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Ostkreis Die Emotionen kochen hoch
Landkreis Ostkreis Die Emotionen kochen hoch
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22:41 15.11.2020
Polizisten nehmen am Sonntag eine Frau fest, die zuvor auf den Ästen eines Baumes herumgeturnt war. Quelle: Nadine Weigel
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Niederklein/Dannenrod

Die Wut ist spürbar. „Schämt Ihr Euch nicht? Was erzählt Ihr Euren Kindern, wenn Ihr heimkommt?“, ruft eine Frau aufgebracht in Richtung der Polizeikette. Die steht eng an eng auf einem Waldweg im Dannenröder Forst um einen Tatort herum. Um einen sogenannten Tripod, ein aus drei schmalen Baumstämmen zusammengebautes Gestell, in dem sich A49-Gegner auf Plattformen hängen.

Am Sonntagmorgen ist von diesem Tripod eine junge Frau aus rund vier Metern Höhe gestürzt. Sie wurde verletzt ins Krankenhaus gebracht. Nun, einige Stunden später, findet der sonntagnachmittagliche Waldspaziergang statt, an dem erneut mehrere Hundert Menschen teilnehmen. Familien mit Kindern, ältere Menschen, viele aus den umliegenden Ortschaften, die den Lückenschluss der A49 verhindern wollen. Normalerweise sind diese Spaziergänge sehr friedlich, doch nach dem Unglück am Morgen kochen die Emotionen hoch.

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Das Aktionsbündnis „Wald statt Asphalt“ erhebt schwere Vorwürfe: Es macht auf den sozialen Kanälen die Polizei für den Unfall verantwortlich. „Die Polizei hat heute in 10 bis 15 Metern Entfernung von einem Tripod ein Seil durchschnitten“, heißt es. Das habe dazu geführt, dass die Frau zu Boden gestürzt sei.

Auch Barabara Schlemmer vom Aktionsbündnis „Keine A49“ macht im Gespräch mit der OP die Einsatzkräfte verantwortlich. „Wir haben von mehreren Zeugen mitgeteilt bekommen, dass die Polizei Sicherungsseile durchtrennt hat, die diesen Tripod gehalten haben“, sagt Schlemmer und betont, dass dies als gefährliche Körperverletzung zu werten sei. „Nach diesem Vorfall muss der Einsatz im Danni unverzüglich gestoppt werden. Es darf keine weitere Gefährdung von Menschenleben durch verantwortungslose oder überforderte Polizeikräfte geben“, heißt es in einer Pressemitteilung des Aktionsbündnisses.

Die Polizei weist diese Darstellung des Unglücks entschieden zurück. Es habe „keinerlei Einwirkung“ vonseiten der Beamten gegeben. „Unsere Einsatzkräfte haben den Sturz nur aus der Ferne beobachtet, selbst haben wir nicht auf die Person eingewirkt“, erklärt Polizeisprecherin Sylvia Frech und ruft dazu auf „sich nicht an Spekulationen zu beteiligen“. Die Ermittlungen laufen.

Einige Teilnehmer des Waldspazierganges interessiert diese Stellungnahme der Polizei nicht. „Ihr lügt doch“, ruft ein älterer Mann den Polizisten zu, die um den Tatort-Tripod herumstehen. Oben in einem Stahlseil, das zu der Konstruktion gespannt ist, hängt eine junge Aktivistin. Sie hing am Morgen wenige Meter daneben, als ihre Mitstreiterin zu Boden stürzte. Auf Nachfrage der OP schildert sie ihre Sicht des Vorfalls. „Ich hab’ nur gesehen, dass das (die Plattform, auf der die Aktivistin saß; Anmerkung der Redaktion) so abgerutscht ist und die Person rausgefallen ist“, sagt sie. Ob das Seil gerissen sei oder die Polizei ein Sicherungsseil durchgeschnitten hat, habe sie aus ihrer Position nicht erkennen können.

Gewalt und Verhaftungen am Samstag

Am Abend bilanziert die Polizei einen „friedlichen“ Sonntag und machte zwei Ausnahmen: Gegen 12.30 Uhr hätten mehrere Personen im südlichen Bereich des Waldes versucht, eine Polizeiabsperrung zu durchbrechen. Dort habe man „körperliche Gewalt“ anwenden müssen, um den Durchbruch zu verhindern. Gegen 16 Uhr sei es zu einem Vorfall nahe des Bereiches, in dem Bäume gefällt wurden, gekommen. Dort war eine Frau ungesichert auf einen Baum geklettert und turnte auf den Ästen herum. Die unter dem Baum stehenden Beamten drohten ihr erst mit Pfefferspray, herunterzukommen, erwischten sie dann am Bein und zogen sie zu Boden. Sie sei „stark alkoholisiert gewesen“, hieß es später in einer Pressemitteilung der Polizei. Sie wurde in Gewahrsam genommen. Zwei Einsatzkräfte seien leicht verletzt worden, als die Frau Widerstand leistete.

