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Ostkreis Ärztesprecher: „Das wird ein Kraftakt“
Landkreis Ostkreis Ärztesprecher: „Das wird ein Kraftakt“
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13:00 20.11.2021
Dr. Ortwin Schuchardt ist Allgemeinmediziner mit Praxis in Stadtallendorf und im Vorstand des Mediziner-Netzwerks „PriMa“.
Dr. Ortwin Schuchardt ist Allgemeinmediziner mit Praxis in Stadtallendorf und im Vorstand des Mediziner-Netzwerks „PriMa“. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Die Arztpraxen sind voll derzeit, die Folgen der Erkältungszeit und der Impfandrang treffen aufeinander. Ist das für die Praxen gerade auch im Landkreis noch zu bewältigen, ohne dass die medizinische Grundversorgung der Patienten zu sehr leidet? Dr. Ortwin Schuchardt ist einer der besonders betroffenen Allgemeinmediziner. Er ist auch Pressesprecher der Ärztegenossenschaft „PriMa“. Seine klare Antwort: „Ja, das ist im Augenblick noch zu bewältigen, aber es wird ein enormer Kraftakt für alle Beteiligten.“ Lob zollt er an dieser Stelle dabei aber auch den Arzthelferinnen in den Praxen, denn die seien jetzt extrem gefordert. „Was sie leisten verdient Hochachtung“, so Schuchardt. Denn die Arzthelferinnen haben es mit den täglichen Daueranrufen gleich nach Beginn der Sprechstunden zu tun, betreuen Menschen nach der Impfung ebenso wie die erkälteten Patienten.

Es mache sich bemerkbar, dass auch im Landkreis Praxen nicht mehr gegen Corona impften, bemerkt Schuchardt. Leider hätten sie die „ärztliche Solidargemeinschaft“ verlassen. „Doch ich kann das durchaus nachvollziehen“, sagt Schuchardt mit Blick auf den enormen Verwaltungsaufwand bei der Impfung gegen das Coronavirus.

Ein gravierendes Problem hat sich glücklicherweise inzwischen gelöst. Bis zur vergangenen Woche konnten die Arztpraxen ihren Impfstoff nur mit zwei Wochen Vorlauf ordern. Anders war es nicht zulässig. Das führte dazu, dass in den Praxen für die Impftermine Wochen im Voraus gerechnet werden mussten. Dies hat sich aber in diesen Tagen geändert. Jetzt sind Vorbestellungen mit einer Woche Vorlauf möglich. Seine große Bitte in Richtung Politik und Kassenärztliche Vereinigung: „Belasten Sie die Ärzte und ihre Praxen jetzt in dieser Situation auf keinen Fall mit zusätzlicher Verwaltung.“

Einige Antworten auf jetzt aktuelle Fragen rund um den „Booster“, die dritte Impfung gegen das Coronavirus. Wer ist besonders auf den „Booster“, die dritte Impfung, angewiesen? Schuchardt verweist ganz klar auf die ältere Generation, Menschen ab 60 Jahre und Vorerkrankte, etwa Diabetiker, Krebs- oder Herzpatienten. Im Prinzip also genau die Menschen, die auch bei Beginn der Impfkampagne Priorität hatten. Sie sollten sich fünf bis sechs Monate nach ihrer zweiten Impfung in jedem Falle „boostern“ lassen, so der Rat des Mediziners.

 „Booster“-Impfung bereits ab 18 Jahren

Seit Donnerstag gilt die neue Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko). Seitdem steht einer „Booster“-Impfung bereits ab 18 Jahren auch von dieser Seite nichts mehr im Weg. Wird das die Lage in den Praxen zuspitzen? „Es wird nicht einfacher werden, aber die Aussage der Stiko war eigentlich so zu erwarten“, antwortet PriMa-Sprecher Schuchardt. Das bedeute, dass Impfwillige noch etwas mehr Geduld bräuchten. Allerdings sei der größte Teil der Jüngeren erst in den Sommermonaten geimpft worden.

Hätten die Impfzentren nicht offen bleiben müssen, um jetzt die neuerliche Impfwelle mit aufzufangen? Schuchardt antwortet gegenüber der OP mit einem „Jein“. Denn zum Zeitpunkt der Schließung seien sie nicht ausgelastet gewesen. „Wenn wir sie jetzt neu hochfahren, dann kommt das unter Umständen zu spät“, fürchtet er. Aber er lobt die Reaktion des Landkreises, unmittelbar mit Schließung des Marburger Zentrums auf den Einsatz von mobilen Impfteams in Altenpflegeeinrichtungen zu setzen. Für den Ostkreis könne er sagen, dass dort seit etwa Ende Oktober alle Älteren, die es wollten, eine dritte Impfung erhalten hätten. „Das ist der richtige Weg, wir müssen vulnerable Gruppen zuerst schützen“, betont er.

Reaktionen auf den beim „Boostern“ ausschließlich verwendeten mRNA-Impfstoff haben viele Menschen schon bei der ersten oder zweiten Impfung verunsichert. Droht jetzt möglicherweise beim dritten Piks noch eine deutlich stärkere Reaktion? „Ich habe bisher von keinen starken Impfreaktionen bei den von uns Geimpften gehört“, beruhigt Schuchardt.

Was rät er grundsätzlich den Menschen jetzt in der laufenden vierten Welle, außer zu Impfungen, wo sie noch fehlen sollten? „Geraten Sie nicht in Panik. Aber halten Sie sich an die Abstandsregeln, tragen Sie Maske, wo nötig und befolgen Sie die übliche Hygiene wie das Händewaschen.“

Von Michael Rinde