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Ostkreis „Höchste Achtung vor den Mitarbeitern“
Landkreis Ostkreis „Höchste Achtung vor den Mitarbeitern“
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11:58 11.12.2020
Das evangelische Altenhilfezentrum Haus Elisabeth in Kirchhain ist wieder Corona-frei. Quelle: Thorsten Richter
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Kirchhain.

„Corona-frei“ ist gefühlt das vielleicht schönste Wort in diesen Tagen für Bewohner, Mitarbeiter, Angehörige und Leitungsteam des „Haus Elisabeth“ in Kirchhain. Im Herbst gab es in dem Evangelischen Altenzentrum den ersten großen Corona-Ausbruch in einem Altenpflegeheim im Landkreis. Dramatisch wurde die Situation für alle um den 15. Oktober herum. „Da kamen die positiven Testergebnisse mehrfach täglich“, erinnert sich Björn Borgmann zurück. Er ist Pflegedienstleiter. Es folgten dramatische Wochen für alle Beteiligten. Es infizierten sich 26 Bewohner, 6 von ihnen verstarben an oder mit einer Corona-Infektion. Hinter den Zahlen stecken Schicksale!

Das Infektionsgeschehen ließ sich in dieser ganzen Zeit auf einen der beiden Wohnbereiche begrenzen, was ein Glücksfall war. Das gelang mit einem strengen Hygienekonzept und übermenschlich erscheinenden Leistungen aller. „Ich spreche mit höchster Achtung von der Leistung aller unserer Mitarbeiter“, sagt Borgmann.

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Wenn sie jetzt das Wort „Corona-frei“ ausspreche, dann tue sie das in größter Demut, sagt eine bewegte Christel Herz, die Leiterin des Hauses Elisabeth. Einige Zahlen lassen erahnen, welche menschlichen Kraftanstrengungen nötig waren: Es gab Situationen, da waren von den eigentlichen 24 Mitarbeitern in dem betroffenen Wohnbereich 23 nicht im Dienst. Wegen Quarantäne, wegen anderer Erkrankungen. Aber auch wegen Schwangerschaften. Um kein Risiko einzugehen, seien alle Schwangeren freigestellt worden, als es zu dem Corona-Ausbruch kam. Verbliebene Mitarbeiter sprangen ein, schlossen Lücken, so berichten es Herz und Borgmann jetzt im Nachhinein mit hörbarem Stolz. Ausdrücklich heben beide hervor, dass kein positiv getesteter Mitarbeiter gearbeitet habe.

Beim Gespräch mit der OP gibt es einen Moment, da ist Christel Herz anzumerken, wie einschneidend und emotional manche schlimme Momente gewesen sein müssen. Als infizierte Bewohner im Sterben lagen. Es sei alles Menschenmögliche getan worden, um Besuche von Angehörigen in diesen Stunden möglich zu machen. Es sei dem Altenzentrum, seinem Leitbild folgend, immer gelungen. Bis hin eben zu Aussegnungsfeiern im Zimmer, im Vollschutzanzug.

Es gab auch andere Herausforderungen. Zwar war immer genügend Schutzausrüstung vorhanden. Auch in der Gegenwart ist das mitunter aber noch ein Problem. Aktuell sind Schutzhandschuhe knapp. Doch in dieser Situation sei der Zentraleinkauf des Betreibers eine große Entlastung gewesen, sagt Björn Borgmann. Betreiber ist die Evangelische Altenhilfe Hofgeismar.

Breite Testangebotefür Besucher

Inzwischen gibt es wieder Besuche von Angehörigen, der Alltag normalisiert sich im Rahmen des Möglichen. Doch alles ist weiter darauf ausgelegt, einen erneuten Corona-Ausbruch zu verhindern. Alle Vorgaben, die das Land derzeit macht, erfüllt das Altenzentrum seit Wochen. Mitarbeiter tragen die besonders schützenden FFP2-Masken und werden seit Wochen regelmäßig getestet. Vor den Schnelltests, die jetzt auch ausreichend vorhanden sind, passierte das mit PCR-Tests.

Jeder Angehörige, der zu Besuch kommt, kann sich im Altenzentrum regelmäßig testen lassen. Borgmann und Herz verfügen beide über die medizinische Qualifikation dafür. Er habe zwischen 600 und 700 Abstriche in den vergangenen Wochen gemacht, schätzt der Pflegedienstleiter. „Das Angebot wird sehr gut angenommen“, freut sich Christel Herz. Nur sehr wenige Besucher lehnten es ab. Testen hat sich als ein Sicherheit bringender Weg erwiesen, so die Erfahrung im „Haus Elisabeth“. Zurzeit sucht das „Haus Elisabeth“ Mitarbeiter, die bei der Testung unterstützen können, haupt- oder ehrenamtlich. Voraussetzung wäre die nötige medizinische Qualifikation dafür.

Viel Hilfe, aber auch Stigmatisierung

In der ganzen Zeit habe es eine enge Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt gegeben. „Man muss auch sagen, was gut läuft“, kommentiert Borgmann.

Während der harten Wochen mitten im Corona-Ausbruch hat es sehr viel Zuspruch und Unterstützungsangebote von außen gegeben. Die Freude darüber sei groß gewesen. Aber es gab in Einzelfällen leider auch anderer Erfahrungen von Mitarbeitern, die im Dienst blieben. Einige hätten von Stigmatisierungen berichtet, sagt Borgmann. Menschen hätten die Straßenseite gewechselt, Mitarbeitern zugerufen, dass sie wüssten, wo sie arbeiteten. „Dabei sind die, die hier arbeiten, sicherer als bei einem Einkauf im Lebensmittelmarkt“, so Borgmann. Mitarbeiter seien teilweise mehr als zehn Mal getestet worden. Ganz bewusst, auch um Gerüchten vorzubeugen, hatten Betreiber und Altenzentrum frühzeitig die Öffentlichkeit informiert.

Während der ganzen extremen Zeit habe es Seelsorgeangebote für die Mitarbeiter gegeben. „Für viele von uns war es gut zu wissen, dass es die Möglichkeit dazu gibt“, berichtet Christel Herz.

Weihnachten sind Angehörigenbesuche möglich, auch mit Testangeboten. Wer einen Verwandten nach Hause holen möchte, kann das auch tun. „Wir sind doch kein Gefängnis“, sagt Herz dazu. Aber sie rät, auf die großen Familientreffen mit vielen Kontakten dabei zu verzichten. Zum Wohle aller. Testangebote wird es in jedem Fall weiterhin geben, dafür wollen Herz und Borgmann sorgen.

Von Michael Rinde