Standpunkt

Der Hass muss enden

Die Lage im Dannenröder Forst eskaliert immer weiter. A49-Gegner zünden im Wald Pyrotechnik und Feuerwerk. Die Polizei berichtet von Attacken auf ihre Einsatzkräfte mit Steinen und – besonders ekelhaft – Exkrementen. Die A49-Gegner unterdessen beklagen Repression und Polizeigewalt. Und im Internet wünschen A49-Befürworter den Umweltaktivisten nicht selten einen grausamen Tod.

Das alles lässt mich sprachlos zurück. Solch eine Gewalt – sei es in körperlicher Form oder in verbaler – ist ein Novum in unserer bisher friedfertig-idyllischen Region.

Es kann doch nicht sein, dass solch ein Projekt ganze Dörfer spaltet, Freundschaften entzweit und sogar Familien auseinanderbringt. Diese Gewalt muss enden. Dieser Hass muss aufhören.

Und zwar schnell. Jeder sollte sich klar machen, dass sein Gegenüber ein Mensch ist. Auch ein Polizist hat Gefühle. Auch ein Aktivist hat Sorgen und Ängste, genauso wie ein Mensch, der sich die A49 herbeisehnt. Jeder sollte seinem Gegenüber Respekt zollen. Jeder sollte sich einmal kurz in den anderen hineinversetzen. Anstand, Empathie und ein bisschen Verständnis haben noch keinem geschadet. Jeder sollte sich auf Artikel 1 des Grundgesetzes zurückbesinnen. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Würde jedes Menschen.

von Nadine Weigel

Insgesamt seien am Sonntag zwölf Personen in Gewahrsam genommen worden. Am Samstag waren es 42, denn an diesem Tag war es laut Polizei zu mehreren Angriffen gekommen. Bereits am Vormittag kam es im nördlichen Teil des Forstes nahe der B62 zu einem lauten Knall. A49-Gegner zündeten Pyrotechnik und Feuerwerk nahe eines Baumhausdorfes, das von Spezialkräften der Polizei geräumt wurde.

Mehrere Menschen hatten ihre Hände mit Sekundenkleber aneinandergeklebt. „Wir machen das, um die Räumung zu verzögern“, rief ein mit bunter Farbe bemalter Ausbaugegner von einem Baumhaus herunter. Er und seine Mitstreiter konnten nicht verhindern, dass ganz in der Nähe des Camps weiter Bäume gefällt wurden. Ganz zum Unmut zahlreicher Demonstrierender, die am abgesperrten Bereich gegen die Zerstörung des Waldes protestierten.

Am Nachmittag passierte dann laut Polizei ein unfassbar ekliger Vorfall. Von den Bäumen herunter seien Polizisten mit Bechern voller Exkremente beworfen worden. Ein Beamter sei dabei an Helm und Gesicht getroffen worden. „Das ist nicht nur unwahrscheinlich eklig, sondern auch absolut gefährlich, denn diese Exkremente können mehr Krankheitserreger enthalten, als das beispielsweise in Blut der Fall ist“, so Polizeisprecherin Sylvia Frech.

Am späten Nachmittag sei es dann noch zu einer Farbbeutelattacke nahe des Camps bei Dannenrod gekommen. Ursache sei wohl gewesen, dass sich ein Lkw-Fahrer verfahren hatte. Daraufhin sei er „angegangen“ und sein Lkw blockiert worden, so Frech. Polizeibeamte seien von zehn Vermummten mit Farbbeuteln beworfen worden. „Schon eine so kleine Situation kann hier zu einer völligen Eskalation führen. Das ist nicht unsere Vorstellung, wie die Einsatzmaßnahmen verlaufen sollen“, so Frech, die betonte, dass die Polizei weiter auf Kommunikation setze. „Wir bleiben mit euch – euch allen – im Gespräch.“

Hintergrund

B62 bleibt weiter bei Einsätzen gesperrt

Seit Mittwoch, 5. November, ist die Bundesstraße 62 während der meisten Zeit zwischen Niederklein und Lehrbach gesperrt. Zuerst wegen der Protestaktion mit einem Kunststoffseil zwischen Dannenröder Wald und Herrenwald. Seit Dienstag nunmehr, weil die Polizei die Bundesstraße braucht, um dort ihre Einsatzfahrzeuge abzustellen, wenn Beamte im nördlichen Dannenröder Wald im Einsatz sind. Wie lange dieser Zustand noch dauert, kann auch die Polizei nicht absehen.

Man suche nach einer anderen Lösung, hieß es in einer Presseerklärung vergangene Woche. Noch gibt es die aber nicht, wie sich zuletzt am vergangenen Samstag zeigte.

„Wir können die Fahrzeuge auch nicht in der nahen Wiese parken“, erklärte ein Sprecher am Sonntag. Denn dort drohten sie, einzusinken. Autofahrer müssen sich also weiter gedulden.

von Nadine Weigel

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