ein Kiebitzpärchen aus der Entfernung zu beobachten.

Auf dem feuchten Boden halten sich die Wasserbüffel sehr gut. Aus Sicht ihrer Halter hat sich das Bekassinenloch für eine Büffel-Beweidung geradezu angeboten. Nicht viele Kuharten kämen mit solchen Böden zurecht, erläutert Rhiel. Wasserbüffel hätten die Fähigkeit, ihre Hufe zu spreizen, sich also regelrecht in den Boden zu krallen, falls das nötig sein sollte.

Naturschutz und Landwirtschaft gemeinsam

Die beiden haben ihre Herde im Bekassinenloch mit Zäunen unterteilt, was vor allem mit den beiden mächtigen, gleich zu erkennenden Bullen zu tun hat. „Sonst gäbe es hier möglicherweise Rangkämpfe, das wollen wir nicht“, sagt Ebeling. Beide Wasserbüffelhalter arbeiten Hand in Hand mit den Naturschutzexperten und Vogelkundlern.

Sollen die Büffel bestimmten Stellen, wo etwa Vögel brüten, fernbleiben, errichten sie einfach Abzäunungen. So läuft es auch in Roßdorf seit vielen Jahren erfolgreich. Markus Rhiel fasst es so zusammen: „Naturschutz und Landwirtschaft gehen gemeinsam“.

Ausreichend Platz für die Tiere

Hauptziel von Planern, Vogelkundlern wie auch den beiden Wasserbüffelhaltern ist es nun, dass sich Fauna und Flora im Bekassinenloch nun in Ruhe und vom Menschen weitgehend ungestört entwickeln kann. Ebeling und Rhiel sind täglich vor Ort und schauen nach ihrer Herde. „Bisher fühlen sie sich offensichtlich sehr wohl“, sagt Ebeling.

Für die Tiere gibt es ausreichend Platz und Möglichkeiten, sich im Schlamm zu suhlen oder auch das Wasser aufzusuchen. Beides ist im Hochsommer besonders wichtig, denn Schattenspender gibt es im Bekassinenloch kaum. Umgekehrt gibt es auch einen künstlich aufgeschütteten Hügel, auf den sich die Tiere flüchten könnten, wenn das Bekassinenloch bei Hochwasser stärker geflutet werden sollte.

Bürgermeister ist begeistert

Das Bekassinenloch ist weitgehend abgezäunt. Kommen Spaziergänger in die Nähe der Wasserbüffel, obsiege oft deren Neugier, und die Tiere kämen in die Nähe der Zäune. Angst braucht kein Mensch vor ihnen zu haben. Allerdings: „Wir bitten sehr darum, die Tiere nicht zu füttern“, sagt Ebeling. Das Bekassinenloch liegt nah an der „Ammanaburch“-Tour, einem Wanderweg.

Amöneburgs Bürgermeister Michael Plettenberg ist begeistert von dem Biotop in Sichtweite des Berges. Er denkt bereits analog zu Roßdorf daran, am Bekassinenloch eine entsprechende Beschilderung aufzustellen und auf der „Ammanaburch“-Tour an passender Stelle einen Unterstand für Wanderer zu errichten – wissend, dass die Region dank der Büffel um eine Attraktion reicher ist.

Von Michael Rinde

Ausgleichsmaßnahme Bekassinenloch

Für die Umgestaltung des Bekassinenlochs war das Bund-Länder-Unternehmen Deges verantwortlich, das die Bauvorbereitungen für die A49 übernommen hat. Deges übernimmt dabei auch die festgelegten Ausgleichsmaßnahmen, die ein elementarer Teil in den Planfeststellungsbeschlüssen (das Baurecht) für die Autobahnabschnitte sind.

Für die Abschnitte von Schwalmstadt über Stadtallendorf bis Gemünden (Felda) sind Ausgleichsmaßnahmen in einem Umfang von rund 750 Hektar vorgesehen. Etwa 25 Hektar davon betreffen das Bekassinenloch bei Amöneburg. Ursprünglich war die Beweidung bei den Planungen nicht vorgesehen.

Das Gelände sollte weitgehend sich selbst überlassen bleiben. Doch Gespräche mit den verschiedenen Naturschutzbehörden und letztlich auch dem Bund haben zu dieser Änderung geführt. Das Projekt Bekassinenloch gleicht Eingriffe am Geiersberg und deren Folgen für die Vogelpopulation aus.

Außerdem dient das Projekt als Ausgleich für durch die Autobahn entstehende Flächenversiegelungen im Homberger Hochland. Nach Angaben der Deges-Pressestelle floss ein höherer sechsstelliger Betrag in die Umgestaltung des Bekassinenlochs einschließlich der Umleitung des Lambornbaches.

08.05.2020
07.05.2020
Anzeige