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Ostkreis Camp im Herrenwald existiert nicht mehr
Landkreis Ostkreis Camp im Herrenwald existiert nicht mehr
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21:00 04.10.2020
Spezialkräfte des Höheninterventionsteams holten die Umweltaktivisten von den Bäumen. Quelle: Florian Lerchbacher
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Stadtallendorf

Der Herrenwald war am Freitag ein von der Polizei umstellter „Sicherheitsbereich“, zudem Hunderte Beamte allen Unbefugten den Zutritt verwehrten. Bis es so weit kam, waren am Freitag aber noch einige Arbeiten zu erledigen. Nach Tag eins der Räumung und Rodung hatten sich über Nacht wieder mehrere Umweltschützer in den Wald zu den verbliebenen beiden Baumhäusern geschlichen. Einige warteten am Boden auf die Einsatzkräfte, die sie relativ schnell wegtrugen, etwa acht hatten sich auf Plattformen in den Bäumen verschanzt. Noch gehe es ihnen gut, ließen sie wissen – auch wenn sie ob der bereits gefällten Bäume Hass, Wut und Trauer fühlten. Sie kritisierten noch einmal die Politik und den Kapitalismus. Es habe einige Unmutsbekundungen über das Erscheinen der Polizei gegeben, doch insgesamt sei die Lage friedlich, kommentierte Polizei-Pressesprecherin Sylvia Frech.

Kurz darauf rückte das Höheninterventionsteam, ein Spezialeinsatzkommando, an und machte sich bereit, die drei verbliebenen Baumhäuser zu räumen – aber erst, nachdem Polizisten die Baumbesetzer an die Allgemeinverfügung des Landkreises erinnert und ihnen die Möglichkeit gegeben hatten, die Plattformen freiwillig zu verlassen. Danach gingen die Spezialkräfte in aller Ruhe und Sorgfalt Baum für Baum an. Bei Nummer drei machte ein Beamter das verbliebene Trio auf einer Buche darauf aufmerksam, dass kurz zuvor auf einer Plattform Messer und andere spitze Gegenstände gezückt worden seien. „Macht das bitte nicht“, appellierte er an die Besetzer, es solle schließlich nicht zu „blöden Situationen“ kommen. Was dann auch nicht geschah. Zwar musste er noch einmal appellieren, nichts – also auch keine Stöckchen, wie zuvor geschehen, nach den Einsatzkräften zu werfen. Es solle schließlich niemand verletzt werden. Daher betreibe die Polizei auch diesen „riesen Aufwand“.

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Friedlich ließen sich die Umweltschützer von den Bäumen holen. Der letzte kletterte noch weit hoch in die besetzte Buche. Ein letztes: „Hört Ihr auf“, war zu hören. Kurz darauf saß der letzte Besetzer im Korb der Hebebühne und das Camp „Im Norden o.K.“ war Geschichte. Danach mussten alle den Wald verlassen, der zum Sicherheitsbereich erklärt wurde, in dem die Forstarbeiten nicht behindert werden dürfen. Und so wurde auch eine Gruppe Menschen herausgedrängt, die die Waldbesetzer mit ihrer Anwesenheit und zwei Plakaten hatten unterstützen wollen und immer wieder riefen: „You are not alone“ („Ihr seid nicht alleine“).

Schlagstockeinsatz an Polizeiabsperrung

Als dann der Wald umstellt war und alles ruhig zu sein schien, wurde es doch noch einmal kurz hektisch. Gegen 15 Uhr, so berichtete die Polizei gegenüber der OP, kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzung am Waldrand. 21 Personen versuchten, die Polizeiabsperrungen zu durchbrechen und wieder in den gesperrten Teil des Waldes einzudringen. Das misslang, wie die Polizei berichtet. Allerdings wohl nur unter Einsatz von Gewalt wie von Schlagstöcken. Es habe keine Verletzten gegeben und keine Festnahmen, so ein Polizeisprecher. Am Vorgehen der Polizei gab es im Anschluss scharfe Kritik, unter anderem vom Bündnis „Wald statt Asphalt“ auf Twitter. Ein Video, veröffentlicht von „Wald statt Asphalt“, zeigt im Netz unmittelbar den Schlagstockeinsatz auf Protestierer, die der Polizeikette nahekamen. Was davor geschah und wie es zu der Situation kam, ist nicht zu sehen und bleibt offen. Augenzeugen berichten der OP, der Versuch, in den Wald einzudringen, sei von einem harten Kern von Protestierern ausgegangen, nicht von Demonstranten von „Fridays for Future“.

Unmittelbar vor dem Vorfall war eine Demonstration von „Fridays for Future“ mit etwa 80 Teilnehmern an der Mahnwache angekommen. Diese Demonstration war am Stadtallendorfer Bahnhof gestartet. Eine Sprecherin von „Fridays for Future“ hatte bei einer kurzen Auftaktkundgebung die A-49-Planungen noch einmal scharf angegriffen: „Haltet Euch fest, es gibt keinen nachgewiesenen Grund, warum diese Autobahn durch ein FFH-Schutzgebiet“, sagte Angelika Forst. Es werde keinen geben, der sagen könne, warum diese Autobahn gebaut werde. „Gerodet wird trotzdem“, so Forst.

Etwa fünf Hektar gerodet

Lola Löwenzahn vom Bündnis „Autokorrektur“ sprach nach der Räumung des Camps und vor dem Durchbruchversuch von Protestierern von einem ruhigen Verlauf und freute sich über die breite Solidarität, die die Waldbesetzer erfahren hätten. Sie kündigte an, mit „zivilem Ungehorsam“ weiterhin die Rodungsarbeiten im Herrenwald behindern zu wollen: mit Demos aber auch mit Sitzblockaden vor zwei Harvestern – und mit Aktionen im Dannenröder Forst, der weiterhin besetzt ist.

Das Unternehmen Deges will die Rodungsarbeiten an verschiedenen Stellen der Trasse fortsetzen. Im Herrenwald seien vier bis fünf Hektar Wald in den zwei Tagen gerodet worden, so Sprecher Michael Zarth.

Polizeibilanz am Freitag

Die offizielle Polizeibilanz nach dem Einsatz am Freitag in Zahlen: Es gab insgesamt 20 vorläufige Festnahmen. 29 Protestierer erhielten einen Platzverweis, darunter 21, die versucht hatten, einen Harvester (eine Baumfällmaschine) mit einer Sitzblockade zu stoppen. Am Freitagmorgen hatten sich zunächst 19 Waldbesetzer im Sicherheitsbereich aufgehalten, so die Polizei, darunter zehn in den noch vorhandenen Baumhäusern. Mit dem Einsatzverlauf sei man sehr zufrieden, so Sprecherin Sylvia Frech.

von Florian Lerchbacher und Michael Rinde