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Ostkreis Die Proteste werden mehr
Landkreis Ostkreis Die Proteste werden mehr
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21:00 04.10.2020
Für Klimaschutz und gegen den Weiterbau der Autobahn 49 demonstrierten am Sonntag hunderte Menschen. Quelle: Florian Lerchbacher
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Dannenrod

Nach den ersten Rodungsarbeiten am Donnerstag und Freitag fanden Protestaktionen von Autobahngegnern am Wochenende erwartungsgemäß noch größeren Zuspruch als bisher. Am Samstag (3. Oktober) fand die – teilweise über die A 49 führende – zweite Fahrrad-Demo von Kassel zum Dannenröder Forst statt. In der Spitze waren bis zu 300 Menschen gemeinsam unterwegs. Neben Stadtallendorf war Neuental eine Station. Dort haben Ausbaugegner Baumaschinen mit Transparenten behängt und teilweise besetzt. „Wir geben diesem Protest Raum“, sagte ein Polizeisprecher am Sonntag, betonte aber, dass am Montag die Lage neu bewertet werden müsse, da die Baufirma eben auch zu ihrem Recht kommen müsse. Eine Idee sei, die Arbeiten fortzusetzen und den Protest in der Nähe, aber eben nicht im Arbeitsbereich zu ermöglichen.

Am Sonntag (4. Oktober) fand dann am Dannenröder Forst eine Kundgebung mit den obligatorischen Waldspaziergängen statt, zu der Fridays for Future, Campact, der BUND, das Aktionsbündnis „Keine A 49“ und die Naturfreunde aufgerufen hatten. Zur Teilnehmerzahl gingen die Meinungen auseinander: Die Veranstalter sprachen von rund 5 000 Menschen, die Polizei von 1 500. Sicher ist aber: Es waren so viele wie noch nie, die ihren Unmut über die Rodungen für die A 49 im Herrenwald, dem Dannenröder Forst und im Wald bei Maulbach teilweise lautstark kundtaten. Einen besonders schweren Stand hatte Michael Kellner, der politische Bundesgeschäftsführer von Bündnis 90 / Die Grünen. Weil die Grünen als Koalitionspartner in Hessen den Weiterbau der A 49 mittragen, steht die Partei bei den Protestlern in der Kritik. Da half es auch nicht, dass Kellner dazu aufrief, das Projekt, das er als „Irrsinn“ bezeichnete, zu stoppen – und auch nicht, dass die Bundes-Grünen sich für ein Moratorium aussprachen und fordern, alle geplanten Straßenbauprojekte noch einmal neu zu bewerten.

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Auch am Wochenende 3. und 4. Oktober gab es Proteste und eine Kundgebung gegen den Weiterbau der A49 durch den Dannenröder Forst.

Letzteres forderte auch Olaf Bandt, der Vorsitzende des BUND. In Zeiten des massiven Artensterbens dürfe es keine neuen Autobahnen geben: „Wir brauchen andere Pläne für die Mobilität 2030.“ Barbara Schlemmer vom Aktionsbündnis „Keine A 49“ sprach derweil von einem Schlachtfeld, das die Harvester bei Stadtallendorf im Herrenwald bisher angerichtet hätten, und bezeichnete die Aufeinandertreffen von Polizisten und Autobahngegnern (siehe Bericht über die Rodungen am Freitag) sogar als „Gemetzel“. „Ihr seid die Lebensversicherung für unseren Wald“, rief sie den Besetzern zu, redete von einem „beginnenden Ökozit“ und fragte mit Blick auf die vergangenen Wochen: „Sind wir hier in Belarus?“

Waldbesetzerin „Jay“ erinnerte die Grünen daran, dass sie einst eine Koalition mit der SPD wegen eines Streits über die Atompolitik platzen ließen, und forderte die Partei dazu auf, sich an die damalige Einstellung und Haltung zu erinnern. Sie hofft auf eine „Systemwende von unten“ und schlug vor, aus der Autobahn 49 die Fahrradstraße 49 zu machen – wie gut sich die Strecke für Radfahrer eigne, habe sich schließlich tags zuvor gezeigt. Zwei Vertreter von Fridays for Future riefen dazu auf, sich den Waldbesetzern anzuschließen. Unter den weiteren Rednern fand sich unter anderem die Amöneburgerin Angelika Forst vom Aktionsbündnis Schutz des Ohmtals. Sie sagt beispielsweise, dass durch den Bau der A 49 – entgegen offizieller Angaben – die Anwohner mehr be- als entlastet werden, das Projekt kaum wirtschaftliche Vorteile für die Region habe und das Land Hessen eine seiner größten Trinkwasserreserven aufs Spiel setze. Außerdem dürfe die Autobahn nach Kosten-Nutzen-Analyse des Bundes nicht gebaut werden.

Unterdessen hat der Verein „Marburger Institut für Ornithologie und Ökologie“ und Geschäftsführer Dr. Andreas Matusch Klage gegen die Beseitigungsanordnung für Baumhäuser in Herrenwald und Dannenröder Forst eingelegt.

von Florian Lerchbacher