Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Bagger arbeiten unter dem Zelt
Landkreis Ostkreis Bagger arbeiten unter dem Zelt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:00 09.04.2021
Ein Bagger holt Erdreich aus dem Boden, das bisher unter einer Betonplatte verborgen war.
Ein Bagger holt Erdreich aus dem Boden, das bisher unter einer Betonplatte verborgen war. Quelle: Michael Rinde
Anzeige
Stadtallendorf

Der Bagger arbeitet unter dem luftdicht verschlossenen Zelt. Schaufel für Schaufel füllt der Baggerführer Erdreich in bereitstehende Container. Es geht bis zu fünf Meter in die Tiefe. Mittlerweile läuft die heiße Phase der aktuellen Altlastensanierung im DAG-Gebiet in der Elbestraße 27. Es ist mittlerweile schon eine besondere Baustelle in dem Stadtallendorfer Stadtbezirk, in dem einst das Sprengstoffwerk der Dynamit-Aktiengesellschaft (DAG) stand. Eine der wenigen noch ausstehenden Rüstungsaltlasten-Sanierungen. Das Besondere dieser Arbeiten: Dort, wo jetzt das Zelt aufgeschlagen ist und Bürocontainer stehen, befand sich im vergangenen Jahr noch ein Gebäude eines Metallbaubetriebes. Ein Teil davon waren zwei frühere Gebäude des „Werkes Allendorf“ der DAG. Ein ehemaliges Lager für Toluole, einem Grundstoff für den Sprengstoff TNT und ein Produktionsgebäude mit einer Kondensationsanlage. Die Gebäude an sich wurden komplett abgerissen. Vergangenes Jahr hatte das Land Hessen die Häuser erworben, das Grundstück blieb im Eigentum des Besitzers. Der plant nach der Sanierung dort einen Neubau.

„Wir sind jetzt an einer entscheidenden Stelle für den weiteren Bauablauf“, sagt Projektleiter Zrinko Rezic von der HIM GmbH, dem vom Land beauftragten Sanierungsträger. Dann wird sich entscheiden, ob die aufgrund der vorherigen Proben gemachten Berechnungen für den Sanierungsumfang zutreffen. Eines der beiden historischen Gebäude ist bereits komplett verschwunden, beim zweiten haben die Bagger die frühere Bodenplatte des Kellers erreicht. Unter ihr liegen die Verunreinigungen. Dass es sich um die klassischen Stadtallendorfer Rüstungsaltlasten handelt, belegt schon der Geruch. Im Inneren der luftdichten Zelthalle riecht es nach Marzipan, ein typischer Geruch von Mononitrotoluol (MNT). Das ist ein chemisches Vorprodukt des Sprengstoffes TNT, es gilt als erbgutgefährdend und krebserregend. Und es ist ein flüchtiger Stoff, der sich an der Luft seine Wege sucht. Wie sich beim Gebäudeabbruch zeigte, hatte sich das MNT vom Boden aus bis in die Mauern des Hauses „hochgearbeitet“ (die OP berichtete). Es fanden sich zumindest leichte Belastungen in den Gebäuderesten.

Boden kommt in dichte Container

Belasteter Boden kommt in gasdichte Container, die zunächst im TNT-Zwischenlager in der Niederrheinischen Straße zwischengelagert werden. Je nach Belastungsgrad werden die Böden dann entsorgt. Hochbelasteter Boden muss dabei verbrannt werden. Etwa 3 000 Tonnen Boden sind bereits ausgehoben worden. Das ist etwa die Hälfte der vorausberechneten Gesamtmenge. „Rund 25 Prozent des bisher herausgeholten Materials ist hochbelastet“, so Andreas Jäkel vom Ingenieurbüro „Born+Ermel“, das unter anderem die Bauüberwachung übernommen hat. Wie viel Erdreich tatsächlich aus dem Boden zu holen sein wird, lässt sich noch nicht absehen. Möglicherweise wird es an der ein oder anderen Stelle nach den entsprechenden Untersuchungen noch Nacharbeiten geben müssen. „Natürliche Grenze für den Bodenaushub ist dabei der Fels unterhalb des Erdreiches“, sagt Rezic. Der werde bei den Arbeiten allenfalls angekratzt, aber nicht abgemeißelt.

Arbeiten dauern wohl bis etwa Mitte des Jahres

Derzeit rechnet die HIM GmbH damit, dass die Bauarbeiten bis etwa Mitte des Jahres dauern werden.

Bisher habe die Baustelle in der Elbestraße noch zu keinen Beschwerden von Anwohnern geführt, berichten Jäkel und Rezic. Die Abluft- und Filteranlage wird nachts und an Wochenenden im Minimalbetrieb gefahren, um den Geräuschpegel zu senken.

Von Michael Rinde