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Ostkreis Polizei nimmt Autobahngegner fest
Landkreis Ostkreis Polizei nimmt Autobahngegner fest
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21:15 16.11.2020
Mithilfe von Hubsteigern holen Polizisten A 49-Gegner aus ihren Baumhäusern. Quelle: Nadine Weigel
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Dannenrod

Zwei Nachrichten ragten am Montag heraus: Das Amtsgericht Gießen hat gegen zwei Waldbesetzer Haftbefehle erlassen. Ihnen wird vorgeworfen, Steine auf Polizeibeamte geworfen zu haben. Bei einem Mann, dessen Steinwürfe Polizisten am Schienbein verletzt haben sollen, wurden bei einer Durchsuchung nach seiner Festnahme am Samstag ein Böller, ein Messer und weitere Steine entdeckt. Er gehörte zu einer Gruppe von rund 40 Leuten, die Polizisten mit Steinen und Pyrotechnik angegriffen hatten.

Außerdem wurde eine Frau am Wochenende festgenommen, die schon vergangene Woche einen Stein in Richtung des Kopfes eines Polizisten geworfen haben soll. Der Stein verfehlte den Beamten nur knapp. Diese Frau wurde am Samstag aus einem Baum auf den Boden geholt und dabei wiedererkannt und festgenommen. Beide Verhafteten weigerten sich bisher, ihre Identität preiszugeben. Die Ermittlungsrichterin am Amtsgericht Gießen erließ Haftbefehl wegen des dringenden Verdachts des Landfriedensbruchs, des tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte in einem besonders schweren Fall sowie der versuchten beziehungsweise vollendeten gefährlichen Körperverletzung.

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Schnitt in 30 Metern Entfernung

Und es gab eine weitere Neuigkeit: Staatsanwaltschaft Gießen und Polizei äußerten sich gestern Vormittag zu dem Unfall, bei dem eine 20-jährige Frau am Sonntagmorgen von der drei bis vier Meter hohen Plattform eines sogenannten Tripods im Dannenröder Wald stürzte.

Ein Tripod ist ein dreibeiniges Konstrukt, in dessen Spitze sich Personen auf kleinen Plattformen aufhalten. Die Frau liegt weiterhin verletzt in einem Krankenhaus. Es bestehe keine Lebensgefahr, betont Thomas Hauburger, Sprecher der Staatsanwaltschaft Gießen, gegenüber der OP. Die Frau habe massive Prellungen erlitten.

Jetzt scheint klar, was zum Absturz der Plattform geführt hat. Offenbar hat ein 40 Jahre alter Beamter in 30 Metern Entfernung ein Seil durchschnitten, das mit dem Tripod und der Frau verbunden war. Jenes Seil war weder erkennbar mit der Plattform verbunden, noch war es besonders gekennzeichnet, wie bei vergleichbaren Konstruktionen üblich, erklären die Ermittler weiter. In aller Regel gibt es von den Waldbesetzern angebrachte Hinweisschilder bei solchen Seilen.

Auswärtige Ermittler untersuchen Absturz

Die Ermittlungen werden vom Landeskriminalamt, dem Polizeipräsidium Südosthessen und der Staatsanwaltschaft Gießen geführt, da die Einsatzleitung beim Polizeipräsidium Mittelhessen liegt. Die abgestürzte Plattform war von der Polizei zum Tatort erklärt und abgeriegelt worden. Eigens herbeigeholte auswärtige Ermittler untersuchten die Konstruktion.

Was war geschehen? Zunächst schildern Polizei und Staatsanwaltschaft die Ausgangssituation für jenen Beamten am Sonntagmorgen. In den vergangenen Tagen seien mehrfach Fallen wie Nageleimer oder Drahtseile in Kopfhöhe festgestellt worden, die eine Gefahr für Leib und Leben darstellten. Deshalb habe der Beamte das Seil zur Verhinderung von solchen Risiken durchschnitten.

Der Beamte meldete sich selbst bei den ermittelnden Polizisten. Die Staatsanwaltschaft Gießen hat ein Ermittlungsverfahren wegen des Anfangverdachts der fahrlässigen Körperverletzung im Amt eingeleitet. Es gibt laut der Erklärung von Polizei und Staatsanwaltschaft bisher keinen Hinweis darauf, dass der Beamte vorsätzlich das Seil durchschnitten habe. „Zentrale Frage der weiteren Ermittlungen wird es sein zu erklären, ob es für den Beamten überhaupt erkennbar war, dass das Tripod mit jenem Seil verbunden war“, erläutert Hauburger. Nur dann könne überhaupt von einer fahrlässigen Körperverletzung ausgegangen werden.

Waldbesetzer und Unterstützer hatten am Sonntag Vorwürfe in Richtung der Polizei erhoben. Gibt es jetzt Änderungen an der Taktik? „Wir sensibilisieren unsere Einsatzkräfte weiterhin im Umgang mit Streben, Halterungen oder Seilen“, so ein Polizeisprecher gegenüber der OP. Da diese Gebilde meist komplex miteinander verbunden seien, erfolgten Maßnahmen im Anschluss an eine Prüfung durch Fachkräfte.

Angriffe mit Zwillen

Am Montag gab es erneut Vorwürfe vonseiten der Waldbesetzer. Demnach sollen Forstarbeiter einen Baum gefällt haben, an dem sich noch ein Verbindungsseil befand, das zu einer Traverse führte. Daran befand sich ein Mensch, der nach der Fällung fünf Meter in die Tiefe gestürzt und ausgependelt sein soll. Nur eine Sicherung habe einen Sturz zu Boden verhindert. Die Ausbaugegner befürchteten Verletzungen ihres Mitstreiters. Aus Sicht der Polizei war dies anders.

Während der laufenden Fällarbeiten habe sich eine Person in eine Traverse begeben in der Nähe eines bereits angesägten Baumes. Die Forstarbeiter hätten gestoppt, dennoch sei der Baum umgefallen und habe „glücklicherweise nur mit der Spitze das Seil berührt, sodass die Person in der Traverse ins Schaukeln kam“, erklärte Sprecherin Sylvia Frech und betonte: „Es wurde niemand verletzt.“

Für die Polizei stand das Camp „Drüben“ bei ihrem Einsatz erneut im Fokus. Es ist von Baumhäusern in einer Höhe von mehr als 20 Metern geprägt – eine Herausforderung für die Höhenretter der Spezialeinsatzkräfte. Sie setzten dafür einen überlangen Hubsteiger ein, der es ermöglichte, dass sich die Höhenretter von oben in die Baumhäuser abseilen und Menschen herunterholen konnten.

Zeitweise war die Stimmung erneut sehr aggressiv: Flaschen flogen in Richtung eines Baggers. Zugleich wurden Einsatzkräfte nach Berichten der Polizei wieder mit Pyrotechnik angegriffen und mit Zwillen beschossen. Dabei gab es nach Polizeiangaben aber keine Verletzten. Bilanz des Einsatztags: 38 Personen wurden in Gewahrsam genommen. Weiterhin wurden zwei Ermittlungs- und 43 Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet.

von Nadine Weigel und Michael Rinde