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Ostkreis Erst Konfrontation, dann friedlicher Protest
Landkreis Ostkreis Erst Konfrontation, dann friedlicher Protest
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20:25 06.12.2020
Ein A-49-Gegner von „Ende Gelände“ reckt ein Holzschwert in Richtung der Polizei. Quelle: Nadine Weigel
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Dannenrod

Baumfällarbeiten oder Räumungen von Baumhäusern gab es am Wochenende (5. und 6. Dezember) im Dannenröder Forst nicht, wohl aber ganz unterschiedliche Formen von Protest: vom Bau neuer Barrikaden vor der gerodeten und eingezäunten Fläche über prominente Besucher wie von Umweltaktivistin Luisa Neubauer bis zu den traditionellen Waldspaziergängen mit hunderten Teilnehmern und einer besonderen Geschenkaktion.

Luisa Neubauer hatte am Sonntagmorgen in einem der verbliebenen fünf Baumhäuser im Camp „Oben“ Platz genommen. Neben ihr der prominente A-49-Gegner und Förster Peter Wohlleben und führende Vertreter großer Umweltverbände. Neubauer schickte eine Botschaft per Twitter, in dem sie erneut „eine Politik für ... den Schutz der Lebensgrundlagen“ einforderte. Außerdem sprach sie von großartiger Solidarität mit den Menschen, die seit vielen Monaten für diesen Wald kämpften.“

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Anders als am unruhigen Samstag ging es am Sonntag in und rund um den Forst weitgehend friedlich zu. Die Polizei berichtete von einzelnen Barrikaden auf Rettungswegen. Es kam bei deren Abbau allerdings zu Würfen mit Behältern voller Exkremente auf Polizisten. Diese Wurfgeschosse verfehlten die Beamten allerdings.

Am Vormittag hatten sich bereits zahlreiche Autobahngegner rund um das erste und nunmehr letzte Baumhausdorf versammelt – trommelnd, pfeifend und immer wieder auch musizierend. Zeitweise stand ihnen eine Polizeikette im Weg, die Aufräumarbeiten bei Barrikaden abschirmte.

Dialoge am Rande der Polizeikette

Ja, ihr sei auch furchtbar kalt beim Stehen, erklärte eine bayrische Polizeibeamtin einem Ausbaugegner. Während dieses Gespräch lief ein anderer älterer Herr an ihr vorbei. Einige Meter entfernt ruft er ein „Verzieh Dich“ in ihre Richtung. Die Beamtin schüttelte nur leicht den Kopf. „Mit so etwas kann ich leben, bei richtig persönlichen Beleidigungen fällt mir das aber manchmal sehr schwer. Das lässt sich nicht immer so runterschlucken“, sagte sie gegenüber der OP. Am Samstag war es zu vorübergehenden Festnahmen wegen Beleidigungen von Polizeibeamten gekommen. Auch, weil Beamte mit einem Nagelbrett beworfen wurden. Wenige Minuten später betonte ein Autobahngegner aus Marburg gegenüber der OP, wie wichtig es ihm ist, dass es weder zu Gewalt noch zu Beleidigungen auf irgendeiner Seite kommt. „Schmählieder oder so etwas gehören hier nicht her, wir sind alle Menschen“, so sein Statement.

Etwa 500 Teilnehmer, so schätzte es die Polizei am Abend, hatten die traditionellen Waldspaziergänge. Am Mittag endete die von der Initiative „Danni-Eltern“ organisierte Geschenkaktion, die offenbar bundesweit Anklang gefunden hatte. Auf der Bühne im Protestcamp türmten sich die Pakete, die am Sonntagnachmittag verteilt wurden.

Unruhiger Samstag

Wesentlich unruhiger verlief der Samstag im Rückblick: Am Samstagmorgen marschierten hunderte Ausbaugegner durch den Wald in Richtung bereits gerodeter Trasse. Dort stehen noch fünf Baumhäuser, teils in mehr als 20 Metern Höhe, und Plattformen. Einige der in weißen Overalls gekleideten Menschen, die dem Aufruf des Bündnisses „Ende Gelände“ gefolgt waren, zündeten Pyrotechnik und Rauchbomben auf dem Weg in den Wald. Die Polizei sprach rückblickend von 250 bis 300 Personen.

Vor dem mit Natodraht geschützten Zaun, hinter dem die Polizei bereits mit Wasserwerfern und Räumfahrzeugen vorgefahren war, bauten sie Schneemänner und Barrikaden aus Holz auf. Laut Polizei blockierten sie so Not- und Rettungswege des angrenzenden Logistiklagers. Einige warfen Schneebälle auf die Polizisten, die auch befürchteten, dass sich in den Schneebällen Steine befinden könnten. Die Beamten setzten daraufhin Wasserwerfer ein und entfernten die Hindernisse.

Gerüst auf B 62 ist beseitigt

„Die Menschen wurden mehrmals vorgewarnt, dass der Wasserwerfer zum Einsatz kommt, wenn sie ihre Handlungen nicht unterlassen“, erläuterte Polizeisprecher Jochen Wegmann auf OP-Nachfrage. Anschließend bildeten die Aktivisten eine Menschenkette um die Reste des letzten Baumhausdorfes namens „Oben“, das aber laut Polizei am Wochenende gar nicht geräumt werden sollte. Die Polizei drängte die Menschen, die auch einen besetzten Tripod umringten, zurück. Dabei wurden vereinzelt Schlagstöcke und Pfefferspray eingesetzt. Mehrere Menschen kühlten ihre tränenden Augen mit Schnee. „Das war völlig unverhältnismäßig, wir standen ganz friedlich da“, kritisierte eine Aktivistin, die sich Mond nennt.

Eine gute Nachricht für Autofahrer: Am Samstagabend wurden die letzten Reste eines Gerüstes auf der B 62 zwischen Niederklein und Lehrbach beseitigt und die Straße gesäubert, wie Sprecher Jochen Wegmann berichtet. Damit ist die Bundesstraße wieder in beiden Richtungen befahrbar, wenn sie nicht wegen laufender Polizeieinsätze am Dannenröder Wald gesperrt werden muss. Doch die Räumungs- und Rodungsarbeiten dürften nur noch wenige Tage dauern, so der Stand am Sonntagabend.

von Nadine Weigel und Michael Rinde

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