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Ostkreis Unbekannte fordern Krawall
Landkreis Ostkreis Unbekannte fordern Krawall
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21:47 18.11.2020
Höhenretter des SEK ziehen eine Frau von einem Baum in einen Hubsteiger. Auch gestern gingen die Proteste gegen den Weiterbau der Autobahn 49 im Dannenröder Forst weiter. Quelle: Nadine Weigel
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Dannenrod

Und wieder stand ein einzelnes Baumhausdorf im Fokus des Polizeieinsatzes im Dannenröder Wald, dieses Mal das Dorf „Woanders“ im nördlichen Forst. Zwischenbilanz der Polizei am Nachmittag: „Es war sehr ruhig bisher“, so ein Sprecher gegenüber der OP.

Stress für die Polizei gab es vor allem in der Nacht zu Mittwoch (18. November) am neuen Logistikzentrum im südlichen Teil des Waldes. Dort sind unter anderem Baumaschinen untergebracht, Polizisten können sich dort während des Einsatzes versorgen. Das Gelände ist ausgeleuchtet und umzäunt. Ausbaugegner hätten das Gelände mit Pyrotechnik und Zwille beschossen, so ein Polizeisprecher. Deshalb sei der Wasserwerfer zum Einsatz gekommen, was vorher mehrfach angekündigt worden sei. Auf Twitter war gegen 22.45 Uhr bei einem Unterstützer zu lesen, dass sich Aktivisten dem Zaun genähert und ihn mit Stöcken beworfen hätten.

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Unterdessen äußerte sich Harald Zwick, Landesvorstandsmitglied der Gewerkschaft der Polizei in Hessen (GdP), gegenüber der Deutschen Presseagentur zu dem A-49-Einsatz. Er sprach mit Blick auf den Dannenröder Forst von einer enormen Belastung für die Beamten. Lange Einsatzzeiten seien keine Einzelfälle. „Wir waren ja schon überlastet ohne Corona, ohne A 49 und ohne Castor.“

Aktionsgemeinschaft fordert Mediation

Wie lange sich der Einsatz im Dannenröder Wald noch hinziehen wird, hänge auch von der Zahl der zur Verfügung stehenden Beamten – auch aus anderen Bundesländern – ab. „Fest steht: Je weniger Kräfte wir zur Verfügung haben, um da zu räumen und anschließend zu roden, umso länger dauert das.“ Er hoffe aber, „dass das Ganze deutlich vor Weihnachten beendet ist“.

Ein klares Statement gab es am Mittwoch (18. November) vor allem von einer der wohl ältesten Widerstandsgruppen gegen den Weiterbau der A 49, von der Aktionsgemeinschaft zum Schutz des Ohmtales, deren Sprecher der Amöneburger Reinhard Forst ist. Die Aktionsgemeinschaft fordert politisch Verantwortliche dazu auf, miteinander zu reden und sich auf eine Mediation, also eine Vermittlung, einzulassen. Das hatte die Konfliktforscherin Professorin Kristina Reitz in der OP angestoßen.

Genau das Gegenteil, ein eindeutiger Aufruf zur Gewalt, wird derzeit im Netz verbreitet. Ursprünglich erschien der Beitrag auf der Internetseite „indymedia.org“, sie gilt als linksextrem und radikal. Das Onlinepamphlet wurde auch vom Bündnis „Wald statt Asphalt“ weiterverbreitet. Einen Urheber gibt es nicht. Beklagt wird vor allem, dass es an Gewalt fehle im Vergleich zu der Besetzung im Hambacher Forst in Nordrhein-Westfalen. Gewalt von Einzelnen oder Gruppen gab es im Dannenröder Forst allerdings schon erheblich: Steinewürfe, Ekel-Attacken mit Fäkalien, versteckte Nagelbretter im Waldboden zum Beispiel.

In dem Online-Pamphlet finden sich klare Aufforderungen, wie sich am besten Gewalt verüben ließe, Ziel ist immer die Polizei. Der Originaltext steht unter der Überschrift „Gewalt statt Asphalt“. Offenbar ist diese „Schrift“ bereits am 14. November erstmals im Netz aufgetaucht.

Es wird darin unter anderem empfohlen, im Winter zum Aufwärmen eine „Bullenkarre“ anzuzünden. Außerdem findet sich am Anschluss ein ganz deutlicher Appell zum „Krawalltourismus“. Lohnende Ziele für Attacken sind demnach auch Baumaschinen. Plakativ und eindeutig ist auch eine andere Formulierung: „Gewaltlosigkeit führt zu Waldlosigkeit“. Die Polizei hatte bereits im Vorfeld des Einsatzes im Dannenröder Forst klargemacht, dass sie mit Straftätern unter den Waldbesetzern rechne, und hatte mit Gewalttaten gerechnet. Bisher ist es auch immer wieder dazu gekommen.

Die Waldbesetzer betonen, dass dieser Text nicht für die ganze Waldbesetzung stehe, die Veröffentlichung sei nicht mit allen abgesprochen. Auf Nachfrage der OP betonte eine Sprecherin, dass es im Wald „unterschiedliche Protestformen“ gebe, die zum Ziel haben, den Wald zu retten. Diese unterschiedliche Form des Protestes sei ihre Stärke. „Was wir aber hier erleben, ist, dass die Polizei sehr gefährdend an die Menschen herangeht, die auf den Bäumen sitzen und in Strukturen hängen“, betonte Sprecherin Kim und verwies auf die Ermittlungen gegen einen Polizisten, der ein Seil durchgeschnitten hatte, in dessen Folge eine Frau aus vier Metern von einem Tripod stürzte. Die Frau liegt immer noch im Krankenhaus.

von Michael Rinde

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