Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Als Fett und Speck den Fußball retteten
Landkreis Ostkreis Als Fett und Speck den Fußball retteten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:58 01.01.2021
Sarah Rhiel, Marius Mengel (vorne, rechts), Andreas Greb (hinten, rechts) und Helmut Kräling stellten das Festprogramm vor.   Quelle: Foto: Florian Lerchbacher
Anzeige
Mardorf

Etwas mehr als 40 Jahre nach dem letzten Titel der ersten Mannschaft des SV Mardorf gibt es beim „ewigen A-Ligisten“ wieder etwas zu feiern: Damals waren es die Meisterschaft in der B-Liga und der Aufstieg – anno 2021 ist es das 100-jährige Bestehen des Vereins. Wobei, wie Vorsitzender Helmut Kräling betont, eigentlich gab es sehr wohl auch in der Zwischenzeit etwas zu feiern: Zweimal rettete sich die „Erste“ in der Relegation. „Mehr kann man eine Meisterschaft auch nicht feiern. Es will schließlich keine Generation sein, die alles in den Sand setzt“, betont er mit Verweis auf den über Jahrzehnte erarbeiteten Ruf als der ewige A-Ligist. Und wie gut sich das Vereinsjubiläum in diesen Corona-verrückten Tagen feiern lässt, muss sich ja auch erst noch zeigen. Das Festprogramm steht bereits – doch dazu später mehr.

Friedrich van Moll brachte den Fußball nach Mardorf

Zunächst geht der Blick (mit Hilfe Krälings) zurück. Friedrich van Moll war es, der den Fußball im Jahr 1921 nach Mardorf gebracht hatte – obwohl das Spiel in Deutschland seit 1878 bekannt war. Van Moll hatte es während seiner dreijährigen Gefangenschaft nach dem Ersten Weltkrieg in England kennengelernt. Er übernahm nach der Gründung des SV Mardorf dann auch den Vorsitz. Allerdings fehlte es zunächst an einigem, unter anderem an einem festen Platz (erst 1966 fand der Verein sein Heim dort, wo es auch heute noch liegt). Zunächst kickten die Mardorfer an unterschiedlichen Stellen – noch dazu in weißen Hemden. Die typischen schwarz-gelb-gestreiften Trikots streiften sie erst im Jahr 1922 über.

Anzeige

Wie leidenschaftlich es gleich von Beginn an auf dem Dorf zuging, zeigt eine Anekdote aus den Gründungsjahren, als es während einer Partie zu einer wüsten Schlägerei mit Spielern aus Momberg kam – die Zuflucht im Pfarrhaus suchten, wo Pfarrer Lauer lebte. Dieser hatte erst am 1. Juli 1923 die Pfarrei Mardorf übernommen – nach zehn Jahren Tätigkeit in Momberg. Er wirkte auf alle Beteiligten ein und sorgte dafür, dass die Gäste den Heimweg antreten konnten. Wobei das Reisen in den damaligen Zeiten weitaus komplizierte war als heutzutage: Entweder liefen die Spieler zu Auswärtsbegegnungen oder sie fuhren mit dem Fahrrad – wobei auch von diesen Fortbewegungsmitteln nicht immer genügend da waren, sodass sich die Kicker oftmals Räder teilen und darauf abwechseln mussten. Später halfen dann auch Landwirte aus, die Pferdegespanne für die bis zu 30 Kilometer weiten Anreisen zur Verfügung stellten.

Im Zweiten Weltkrieg ruhte das Vereinsleben dann eine Weile. 60 Mardorfer kamen in den Kriegsjahren ums Leben oder galten als vermisst – viele von ihnen gehörten dem Sportverein an, der dann Anfang 1946 unter dem Vorsitz von Konrad Becker neu gegründet wurde. Eine Parallele zur ursprünglichen Gründung: Wieder fehlte es an Materialien und an Geld. Aus diesem Grund fuhren Mardorfer nach Marburg, um das, was sie hatten, gegen die benötigte Ausrüstung einzutauschen. Sie rückten mit Fett und Speck aus und kehrten mit Leder und Gummiblase in ihren Heimatort zurück.

Es kam zur Schlägerei und zum Spielbabruch

Beinahe hätte es den SV Mardorf aber nicht einmal 50 Jahre lang gegeben: 1952 lösten die Mardorfer den Verein auf. Ihnen war im Spiel gegen Schröck ein Elfmeter zugesprochen worden. Es kam zur Schlägerei und dem Abbruch der Partie – die dann auch noch als verloren gewertet wurde. Das war zu viel für die erzürnten Mardorfer, die jedoch nach fünf Tagen zur Besinnung kamen und ihre Entscheidung rückgängig machen. Ziemlich genau ein Jahr später lösten sie den Verein angesichts schwacher Leistungen und eines vorletzten Tabellenplatzes erneut auch. Dieses Mal revidierten sie ihre Entscheidung jedoch nur wenige Stunden später.

Im Jahr 1974 schickte der SV Mardorf eine Frauenmannschaft ins Rennen, die zwei Jahre lang am Spielbetrieb teilnahm – und aus der die heutige „Damengymnastik-Abteilung“ erwuchs. Außerdem sind die Fußballer seit Jahren für die Ausrichtung des Karnevals zuständig. Tischtennis wurde zwischen 1976 und 1990 unter den Vereinsfarben gespielt. Des Weiteren gibt es Kinderturnen beim SV Mardorf.

In der Vergangenheit finden sich übrigens Parallelen zur heutigen Zeit: Auch in der Vergangenheit musste der Spielbetrieb ruhen – wenn auch nie so lange wie aufgrund der Corona-Pandemie. Im Jahr 1931 führte beispielsweise der „Tag des ewigen Gebets“ zum Ausfall der Begegnung gegen Niederklein und im Dezember 1951 verhinderte der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche ein Spiel in Moischt. Womit der Bogen ins Jahr 2021 geschlagen wäre, für das der Festausschuss um Sarah Rhiel ein buntes Programm zusammengestellt und dann aufgrund der Pandemie wieder eingekürzt hat. Inwiefern sich selbiges ausrichten lässt, muss die Zeit zeigen (die OP wird berichten). Den geplanten Silvesterball haben die Sportler schon wieder gestrichen, außerdem ist noch nicht klar, wie sich beispielsweise die Vorstellung des Buches „Rund um Ball und Wehrturm“ von Marius Mengel (die OP berichtete) umsetzen lässt.

Von Florian Lerchbacher