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Ostkreis Operation am offenen Baum
Landkreis Ostkreis Operation am offenen Baum
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09:58 17.05.2022
Heinrich Bornmann (von links) hat mit Willi Kunze und Heinz Bernd Grabenhenrich diesem jungen Apfelbaum einen doppelten Bypass über die beschädigte Fläche gelegt.
Heinrich Bornmann (von links) hat mit Willi Kunze und Heinz Bernd Grabenhenrich diesem jungen Apfelbaum einen doppelten Bypass über die beschädigte Fläche gelegt. Quelle: Florian Lerchbacher
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Amöneburg

Manchmal muss man neue Wege gehen – vor allem, wenn man weg von der Mentalität der Wegwerfgesellschaft und hin zu mehr Nachhaltigkeit will. Dies war ein zentraler Gedanke, der Willi Kunze und Heinz Bernd Grabenhenrich durch den Kopf ging, als sie Schäden an noch jungen Apfel- und Birnbäumen auf der Streuobstwiese „Auf der Gosse“ entdeckten. Schäden, die wahrscheinlich den Tod der Bäume bedeutet hätten.

Im November war den beiden Männer, die für 24 Bäume auf der Streuobstwiese die Patenschaft innehaben, das Unheil aufgefallen: Tiere hatten die Schutzvorkehrungen abgeknabbert und einen Großteil der Rinde an mehreren Bäumen abgefressen. Ein Baum war nicht mehr zu retten, bei einem anderen gehen sie von mutwilliger Beschädigung durch Menschen aus, da neben dem Baum auch die Halterung abgebrochen worden war. Doch weitere fünf der jungen Bäume wollten sie nicht aufgeben – auch wenn einige Experten ihnen geraten hatten, die beschädigten Bäume zu entfernen und einfach zu ersetzen.

Streuobstwiese ist „Immaterielles Kulturerbe“

„Es dauert 15 Jahre, bis ein Baum trägt. Wir sind beide um die 70 Jahre alt, die Bäume um die sechs Jahre jung. Da wir aber auch noch etwas von ihnen haben wollen, kam es für uns nicht in Frage, sie durch mindestens drei Jahre jüngere Bäume aus der Baumschule zu ersetzen. Außerdem wollen wir ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft setzen“, erklärt Kunze – der sich an eine Technik erinnerte, von der er einst während einer Fortbildung am Naturschutzzentrum in Wetzlar gehört hatte: Bypässe für Bäume.

„Das könnte helfen“, dachte er sich und nahm Kontakt zu Heinrich Bornmann auf. „Ich hatte davon gehört, die Technik aber auch noch nie ausprobiert“, erinnert sich der in Wohratal lebende Vorsitzende des Kreisverbandes Marburg für Obstbau, Garten und Landschaft. Doch ihm gefiel die Theorie, also machte er sich an die Recherche. Unterhalb von Borke und Rinde befindet sich das sogenannte Cambium, erklärt er. Darin befinden sich Transportröhren, die Saft und Nährstoffe von der Wurzel in die Krone befördern. Sind diese Bahnen unterbrochen, stirbt der Baum ab. „Das ist so ein bisschen wie die Blutbahn beim Menschen“, erklärt er. Und beim Menschen können schließlich Bypässe gelegt werden, also Umleitungen am Herzen, die das Blut an Engstellen der Herzkranzgefäße vorbeiführen – und somit dafür sorgen, dass der Blutfluss sichergestellt ist und der Herzmuskel genügend Blut und Sauerstoff bekommt.

Streuobstwiese

Vor etwas mehr als einem Jahr erkannte die Deutsche Unesco-Kommission Streuobstwiesen als „Immaterielles Kulturerbe“ an. Naturschützer freuten sich, dass dies ein wichtiges Zeichen zum Schutz von Biodiversität sei – schließlich sind Streuobstwiesen Hotspot der Artenvielfalt und Lebensraum zahlreicher Tiere und Insekten.

Um die Streuobstwiese „Auf der Gosse“ kümmert sich Dr. Astrid Wetzel mit dem Naturschutz-Informationszentrum und einem Arbeitskreis. Auf der Fläche stehen mehr als 150 Obstbäume – im vergangenen Jahr waren dank finanzieller Unterstützung des Landes über Biodiversitätsmittel einige dazugekommen. Zudem findet eine Sortenanalyse statt – ein Teil der Bäume ist 80 bis 100 Jahre alt. Am Rand der Streuobstwiese stehen Zwetschgenbäume „für die Allgemeinheit“.

Um die Apfel- und Birnbäume kümmern sich Paten. Noch seien einige zu vergeben, betont Wetzel: Für etwa zehn Paten, die für jeweils zwei bis vier Bäume zuständig sind, sei noch Platz.

Als Bypass soll ein einjähriger Trieb des Baumes fungieren (beziehungsweise in einem Fall sind es gleich zwei Triebe). Bornmann machte also oberhalb und unterhalb der „Wunde“ T-Schnitte, löste die Rinde ab und schob den Trieb beziehungsweise „Reis“ ein, sodass Cambium auf Cambium lag. Mit etwas Gummiband und kleinen Nägeln fixierte er die Bypässe und verschmierte sie mit künstlicher Rinde, damit kein Wasser eindringen und die Verbindung stören kann. Nun heißt es hoffen, dass diese Umleitungen anwachsen. In der Theorie funktioniere es jedoch, betont Bornmann – und er habe auch schon von Fällen gelesen, in denen die „Operation“ erfolgreich war und die Bäume gerettet wurden. „Im Landkreis Marburg-Biedenkopf wurde so etwas meines Wissens nach aber noch nicht ausprobiert“, wirft Kunze ein.

Rund 30 Minuten benötigte Bornmann pro Baum. „Es ist jedenfalls ein sehr interessantes Experiment. Ob es funktioniert, sehen wir in etwa zwei Monaten – aber ich glaube schon, dass es sich zum Positiven entwickelt“, betont er. „Das hängt aber auch von mehreren Faktoren ab“, ergänzt Kunze und ärgert sich: „Es könnte ruhig auch mal regnen. Das wäre hilfreich.“ Dr. Astrid Wetzel, die Leiterin des Naturschutz-Informationszentrum, in dessen Obhut die Streuobstwiese liegt, drückt die Daumen für das Projekt. Sie habe schon von Baumbypässen gehört – aber noch nicht davon, dass diese auch Erfolg haben: „Aber den Versuch ist es wert.“

Von Florian Lerchbacher

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