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Ostkreis „Ich hänge an meinem Leben“
Landkreis Ostkreis „Ich hänge an meinem Leben“
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21:04 17.11.2020
Mitarbeiter des Höheninterventionsteams des Spezialeinsatzkommandos beobachten das Geschehen in den Bäumen. Quelle: Nadine Weigel
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Dannenrod

Besorgt schauen die Männer im Tarnanzug nach oben. „Oje, hat sie sich jetzt etwa ganz ausgeklinkt?“, fragt einer und dreht noch etwas an seinem Fernglas, um besser sehen zu können, was in den Baumwipfeln etwa 25 Meter über ihm vor sich geht. Seine Kollegen des Höheninterventionsteams des Spezialeinsatzkommandos (SEK) stehen im Korb eines riesigen Krans und versuchen an eine Baumbesetzerin heranzukommen, die immer weiter in schwindelerregende Höhen klettert. „Das ist Wahnsinn“, kommentiert der Kletterexperte und schüttelt den Kopf.

Am achten Tag der Räumung des Dannenröder Forstes machen die Spezialeinheiten am Dienstag (17. November) damit weiter, womit sie am Abend zuvor aufgehört haben. Sie räumen die Baumhaus-Konstruktionen im Baumhausdorf namens „Drüben“ nahe der B 62. Die verschiedenen Baumhausdörfer, die Waldbesetzer nennen sie „Barrios“, haben Namen wie „Drüben“, „Nirgendwo“ oder „Durchzug“. Elf dieser Camps hatte die Polizei vor Beginn ihres Einsatzes im Dannenröder Wald gezählt. Gut eine Woche sind die Einsatzkräfte nun mit dem Barrio namens „Drüben“ beschäftigt.

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Seine Schwierigkeit: Baumhäuser in extremer Höhe – und morsche Bäume, wie der Kletterexperte des SEK erläutert. „Die Äste dieser alten Eiche sind alle kaputt und können jederzeit brechen, ich glaube, das ist den Aktivisten gar nicht bewusst“, sagt er und schaut noch einmal mit Sorgenfalte im Gesicht durchs Fernglas. Viele der Baumbesetzer seien versierte Kletterer, gibt er zu. Aber eben nicht alle. „Manchmal sind die total fertig, zittern vor Kälte und haben echt Angst runterzufallen“, erklärt er. Doch vor allem bereitet dem Experten das Material der Baumbesetzer Sorgen. „Das sind alles Sachen aus dem Baumarkt, die gar nicht dafür ausgelegt sind, wofür sie benutzt werden.“

65 Personen in Gewahrsam genommen

Ein Beispiel: Die 300 Meter lange Traverse über die B 62. Dieses Seil aus dem Baumarkt habe bereits an jedem Punkt, wo es gespannt sei, die Maximallast von 1,2 Tonnen erreicht. „Und da hängt dann ja noch keiner drin“, sagt er und erläutert noch einen weiteren Punkt, der den Spezialkräften zu schaffen mache: Wenn Baumbesetzer sich bei der Räumung nicht kooperativ zeigten, sei seine Arbeit sehr schwierig und gefährlich für beide. „Also, ich hänge an meinem Leben, deshalb ist es wichtig, dass das hier ein Miteinander ist!“, erklärt der Höhenretter. Doch er kann durchatmen: Im Gegensatz zum Vortag, als es Widerstand und Flaschen- oder Steinwürfe gab, läuft die Räumung gestern ruhig – und unfallfrei – ab. Erst am Abend gegen 18 Uhr attackierten Vermummte ein vorbeifahrendes Polizeiauto mit Steinen. Verletzt wurde aber niemand. Insgesamt wurden gestern 65 Personen in Gewahrsam genommen. Weiterhin wurden 71 Verfahren wegen Ordnungswidrigkeiten eingeleitet und 65 sogenannte Platzverweise ausgesprochen.

Währenddessen erledigten die von der Projektgesellschaft Deges beauftragten Forstunternehmen weiter einen Teil ihrer Arbeit, allerdings nicht in einem großen, zusammenhängenden Areal, sondern auf mehreren kleinen Flächen, verteilt im Dannenröder Wald, so der Eindruck der OP. Das bestätigte Deges-Sprecher Michael Zarth. „Wir arbeiten dort, wo die Polizei es für sicher hält, und eben auch sehr kleinteilig“, sagt Zarth. Baumfällarbeiten gibt es deshalb auch mitten im Forst wie auch aus nördlicher und südlicher Richtung gleichzeitig. Anders als beispielsweise noch vor Wochen im Stadtallendorfer Herrenwald, wo die Harvester, die Baumfällmaschinen, große zusammenhängende Flächen auf der A 49-Trasse abgearbeitet haben.

Bundesstraße 62 ab heute wieder einspurig befahrbar

Noch will Deges keine Zahlen zur bisher gefällten Fläche nennen. „Wir werden in den nächsten Tagen in dieser Weise weiterarbeiten, sind aber auch darauf vorbereitet, wieder zusammenhängende größere Areale zu fällen“, so Michael Zarth. Alles geschehe in enger Abstimmung mit der Einsatzleitung und werde täglich neu entschieden.

Angesprochen auf die jüngsten Ereignisse im Dannenröder Wald wie etwa den Absturz einer Aktivistin von einem Tripod gibt sich Deges generell besorgt um die Sicherheit. „Wir haben auch unsere Auftragnehmer noch einmal dafür sensibilisiert, auf Sicherheit zu achten“, sagt Zarth. Damit ist die Sicherheit aller Beteiligten gemeint, auch die der Waldbesetzer und A 49-Gegner.

Die Waldbesetzer stellten über ihr Presseteam gestern jedoch noch einmal klar, dass sie ihren Widerstand nicht aufgeben werden. Der Widerstand werde in den nächsten Wochen wachsen, hieß es in einer Pressemitteilung anlässlich der ersten Woche des Polizeieinsatzes im Forst.

Die Polizei teilte am Dienstag mit, dass die Bundesstraße 62 ab Mittwoch (18. November) wieder einspurig für den Straßenverkehr freigegeben wird. Der Verkehr wird durch Polizeibeamte geregelt.

von Nadine Weigel und Michael Rinde