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Ostkreis Eine „rote Linie“ um den Forst
Landkreis Ostkreis Eine „rote Linie“ um den Forst
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21:00 25.10.2020
Rund 1 500 Menschen protestieren mit einer kurzen Kundgebung und einer Menschenkette gegen die A 49. Quelle: Michael Rinde
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Dannenrod

Es war zu Zeiten, in denen täglich neue Rekordzahlen bei den Corona-Infizierten gemeldet werden, eine sehr besondere Veranstaltung: Rund 1 500 Teilnehmer bildeten am Sonntag eine „rote Linie“ rund um den in Teilen besetzten Dannenröder Wald. Die Menschenkette zog sich vom Sportplatz Dannenrod über Kilometer um das Waldstück herum. Menschen hielten mit roten Bändern mit der Aufschrift „Verkehrswende“ Abstand voneinander. Aufgerufen hatten das Bündnis „Keine A 49“, „Fridays for Future“ und die Nichtregierungsorganisation (NRO) Campact.

Eng bis zu eng nach den geltenden Abstandsempfehlungen von mindestens anderthalb Metern ging es kurz bei der Ausgabe der Bänder nahe des Sportplatzes zu. Doch alle Teilnehmer trugen bei der Kundgebung zumindest, so wie vom Veranstalter gefordert, einen Mund-Nasen-Schutz.

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Vor dem Aufstellen der Menschenkette hatte eine Waldbesetzerin ein sehr emotionales Bild ihres Jahres im Wald gezeichnet. Sie erzählte kurz vom Leben im Baum, vom morgendlichen Besuch eines Kleibers, vom Aufwachen auf einer Plattform auf einer Kiefer im Herrenwald mit Blick auf Stadtallendorf.

Den Stadtallendorfern sagte sie mehr Verkehrslärm voraus, wenn die Autobahn gebaut wird, was sie selbst ja zusammen mit anderen zu verhindern hofft. Sie erhob Vorwürfe in Richtung der Industrie, die immer noch „groß und mächtig“ sei. Und sie formulierte ihre Angst, „dass dieser Konflikt immer weiter eskaliert“. Zuvor hatte sie von Stunden im Polizeigewahrsam berichtet, der den Widerstand von Betroffenen eher noch wachsen lasse. Die Waldbesetzerin erhielt einen langen, intensiven Applaus als Zeichen der Solidarität der Kundgebungsteilnehmer.

Barbara Schlemmer vom Bündnis „Keine A 49“ und längst landesweit bekannte „Stimme“ der Autobahngegner hatte sprachlich gleich zu Anfang eine Richtung vorgegeben. Sie erzählte von „weinenden Anrufern aus Stadtallendorf“ angesichts der Fällungen im Herrenwald. Schlemmer sprach mit teils sich überschlagender Stimme aber auch von einem „Krieg, der da gegen uns geführt wird“ und meinte damit unter anderem das Abriegeln von Sicherheitsbereichen durch die Polizei. Aus dem Kreis Marburg-Biedenkopf kamen zahlreiche Menschen zu Kundgebung und Menschenkette, wie nicht zuletzt an den Kennzeichen vieler in Dannenrod parkender Wagen zu sehen war. Ein Stadtallendorfer sagte der OP, warum: „Der Herrenwald sieht da, wo gefällt wurde, einfach nur schlimm aus.“ Er sorge sich um die Tiere im Wald derzeit ganz besonders. „Hätte man nicht doch noch einmal reden könne?“, so seine Frage zum Weiterbau der A 49.

Barbara Schlemmer, nach wie vor Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen, erneuerte ihre Kritik in Richtung Landesvorstand ihrer Partei und namentlich gegen Wirtschafts- und Verkehrsminister Tarek Al-Wazir. Sie sprach von „Berufsgrünen, die gar nicht wollen, dass die Basis weiß, was passiert“. Eine klare Mehrheit der vertretenen hessischen Grünen hatte bei der digital abgehaltenen Landesmitgliederversammlung allerdings einen Antrag abgelehnt, notfalls aus der Koalition mit der CDU im Land auszusteigen, sollte der Weiterbau der A 49 nicht gestoppt werden können.

Bei der Kundgebung war auch ein Transparent zu sehen, auf dem Al-Wazir mit dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro verglichen wurde. Bolsonaro ist unter anderem wegen seiner Baumfällungen im Amazonasgebiet umstritten.

Baumfällungen wurden Samstag fortgesetzt

Ebenfalls am Samstag hatten die beauftragten Forstunternehmen begleitet vom bereits gewohnten starken Polizeiaufgebot die Baumfällarbeiten im Herrenwald fortgesetzt. Dabei konzentrierten sich die Arbeiten wieder auf das Teilstück zwischen Stadtallendorf und Niederklein. Laut Polizei verlief der Tag überwiegend ruhig. Personen, die sich im Gefahrenbereich rund um die Fällungen aufgehalten hätten, hätten ihn „nach Ansprache durch die Polizei“ verlassen.

Es gab außerdem am Samstagmittag eine Spontandemonstration am Stadtallendorfer Bahnhof. Wenn am Montag (26. Oktober) die Fällarbeiten weitergehen, müssen sich Forstunternehmen und Polizei wieder auf neue Barrikaden und „Strukturen“ (also Plattformen in Bäumen zum Beispiel) einstellen. Auf einem auf Twitter veröffentlichten Video ist zu sehen, wie am Rand aufgestapelte teils massive Holzstämme auf einen Weg geworfen werden. Veröffentlicht wurde das Video von der Adresse „Dannenröder Wald Besetzung“. Wo im Wald sich das Geschehen genau abspielt, ist nicht zu erkennen.

Von Michael Rinde

Ostkreis Protest gegen A49-Weiterbau - Autobahngegner bilden Menschenkette
25.10.2020