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Ostkreis Eskalation im Forst
Landkreis Ostkreis Eskalation im Forst
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21:29 16.09.2020
Lebensgefahr: Ein Beamter des Spezialeinsatzkommandos seilt die Aktivistin ab, die stundenlang in einer instabilen Konstruktion baumelte.
Lebensgefahr: Ein Beamter des Spezialeinsatzkommandos seilt die Aktivistin ab, die stundenlang in einer instabilen Konstruktion baumelte. Quelle: Nadine Weigel
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Dannenrod

Aufregung im besetzten Wald: Am Mittwochmorgen kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Umweltaktivisten und Polizei. Einige Hundertschaften der Polizei waren seit den frühen Morgenstunden im Einsatz, um Rettungs- und Zufahrtswege zu räumen. Denn A49-Gegner hatten an diversen Stellen im besetzten Danneröder Forst Barrikaden aus Holz und Steinen errichtet und wichtige Wege blockiert.

Dass sie damit auch lebenswichtige Rettungswege unpassierbar gemacht haben, wollten die A49-Gegner so nicht stehen lassen: „Wir hatten erst vor ein paar Wochen die Situation, dass ein Forstarbeiter schwer verunglückt ist und da war es überhaupt kein Problem, dass der Rettungswagen zu ihm gelangen konnte“, verteidigte ein Sprecher unter dem Pseudonym „Momo“ die Aktion. Sie seien „sehr darauf bedacht, Rettungswege freizuhalten“, aber wollten sich dennoch „aktiv der Polizei in den Weg stellen.“

Ausgelegte Krähenfüße

Das taten sie dann auch. Einige Aktivisten versuchten laut Polizei, auf ein Fahrzeug der Forstbetriebe zu klettern. Zudem teilte die Polizei mit, seien gezielt Krähenfüße ausgelegt worden. Ein Waldbesetzer sei festgenommen worden, weil er dabei beobachtet worden sei, wie er „Krähenfüße“ vor ankommende Einsatzfahrzeuge gelegt habe.

Eine Gruppe von Umweltaktivisten blockiert das Vorankommen einer Forstmaschine. Quelle: Nadine Weigel

Als einige Beamte versuchten, einen sogenannten Tripod, eine Konstruktion aus drei oben zusammengebundenen Stämmen aus dem Weg zu räumen, führte das zu der Eskalation, die in einer weiteren Festnahme mündete und darin, dass eine Aktivistin stundenlang in gut 13 Metern Höhe in der instabilen Konstruktion hing. Es bestand akut Lebensgefahr für die junge Frau. Da waren sich beide Seiten einig.

Wie es aber dazu kommen konnte, da gingen die Darstellungsweisen auseinander: „Als die Aktivisten mitbekommen haben, dass dieses Tripod entfernt werden sollte, hat sich eine Aktivistin mit Kletterseilen ausgestattet und in die Konstruktion gehängt, obwohl wir sie darauf angesprochen hatten, das zu unterlassen“, erklärte Polizeisprecherin Jasmin Hirsch auf Nachfrage der OP.

Die Aktivisten hingegen sahen den Hergang etwas anders: „Die Polizei hat extrem unverantwortlich gehandelt, weil sie den Tripod auseinandergezogen haben, obwohl eine Person im Seil hing und Menschen unter dem Tripod saßen“, sagte eine Sprecherin der Aktivisten mit dem Pseudonym „Charlie“.

Eine A-49-Gegnerin hängt stundenlang in instabiler, zwölf Meter hoher Konstruktion, bis sie das Spezialeinsatzkommando auf den Boden abseilt. Quelle: Nadine Weigel

Mit der Aktion begann im wahrsten Sinne des Wortes eine Hängepartie. Die Aktivistin, die in der unsicheren Konstruktion gut 13 Meter über dem Boden baumelte, machte lautstark deutlich, dass sie erst herunterkomme, wenn die Polizei den Wald verlasse. Die Polizei jedoch wollte den Wald erst verlassen, wenn die Aktivistin sicher am Boden sei.

Als die Feuerwehr daraufhin in den Wald fahren wollte, um ein Luftkissen zu bringen, das unter die gefährdete Aktivistin gelegt werden sollte, setzten sich ihre Mitstreiter den anrückenden Feuerwehrfahrzeugen in den Weg. Sie konnten den Grund für den Einsatz der Wehr nicht nachvollziehen und forderten zugleich die Polizei dazu auf, Auskunft über eventuelle „Gefangene“ zu geben. Grund war ein Transportfahrzeug der Polizei, dass am Protestcamp gehalten hatte. Ein Krankenwagen bezog Stellung. Diesem wurde laut Polizei der Zugang zum Wald ebenfalls kurzzeitig verweigert.

Kurze Sitzblockade

Die kurze Sitzblockade brachte die Pressekonferenz des BUND-Bundesvorsitzenden Olaf Bandt zu einem jähen Ende. Bandt hatte zuvor die bekannte Argumentation des Umweltverbandes wiederholt und eine neue Debatte darüber gefordert, ob die A 49 noch in die Zukunft passe. „Deshalb wollen wir jetzt ein Moratorium“, so Bandt.

Höhenretter eines Spezial-Einsatz-Kommandos wurden am Nachmittag per Hubschrauber aus Frankfurt eingeflogen. Nach mehr als fünf Stunden gelang es dem SEK schließlich, die Frau auf den sicheren Boden abzuseilen. Unter dem lautstarken Protest der A-49-Gegner. Nachdem die Frau wieder am Boden war, baute die Polizei das „Tripod“ dann doch noch vollständig ab, wie Polizeisprecher Jörg Reinemer am Mittwochabend berichtete.

Ein Polizeibeamter wurde bei einer Festnahme leicht verletzt. An drei Polizeifahrzeugen entstanden Schäden, etwa durch einen Farbbeutel.

von Nadine Weigel und Michael Rinde