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Ostkreis Bleibt noch Zeit für vermittelnde Gespräche?
Landkreis Ostkreis Bleibt noch Zeit für vermittelnde Gespräche?
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22:39 15.11.2020
Professor Dr. Kristina Reitz setzt sich im A-49-Konflikt für Mediationsgespräche
Professor Dr. Kristina Reitz setzt sich im A-49-Konflikt für Mediationsgespräche Quelle: Claudia Buhl-Loewinger
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Gemünden/Felda

Es ist noch nicht zu spät, glaubt Kristina Reitz. Die an der Hochschule Niederrhein forschende und lehrende Professorin ist Expertin für Konfliktvermittlung. Sie stammt aus Gemünden/Felda, genauer gesagt aus Ehringshausen – wenige Kilometer entfernt vom Dannenröder Forst. „Das Kind ist erst dann wirklich nicht mehr aus dem Brunnen zu retten, wenn es unten im Schacht liegt und dieser voll Wasser gelaufen ist“, sagt Kristina Reitz im Gespräch mit der OP. Ihr Plan ist ambitioniert: Sie setzt sich dafür ein, die im Streit um den A-49-Weiterbau extrem verhärteten Positionen aufzuweichen und neu auszuloten, um zu einer Lösung zu gelangen, mit denen Weiterbau-Gegner wie -Befürworter auch noch in 20 oder 50 Jahren leben könnten.

„Miteinander reden ist notwendig, um die Hintergründe der aktuellen Auseinandersetzungen zu verstehen“, glaubt die Konfliktforscherin. Der Autobahn-Weiterbau an sich sowie die konkreten Streckenführungen seien in Familien, Dörfern und Städten, in Unternehmen, Vereinen, Interessenverbänden, Kirchen sowie Parteien vor Ort und auf landes- und bundespolitischer Ebene immer wieder und mitunter äußerst kontrovers diskutiert worden, so Kristina Reitz: „Diese Auseinandersetzungen hinterlassen erhebliche Spuren in den zwischenmenschlichen Beziehungen – sollen Lösungen gefunden werden, die von möglichst vielen Menschen langfristig mitgetragen werden, ist es hilfreich, sich auf Spurensuche zu begeben, allen Standpunkten mit Respekt für deren Entstehung zu begegnen und damit Verständnis zu erzeugen.“

Zwei Standpunkte: dafür oder dagegen

Betrachte man das aktuelle Geschehen, so seien die Auseinandersetzungen heftiger geworden, die Standpunkte auf zwei Positionen reduziert: Man ist für den Weiterbau oder man ist dagegen. „In der Konflikttheorie geht man davon aus, dass sich Lösungen, die für alle akzeptabel sind, nur dann entwickeln lassen, wenn man zunächst gemeinsam ermittelt, welche grundlegenden Bedürfnisse mit den jeweils vorgetragenen Positionen aktuell und auch zukünftig erfüllt werden sollen“, gibt die Wissenschaftlerin zu bedenken. „Was wäre, wenn in dieser schwierigen Situation allen Beteiligten eine Denkpause und Gespräche miteinander ermöglicht würden?“, fragt die Konfliktforscherin und bemüht eine einfache Weisheit aus der Mediationstheorie: Es ist nie zu spät.

Im Zweifel könnten Entscheidungsträger und Interessensvertreter auch vertraulich miteinander sprechen – unter der Moderation erfahrener Konfliktschlichter. „Das sollte eine Gruppe von drei bis fünf Personen sein, die vielleicht früher in der Politik oder etwa im kirchlichen Bereich tätig waren“, sagt Kristina Reitz, die selbst auf langjährige Erfahrungen im Bereich Teamcoaching zurückblickt. So arbeitete sie etwa mit Bundes- und Landesverwaltungen sowie Richtern und Staatsanwälten.

Sie selbst würde sich für eine solche Aufgabe zur Verfügung stellen, betont jedoch: „Ich dränge mich da nicht rein.“ Die evangelische Kirche – Dekanat Vogelsberg – könne als Organisation dahinter stehen und habe bereits Rückendeckung signalisiert.

Online-Petition: Gemeinsame Suche nach Lösungen

Mehr als 500 Menschen haben in den vergangenen Tagen und Wochen bereits eine Online-Petition unterstützt, die Reitz initiiert hat. Ihre Forderungen an den Petitionsausschuss des Bundestages: Gesprächsbereitschaft aller Akteure, die gemeinsame Suche nach Lösungen, die für alle langfristig akzeptabel sind, Bezug auf aktuelle Forschungsergebnisse mit Blick auf Mobilität, Klimaschutz und Sicherung von Arbeitsplätzen in der Region sowie eine zumindest vorübergehende sofortige Unterbrechung der Arbeiten vor Ort.

Kristina Reitz glaubt, dass die Wiederaufnahme des Dialogs und die daraus erwachsenden Konsequenzen zukunftweisend sein könnten:

„Vielleicht würde dieses Projekt und die Menschen, die es auf konstruktive Weise vorangebracht haben, als Beispiel dafür in die Geschichtsbücher eingehen, wie man es schafft, sich im letzten Moment gemeinsam den aktuellen Herausforderungen der Zeit mit Blick auf Wirtschaftsstabilität, Verkehrsberuhigung und Klimawandel zu stellen.“

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