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Ostkreis A49-Gegner betonieren sich ein
Landkreis Ostkreis A49-Gegner betonieren sich ein
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22:10 15.10.2020
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Stadtallendorf

Die Polizei hatte gestern erneut alle Hände voll damit zu tun, ein Camp von Waldbesetzern aufzulösen. Dieses Mal stand der südliche Herrenwald und damit das ebenfalls noch junge Baumhaus-Camp „Überall“ im Zentrum des Geschehens. Morgens hatten zunächst Protestierer Zufahrten zum VW-Werk in Baunatal blockiert. Zu der Aktion bekannte sich die Gruppe „block_capitalism“ beim Nachrichtendienst Twitter aus Solidarität zu den Waldbesetzern.

Das Stadtallendorfer Camp „Überall“ war in vielerlei Hinsicht für die Polizei eine große Herausforderung. Einzelne Bewohner kletterten in noch größere Höhen als bisher. Eine noch größere Gefahr für die Kletterer wie auch für die Spezialisten des Höhenrettungsteams, einem Teil des Spezialeinsatzkommandos der Polizei. „Wir sind nicht hier, weil wir Spaß daran haben, sondern, weil wir für Klimagerechtigkeit und die Zukunft von uns und unseren Kindern kämpfen“, betonte ein Aktivist.

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Wieder waren gestern mehrere hundert Polizeibeamte im Einsatz, um die Baumfällarbeiten auf der A 49-Trasse abzusichern. Dutzende Polizeifahrzeuge hielten in der Kurt-Schuhmacher-Straße in der Nähe des Camps.

Eine weitere neue Herausforderung für die Polizei: Zwei Personen hatten sich teilweise einbetoniert. Ein Aktivist hatte seinen Arm in ein Rohr im Boden gesteckt, das Handgelenk am Grund des Rohres angekettet und dann Beton in das Rohr geschüttet. So harrte er über Stunden aus. Der Polizei gelang es in beiden Fällen, die Personen aus ihrer selbst geschaffenen Zwangslage zu befreien. Beide blieben laut Polizei unverletzt. Insgesamt wurden gut 25 Waldbesetzer am Boden aufgegriffen und per Platzverweis aus dem Wald geschickt. Hinzu kamen weitere 40, die aus Bäumen herausgeholt wurden.

Am Abend beurteilte die Polizei den Einsatz als „insgesamt friedlich“. Zahlreiche parlamentarische Beobachter waren vor Ort, um sich ein Bild der Räumung zu machen. So auch die aus Marburg stammende und für Die Linke im Hessischen Landtag sitzende Abgeordnete Elisabeth Kula. Auch sie bewertete die Räumung mittags als „ruhig“. Sie hob noch einmal hervor, dass Die Linke momentan die einzige Partei sei, die sich für einen Stop des A 49-Baus einsetze. „Die Grünen sind zwar offiziell auch gegen die A 49, haben aber durch ihre Regierungsbeteiligung ihre Inhalte über Bord geworfen“, kritisierte Kula.

Katy Walther, hessische Landtagsabgeordnete der Grünen, war gestern zum wiederholten Male vor Ort, obwohl sie von einigen Aktivisten auch persönlich angegangen worden sei und kürzlich sogar angespuckt wurde. „Ich verstehe, dass sich die Wut und Enttäuschung kanalisieren muss und wir als Grüne da im Fokus stehen, aber es ist eine Bundesautobahn und uns sind auf Landesebene die Hände gebunden“, so Walther.

Doch nicht alle Politiker wurden als Räumungsbeobachter in den Wald gelassen. Sebastian Sack, Kreistagsmitglied der heimischen SPD, wurde als ehrenamtlicher Kommunalpolitiker von der Polizei abgewiesen, was er sehr schade fand. „Ich wollte gern mit beiden Seiten ins Gespräch kommen. Egal, wie man zur A 49 steht, ist es wichtig im Austausch zu bleiben“, so Sack, der den Bau der A 49 befürwortet.

Der Einsatz von mehreren hundert Beamten am Tag ist in Zeiten der Corona-Pandemie – und mit Hinblick auf die auf gestern im Landkreis auf 54,0 gestiegene Inzidenz – eine Belastung für die Polizei. Im Vorfeld wurde ein eigenes Hygienekonzept entwickelt. Speziell geschulte Beamte wachen darüber, dass die Vorgaben von allen Polizisten eingehalten werden. Nur, wenn sich die geltenden Abstandsregeln einhalten lassen, darf zum Beispiel der Mund-Nasenschutz wegfallen.

Die Beamten kommen aus verschiedenen Bundesländern und üernachten teilweise auch vor Ort, etwa in Quartieren in der Hessen-Kaserne. Sie sind gemeinsam in Einsatzfahrzeugen unterwegs. Wobei die Polizei laut Konzept dabei sehr genau darauf achtet, dass es feste Gruppen von Beamten gibt. So ließe sich eine Corona-Infektion im Fall der Fälle eingrenzen.

Offenbar greift aber das Einsatzkonzept im Hinblick auf den Corona-Schutz. „Bislang wurden keine Corona-Infektionen unter den eingesetzten Beamten bekannt“, erklärt Polizeisprecherin Corinna Weisbrod auf Nachfrage der OP.

Von Nadine Weigel