Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis „Willi“ sagt Nein zum Autobahn-Weiterbau
Landkreis Ostkreis „Willi“ sagt Nein zum Autobahn-Weiterbau
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 27.10.2020
Willi Weitzel (rechts) und Regisseur Arne Sinnwell gehen am Drehort noch einmal mögliche Fragen durch.  Quelle: Florian Lerchbacher
Anzeige
Stadtallendorf

Es ist ein schmaler Grad, auf dem sich Willi Weitzel während Dreharbeiten in seiner alten Heimat bewegt: Als Reporter will sich der Fernsehstar neutral mit dem Weiterbau der Autobahn 49 befassen – als Privatperson hat er eine klare Meinung zur Thematik: Er lehnt das Projekt ab. Komplett.

Dies versucht er vor der Kamera zu verbergen: Gemeinsam mit seinem alten Team von „Willi will’s wissen“ dreht er unter dem Titel „Willi macht Schule“ Lehrfilme für Acht- bis Zehntklässler, die neueste Episode soll den Titel „Wachstum um jeden Preis?“ tragen (Name der Produktion: Willis Campus – Willi macht Schule). „Auf der einen Seite gibt es die Industrie, die sagt, dass sie dringend wachsen muss und das nur in Kombination mit dem Wachsen der Infrastruktur möglich ist. Auf der anderen Seite stehen die Aktivisten, die wollen, dass die Bäume weiter wachsen dürfen“, erklärt er, warum er das Thema ausgerechnet am Autobahn-Bau rund um seine Heimat aufdröseln möchte.

Anzeige

Und so sprach er mit zahlreichen Menschen und ließ sich ihre Einstellung und die Gründe dafür erläutern: Er und sein Team besuchten Anwohner der Bundesstraße 3, die durch den Weiterbau der Autobahn entlastet werden soll. Außerdem unterhielt er sich mit Ulrich Eitel, dem Geschäftsführer der Marburger Tapetenfabrik, darüber, warum die Wirtschaft so dringend den Anschluss ans Autobahnnetz fordert. Willi sprach aber auch mit den Waldbesetzern – und den Polizisten, die ihnen während der Räumungsaktionen gegenüberstehen und die Fällarbeiten beschützen.

Weitzel: Bäume sind älter als Autos

Daraus, dass er leidet, wenn er Bäume fallen sieht, machte er dabei keinen Hehl. „Es ist nicht schön“, betonte er, als er gemeinsam mit Polizeisprecherin Sylvia Frech zuschaute, wie die Schneise für die Straße durch den Herrenwald vergrößert wird. Die Bäume seien schließlich teilweise 200 Jahre alt: „Da gab es noch gar keine Autos.“ Und so versuchte er, auch aus der Polizeisprecherin Emotionen herauszukitzeln. Doch diese ließ sich nicht hinter die Fassade schauen und erinnerte immer wieder daran, dass die Polizisten einen Auftrag zu erfüllen hätten: „Wir sind mittendrin, müssen aber die Neutralität wahren – auch wenn wir teilweise auf das Übelste beleidigt werden. Das muss man als Polizist aushalten“, erklärte sie und verwies darauf, dass Polizisten einen Eid geleistet hätten und dann eben die Anweisungen ihres Dienstherren, in diesem Fall des Landes Hessen, zu befolgen hätten. Zuhause oder im Freundeskreis könnten Polizisten eine eigene Meinung haben und diese auch kundtun – während der Ausübung ihres Berufes jedoch nicht: „Da bleibt es in ihrem Herzen, ob sie für oder gegen die Fällungen sind“, so Frech. Und was wäre, wenn sie den Befehl, Fällarbeiten zu bewachen, nicht ausführen wollten, fragte Willi. „Dann müssten sie sich überlegen, ob der Beruf für sie noch der richtige ist, und gegebenenfalls über Kündigung nachdenken“, entgegnete die Polizeisprecherin.

Es geht um Demokratie und Gewaltenteilung

Und so dreht sich der Lehrfilm auch um Gewaltenteilung, Demokratie, das Recht, zu demonstrieren, und viele weitere Aspekte – beispielsweise auch um Gewalttaten von Autobahngegnern. Er habe Waldbesetzer getroffen, die gegen die Politik und das Projekt sind – aber die Polizei nicht als ihren Gegner ansehen würden, betont Willi Weitzel, der eigentlich Helmar heißt. Die Menschen seien aber eben vielfältig – und letztendlich habe er festgestellt, dass die Thematik insgesamt „unglaublich kontrovers“ sei: „Irgendwie hat jeder Recht – ob Autobahn-Gegner oder -Befürworter, Anwohner, Umweltschützer oder Wirtschaftsunternehmen. Es gibt gute Gründe, für den Autobahnbau oder eben dagegen zu sein“, lautet das Fazit der Dreharbeiten – wobei Willi die Fällarbeiten und den Straßenbau rundum ablehnt: „Ich bin dagegen. Ich glaube, dass wir hier ein falsches Signal an nachkommende Generationen senden.“ Auf der einen Seite würden Kinder dazu animiert, möglichst klimaneutral zu leben: „Auf der anderen Seite fällen wir jede Menge gesunder Bäume. Unser Wachstum ist zu aggressiv (...). Wir müssen die globale Klimaerwärmung im Auge behalten.“

Der Klimawandel habe immer mehr Folgen und die Welt verändere sich immer mehr zum Negativen. Wenn er dann daran denke, dass seine drei Kinder bald auf einer Erde leben, in der es immer mehr Dürren und andere Umweltkatastrophen gebe, könne er das nicht hinnehmen. Aus diesem Grund spreche er sich gegen das Straßenprojekt aus.

Welche Alternative zum Autobahn-Weiterbau sinnvoll sei, könne er nicht sagen, aber wichtig sei, „dass wir miteinander im Gespräch bleiben – egal welcher Meinung man ist“. Denn nur so entstehe eine fruchtbare Diskussion. Gräben wie in den USA zwischen Republikanern und Demokraten dürften beispielsweise nicht entstehen. Und so bemängelt er einen Stillstand auf dem Weg hin zur dringend notwendigen Mobilitätswende. Die Umsetzung von 40 Jahren alten, aus einer Zeit stammenden Pläne, in der Klimawandel kein Thema war, könne jedenfalls keine Lösung sein. Er würde eine Verlegung des Güterverkehrs aufs Gleis für sinnvoll erachten.

„Selbst Saulus wurde zum Paulus“

Proteste gegen den Weiterbau hält Willi Weitzel für sinnvoll: Der Drops sei noch nicht gelutscht, auch wenn dies angesichts des bestehenden Baurechts so mancher Mensch anders sehe. „Grün ist die Farbe der Hoffnung“, sagt der Fernsehstar und hofft, dass beispielsweise bei Hessens Wirtschafts- und Verkehrsminister Tarek Al-Wazir doch noch ein Umdenken kommt: „Statt an die Macht sollte er sich lieber an einen Baum klammern. Selbst Saulus wurde zum Paulus – es ist nie zu spät.“

Dass er damit der in der Industriestadt Stadtallendorf vorherrschenden politischen Meinung entgegensteht, tue ihm zwar leid und er übe die Kritik nicht gerne, betont er: „Aber es wird Zeit, dass Firmen und Politiker den Ernst der Lage erkennen.“ Die ökologische Qualität der Erde sei einfach am wichtigsten.

von Florian Lerchbacher