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Ostkreis Protestler fordern: Küsschen auf die Schiene
Landkreis Ostkreis Protestler fordern: Küsschen auf die Schiene
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21:26 05.10.2020
Während im Maulbacher Wald geräumt und gerodet wurde, protestierten in Stadtallendorf A 49-Gegner vor den Werkstoren von Ferrero. ­ Quelle: Nadine Weigel
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Stadtallendorf

Tag drei der Rodungen auf der A-49-Trasse. Im Herrenwald ist es ruhig. Wo noch am Freitag Umweltaktivisten ein Waldstück besetzten, liegen gefällte Bäume kreuz und quer. Die Wiese, auf der am Freitag noch Hundertschaften der Polizei parkten, ist leer. Gerodet wird offensichtlich an diesem Montagmorgen im Herrenwald nicht. Stattdessen brausen Dutzende Wagen der Bereitschaftspolizei in Richtung des Stadtallendorfer Industriegebietes. Vor einem der Werktore des Süßwarenherstellers Ferrero haben sich Autobahngegner auf den Boden gesetzt und blockieren die Einfahrt. Sie halten Plakate hoch mit Aufschriften wie: „Keine Küsschen für Ferrero“ und „Kinderüberraschung Klimakatastrophe“ und skandieren „Danni bleibt“ sowie „Herri bleibt“.

„Es geht uns darum, darauf aufmerksam zu machen, dass 500 Lkw völlig überflüssig sind oder es wesentlich weniger sein könnten, wenn die bereits vorhandenen Bahntrassen genutzt würden“, erklärt einer der vermummten Aktivisten. Auch für die Menschen, die an der Bundesstraße leben, hat er eine Botschaft: Er verstünde deren Sorgen um den zunehmenden Schwerverkehr. „Aber es gäbe die Möglichkeit, über Bahnverkehr viel mehr Warengüter zu transportieren, sodass weder eine Autobahn noch eine so große Belastung der Bundesstraßen überhaupt notwendig wären“, betont er, der „Haselmäusken“ genannt werden möchte.

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Gut eine Stunde blockieren er und rund 20 Aktivisten die Einfahrt und ziehen dann in einem spontanen Demonstrationszug Richtung Stadtallendorfer Innenstadt. Hinter ihnen bildet sich eine lange Schlange an Autos und Lkw. Anwohner des nahen Wohnviertels zücken ihre Handys und filmen die Kolonne aus Demonstrierenden, Polizeiwagen und Lkw. Kopfschüttelnd beobachtet Thorsten Digula die Situation. Die Proteste kann er zum „Teil verstehen, weil ja so viel Wald gerodet werde“. Trotzdem ist er für die A 49: „Wir sind eine Industriestadt, und wir brauchen die A 49 genauso wie die Anwohner der Dörfer, die täglich Tausende Lkw ertragen müssen“, sagt er.

Freiwillig unter Stämme gelegt

Am Bahnhof in Stadtallendorf endet wenig später die Demo. „Wir wollen weiter zum Mauli“, sagt eine Aktivistin. Der „Mauli“ – der Maulbacher Wald – im Vogelsbergkreis hinter Homberg ist am Montag der eigentliche Schauplatz der Proteste. Mehrere Hundertschaften der Polizei sind vor Ort, um die beginnenden Rodungsarbeiten zu sichern. Aktivisten haben sich wie schon im Herrenwald in Tripods (dreieckige Konstruktionen aus Holzstämmen) und in Bäume gehängt, um die Fällungen zu verhindern. Ein Autobahngegner liegt unter einem Stapel Holz, der zusammenzubrechen droht – sollte das darüber befestigte Drahtseil durchtrennt werden. „Eine lebensgefährliche Situation“, bestätigt Polizeisprecher Volker Wegmann der OP. Polizisten schaffen es, den Aktivisten sicher aus der Barrikade herauszuholen.

Höhenretter des SEKs „pflücken“ in 15 Metern Höhe eine Baumbesetzerin bei Maulbach aus ihrer Hängematte. Quelle: Nadine Weigel

Höhenkletterern des Spezialeinsatzkommandos gelingt es, mehrere Menschen aus den Bäumen zu pflücken. Die Baumrodungen im Maulbacher Wald starten dann am Mittag. Dort sind laut Deges-Sprecher Lutz Günther etwa 3,5 Hektar Bäume, die fallen müssten. Die Projektgesellschaft Deges ist für die Bauvorbereitung verantwortlich. Der eigentliche Bau erfolgt durch den ausgewählten privaten Partner, eine Tochtergesellschaft des Strabag-Konzerns. Im Dorf Maulbach zeigen Bewohner deutlich ihre Verbundenheit mit den Autobahngegnern und unterstützen lautstark die Proteste. „Ihr zerstört unsere Heimat“, ruft eine Mutter, die mit ihren Söhnen in den Wald gekommen ist.

