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Ostkreis Wälder gesperrt, Gegner demonstrieren
Landkreis Ostkreis Wälder gesperrt, Gegner demonstrieren
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20:56 07.10.2020
Rund 40 Demonstranten zogen nachmittags durch Stadtallendorfs Innenstadt. Quelle: Florian Lerchbacher
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Stadtallendorf/Maulbach

Nach dem Einsatz am Dienstag hatte die Polizei von einem zunehmenden Trend bei Demonstranten und Waldbesetzern berichtet, sich selbst in Gefahr zu bringen. In den vergangenen Tagen hatte sich beispielsweise ein Aktivist unter einem Holzstapel verborgen, eine Situation, die die Polizei als „lebensgefährlich“ einschätzte. Am Dienstag hatte sich eine Demonstrantin ihre Hände mit Sekundenkleber eingeschmiert und einen Baum umklammert (die OP berichtete). Speziell geschulte Einsatzkräfte der Polizei konnten jedoch Schlimmeres verhindern. Außerdem ritzten sich A-49-Gegner ihre Fingerkuppen mit Rasiermessern ein. Das „Presseteam A49“ der hessischen Polizei sprach von einem zunehmenden Trend, sich selbst in Gefahr zu bringen. Ob dieser Trend auch am Mittwoch anhielt, vermochte die Polizei am Nachmittag auf Nachfrage der OP noch nicht einzuschätzen.

Sorgen und Hoffnungen

Am Mittwoch (7. Oktober) nahmen rund 40 Menschen an einer Demonstration durch Stadtallendorf teil, um gegen den Weiterbau der Autobahn zu protestieren. Mit dabei: Einige Waldbesetzer aus Dannenrod, aber auch Männer und Frauen aus der direkten Umgebung. Eine Bürgerin der Stadt erklärte, sie „tausche“ den Verkehr von der Bundesstraße 62 gegen ein Autobahnkreuz direkt vor der Haustür. Außerdem sei der „Wald ihrer Kindheit“ von den Rodungen betroffen – entsprechend sei sie strikt gegen das Projekt.

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Am Rand der Niederkleiner Straße, durch die der Demonstrationszug unter Begleitung von fast so vielen Polizisten wie Teilnehmern führte, waren die Menschen unterschiedlicher Meinung. Eine Friseurin betonte, sie respektiere zwar, dass sich Bürger gegen das Projekt wenden und demonstrieren: „Aber wir brauchen die Autobahn dringend. Stadtallendorf ist schließlich Industriestadt.“ Außerdem glaube sie nicht, dass die Proteste noch Erfolg haben werden.

Ein Mann aus Ober-Gleen erklärte, in seiner Brust würden sozusagen zwei Herzen schlagen: Als Kraftfahrer und Anwohner der Bundesstraße sei er für den Weiterbau der Autobahn, weil diese die Verkehrsbelastung in seinem Heimatort reduzieren werde und er schneller von A nach B kommen könne. Als Privatmensch wolle er die Straße nicht – auch weil er befürchtet, den Lärm von der Autobahn hören zu werden. Zwei weitere Beobachter der Demonstration zogen es vor, gar nichts zu sagen.

Angemeldet hatte Fridays For Future die Demonstration, die eigentlich als Waldspaziergang durch den Herrenwald gedacht war. Die Antragstellerin betonte, dass dies letztendlich wegen der eingerichteten Sperrzone nicht möglich sei. Die Stadt Stadtallendorf bot eine Alternativstrecke an, die aber abgelehnt wurde. Am Ende einigten sich die beiden Parteien auf den Weg über die Niederkleiner Straße – auf dem Teilstück Richtung Parkplatz am Ortsausgang Richtung Niederklein, das noch über einen Bürgersteig verfügt, waren die Demonstranten auch bereit, diesen zu nutzen. Danach wichen sie auf die Straße aus, was zu Verkehrsbehinderungen im Stadtgebiet führte. Gegen Ende der Demonstration versuchte eine Gruppe laut Stadtverwaltung in Richtung Wald durchzubrechen. Nach klärenden Gesprächen kamen alle Beteiligten überein, dass eine kleine Gruppe unter Polizeibegleitung zur Trasse geführt wird.

Am Mittwoch liefen die Baumfällarbeiten in Maulbach wie angekündigt weiter. Umweltschützer protestierten musizierend gegen die Rodungen, zudem kletterten Aktivisten wie schon in den vergangenen Tagen auf Bäume. Polizeibeamte waren damit beschäftigt, die Aktivisten aus dem Wald zu bringen und das Gebiet, wo gerodet werden sollte, zu räumen.

Verfügungen rund um Wälder und Rodungen

Unterdessen haben die Forstämter aus Kirchhain für den Herrenwald und das Forstamt Romrod für den Dannenröder Wald Allgemeinverfügungen erlassen, die Rechtskraft haben. Darin werden die Rodungsgebiete einschließlich eines Schutzstreifens von 90 Metern für Waldbesucher gesperrt. Dieser Schutzstreifen orientiert sich an der Situation, dass Ketten von Harvestern während des Baumfällens reißen, durch die Luft fliegen und Menschen treffen könnten. „Diese Verfügung bezieht sich auf eine Gefahrensituation und dient dem Schutz von Waldbesuchern“, erläutert Wolfgang Lorenz vom Forstamt Romrod.

Das scheint zunächst eine Formalie zu sein. Doch die Frage steht im Raum, wie es sich beispielsweise mit Veranstaltungen der A-49-Gegner im Dannenröder Wald verhält, etwa den Waldspaziergängen mit teilweise deutlich über 1000 Teilnehmern, die immer sonntags stattfinden. Sind diese Veranstaltungen nun auch von einem Betretungsverbot betroffen, also verboten? Hierzu wollen sich die Forstbehörden erst im Laufe des Donnerstags äußern, wie Lorenz ankündigt.

Von Florian Lerchbacher und Michael Rinde

07.10.2020
07.10.2020