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Ostkreis Sie schützen die Bäume mit ihrem Leben
Landkreis Ostkreis Sie schützen die Bäume mit ihrem Leben
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19:18 02.10.2019
In schwindelerregender Höhe haben Umweltaktivisten im Wald bei Dannenrod Plakate aufgehängt und Baumhäuser errichtet. Die Aktivisten wollen Baumfällungen verhindern. Quelle: Nadine Weigel
Dannenrod

Wie lange sie schon an den Baumhäusern arbeiten, sagen die Aktivisten nicht. Seit Montagabend, 30. September, ist aber bekannt, dass sie einen­ kleinen Teil des Dannenröder­ Forstes besetzt haben.

Ihre Baumhäuser in luftiger Höhe, in Teil jahrhundertealten Bäumen, liegen genau auf der geplanten Trasse der A49. Das ist der Sinn der Aktion. Die „Waldaktivisten“, wie sie sich in einer Mail nennen, wollen den Weiterbau der Autobahn mit allen möglichen Mitteln stoppen.

Seit Dienstag sind theoretisch Baumfällungen erlaubt. „Wir schützen jetzt die Bäume“, sagte die Aktivistin ­Luka im Gespräch mit der OP. „Und wenn die Polizei die Baumhäuser räumen will, dann gehen wir nicht freiwillig“, unterstreicht ihr Mitstreiter Palle. Beide sind 25 Jahre alt. Luka ergänzt, dass die Aktivistin alles tun will, „um zu deeskalieren“. Aber sie seien alle Individuen, keine Organisation.

Luka war auch bei der Besetzung des Hambacher Forstes im vergangenen Jahr dabei. Dort ging es um den Stopp des Braunkohleabbaues. Ein Gericht stoppte die Fällarbeiten.

Zweimal kreiste während des Besuches der OP bei den besetzten Baumhäusern ein Polizeihubschrauber über den Danneröder Forst. „Wir werden die Lage beobachten“, hatte Dominik Möller, Sprecher des Polizeipräsidiums Osthessen am Dienstagmorgen gegenüber der OP angekündigt. Bei fünf Aktivisten hatte die Polizei am Montagabend die Personalien festgestellt, mehr nicht. Polizeisprecher Möller widersprach damit Aussagen, dass es Festnahmen gegeben hat.

Grüne hofft auf 
grünen Minister

Die Aktivisten hatten am Dienstag erste Unterstützer. So fanden sich am Sportplatz Dannenrod einige langjährige A-49-Gegner ein. „Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, jetzt habe ich sie wiedergefunden“, so ein Anwohner aus Appenrod. Er hofft auf ein großes Medienecho, auf Unterstützer im Kampf gegen den Autobahnweiterbau.

Eine langjährige A-49-Gegnerin ist auch Barbara Schlemmer von den Grünen aus Homberg/Ohm. Sie stand am Dienstag am Fuß eines der Baumhäuser und schickte eine klare Botschaft in Richtung des grünen Verkehrsministers Tarek Al-Wazir. „Er soll bitte die hohen grünen Ziele einlösen“, fordert sie.

Das Ministerium von Al-Wazir­ prüft den Antrag auf Rücknahme des Planfeststellungsbeschlusses für die A-49-Abschnitte von Schwalmstadt bis Gemünden (Felda). Antragsteller ist die Naturschutzorganisation BUND. Sie unterstütze die Aktion der Aktivisten, weil sie auf die Gesamtsituation und die geplante Naturzerstörung aufmerksam mache. „So lange alles gewaltfrei bleibt“, schränkt Schlemmer ein und erinnert an die pazifistischen Grundsätze der Grünen.

Wann Baumfällmaschinen und Waldarbeiter anrücken, ist bisher offen. Die Aufträge sind vergeben. Verantwortlich zeichnet die Firma Deges, der die Vorbereitungen für den Trassenbau obliegen. Von dort hieß es, dass die Baumfällungen im Laufe des Oktobers beginnen sollen und zwar gleichzeitig an mehreren Stellen an der Trasse.

Baumfällungen

Entlang der Trasse müssen in den nächsten Monaten bis Ende Februar rund 85 Hektar Wald gefällt werden. Betroffen sind vor allem der Herrenwald, dessen FFH-Gebiet berührt wird. Ebenso der Dannenröder Forst, der weitgehend im Besitz des Landes Hessen ist. Teilweise sind die Baumbestände dort nach Angaben von Naturschützern über 250 Jahre alt. Die Firma Deges lässt die der A 49 im Wege stehenden Bäume fällen, die Stümpfe muss der spätere „Bauherr“ aus dem Boden holen. Deges vergibt den Zuschlag für den Weiterbau und den späteren Betrieb der A 49 an einen ÖPP-Nehmer. ÖPP steht für eine öffentlich-private Partnerschaft.     

Wie viele sie sind, wollen die Aktivisten nicht verraten. „Wir sind viele“, sagt die 25-jährige Luka. Auch woher sie kommen, wollen sie nicht genauer sagen, aus Angst vor „Restriktionen der Polizei“.

Nur so viel: Die meisten Baumbesetzer lebten in der ­Region rund um die geplante Autobahntrasse. Mit der Angst vor Restriktionen begründen Aktivisten auch, warum sie ihr Gesicht vermummen. Jeder könne das halten, wie er wolle, erklären Luka und Palle.

Sie gehörten alle keiner Organisation an, sondern hätten gemeinsame Interessen. Eben den Erhalt der Bäume im Danneröder Forst wie auch im Herrenwald. Das Alter der aktiven Unterstützer für die bisher drei besetzten Baumhäuser liege zwischen 16 und 60 Jahren, sagt Luka.

Schlafen ist für die Aktivisten im Baumhaus schwierig, der Gang zur Toilette eine eigene Herausforderung. Was die Baumbesetzer auf sich nehmen, ist nicht nur unbequem, es ist augenscheinlich auch nicht ungefährlich.

Ein Besuch dort ist gefährlich

Um auf die bis zu 40 Meter hohen besetzten Bäume zu gelangen, ist Klettererfahrung dringend vonnöten. „Achtung, Totholz“, rief ein Aktivist, der sich abseilte, um sich mit Mitstreitern auszutauschen. Krachend schlug ein großer Ast am Stamm ein.

Seile verbinden Bäume. Die haben einen besonderen Zweck. „Keiner fällt einen Baum, auf dem Menschen sind“, sagt ein Aktivist, dicht vermummt. Die Traversen führten dazu, dass man mit einem Leben eben gleich zwei Bäume schützen könne.

von Michael Rinde