In Maulbach, das direkt von der A 49 berührt wird, gibt es traditionell großen Widerstand gegen die Trasse. Als die Mahnwache in Maulbach für beendet erklärt wird, da sich die 30 Teilnehmer weigerten, den dort ausgewiesenen Sicherheitsbereich zu verlassen, werden von der Polizei rund 20 Personen in Gewahrsam genommen.

„Spikes“ in Bäumen?

Die Polizei hat am Montag mehrere Situationen rund um Maulbach und im Raum Homberg (Ohm) zu bewältigen: Ein Kreisverkehr in Homberg wurde von 60 bis 100 Menschen blockiert, es kam zu Verkehrsbehinderungen. Die Blockade wurde nach Polizeiaussage friedlich aufgelöst. Zu einer Blockade-Aktion kam es auch auf der Straße zwischen Dannenrod und Appenrod. Dort wurde ein Baufahrzeug mit einem Bagger gestoppt. Auf einer Baustelle am Ausbauende der A 49 bei Neuental hatte sich eine Person an einen Kran gehängt. Die Polizei sicherte am Nachmittag den Kran. Aufgrund des aufkommenden Windes bestand laut Polizei akute Gefahr für die Person. Diese verließ schließlich den Kran wieder.

Wann es im Stadtallendorfer Herrenwald weitere Rodungsarbeiten geben wird, war am Montag offen. Dort müssen noch mehr als 40 Hektar Bäume gefällt werden. Am Morgen hatten Autobahngegner berichtet, dass Bäume mit sogenannten Spikes (kleine Nägel) versehen worden sein sollen, um sie vor einer Fällung zu schützen, da die kleinen Nägel Kettensägen angeblich stoppen. Ein Polizeisprecher konnte der OP zunächst nur bestätigen, dass es derartige Aussagen in sozialen Medien gegeben hat. „Die Baufirmen wurden darüber entsprechend informiert“, so der Sprecher.

Rechtsstreit

Der hessische Verwaltungsgerichtshof (VGH) hat entschieden, dass Sitzblockaden auf der L3343 (Dannenröder Straße) nicht pauschal verboten werden dürfen, wie es das Regierungspräsidium angeordnet hatte und wie es vom Verwaltungsgericht Gießen in erster Instanz bestätigt wurde. Aus Sicht des Verwaltungsgerichtshofes handelt es sich nicht um eine „Verhinderungsblockade“. Der VGH schlägt Blockaden von 30 Minuten außerhalb der üblichen Berufsverkehrszeiten vor. Das Regierungspräsidium soll bis 8. Oktober ein Kooperationsgespräch führen. Die Entscheidung des VGH ist rechtskräftig.

Am Nachmittag verkündete das Verwaltungsgerichts Gießen einen weiteren Beschluss: Das Gericht lehnte einen Eilantrag ab, mit dem eine Frau die Verpflichtung des Polizeipräsidiums Mittelhessen begehrte, zwei im Maulbacher Wald gelegene Grundstücke für eine Versammlung freizugeben. Zur Begründung trug die Antragstellerin vor, am Sonntag gegen 14 Uhr gegenüber einem in Dannenrod anwesenden Polizeibeamten eine Versammlung für den Montag angemeldet und die beiden Flurstücke als Versammlungsort bezeichnet zu haben. Die Anmeldung sei gegenüber der Polizei erfolgt, da die zuständige Versammlungsbehörde am Sonntag nicht erreichbar gewesen sei. Als die Versammlungsteilnehmer am Montag am angemeldeten Versammlungsort eingetroffen seien, hätten sie feststellen müssen, dass sich auf dem gesamten Areal Polizeifahrzeuge und Einsatzkräfte der Polizei befänden, die die Grundstücke „besetzt“ hielten. Der Aufforderung, die Fläche zu verlassen, seien die Polizeikräfte nicht nachgekommen. 

Das Verwaltungsgericht führt in seinem Beschluss aus, es bestehe kein Anspruch, auf diesen Flächen eine Versammlung abzuhalten. Außerdem fielen die Flächen unter eine vom Forstamt Romrod am 01.10.2020 erlassene Allgemeinverfügung, die einen Sicherheitsbereich für die Durchführung der Rodungsarbeiten zum Ausbau der A49 festgesetzt habe.

von Nadine Weigel und Michael Rinde