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Ostkreis Besetzer richten sich weiter ein
Landkreis Ostkreis Besetzer richten sich weiter ein
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18:52 17.09.2020
Einer der Waldbesetzer seilt sich im Herrenwald von einer Plattform ab. Quelle: Florian Lerchbacher
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Stadtallendorf

Sie sind ein Stück weit mehr angekommen, die Bewohner des Baumhauses in der Nähe der Bundesstraße 454, gelegen auf der geplanten Trasse der Autobahn 49. Auf zwei Plattformen sammelten sich gestern reichlich Lebensmittel und Wasser. Beim Besuch der OP am Donnerstagmittag (17. September) waren vier Bewohner anwesend, teils am Boden, teils in einigen Metern Höhe. Sie rechneten im Laufe des Tages mit weiteren, mutmaßlich aus einem der großen Besetzer-Camps in Dannenrod kommenden Besuchern.

Teilweise haben die jungen Waldbesetzer schon Erfahrung, für eine von ihnen ist es aber komplettes Neuland, in einem Baumhaus zu leben und zu schlafen. Sie spricht nach zwei Nächten „von einer tollen Erfahrung, unter Sternenhimmel einzuschlafen“.

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Das einzelne Baumhaus liegt unweit von der geplanten Autobahnauffahrt Stadtallendorf-Nord mitten im Wald. Es führt kein Weg direkt dorthin, Besucher müssen durchs Dickicht zum Baumhaus gelangen. Nach wie vor hängt ein großes Plakat nahe einer der beiden Holzplattformen.

Dort steht unter anderem „Danni bleibt“, gemeint ist der Dannenröder Wald. Dass sie sich jetzt vor allem für den Erhalt des Herrenwaldes einsetzen, spielt für die Besetzer keine wirkliche Rolle. „Wald ist Wald und der gehört beschützt“, so der Tenor. Vom „Herri“, wie schon mancher mutmaßte, wollen sie ganz bewusst nicht reden.

Auch für herbstlichere Tage sind sie bereits eingerichtet

Die Aktivisten richten sich darauf ein, länger im Herrenwald zuzubringen. Auch für herbstlichere Tage sind sie bereits eingerichtet. Am Baumhaus und auf den Lagerplattformen liegen Plastikfolien bereit, sobald Regen einsetzen sollte.

Etwa 34 Hektar Wald werden im Herrenwald insgesamt für die A-49-Trasse gefällt werden müssen. Ab 1. Oktober ist das formal wieder möglich, wann und wo die vom Unternehmen Deges beauftragten Forstunternehmen mit dem Bäumefällen beginnen werden, ist bisher noch nicht bekannt. Die Kreisverwaltung hatte am Mittwoch bereits einen formalen „Baustopp“ für das Baumhaus verhängt.

Seitdem haben die Waldbesetzer aber noch nichts wieder von den Behörden gehört. Dagegen gab es weitere Unterstützung aus dem „Muttercamp“, sprich von den Besetzern im Dannenröder Wald. Von dort kamen die Vorräte, die die Besetzer jetzt auf den Plattformen horten.

Sie sind sich allerdings sicher, dass Polizeibeamte in Zivil in der Nähe ihres Baumhauses unterwegs gewesen sind, „Zivicops“ nennt sie eine der beiden Baumhaus-Bewohnerinnen. Ansonsten haben die Besetzer das Gefühl, dass es sich langsam in der Gegend herumgesprochen hat, dass es im Herrenwald jetzt auch ein besetztes Baumhaus gibt.

Bürgermeister Christian Somogyi hatte sich in der OP gestern kritisch dazu geäußert, dass „Menschen, die nicht aus der Region stammen“, der Stadt sagen wollten, wie sie über die Autobahn zu denken hätten. Woher sie im einzelnen stammen, wollen zwei der Aktivisten nicht näher verraten. Nur so viel: Ein Teil von ihnen komme aus dieser Gegend, ein anderer Teil sei nicht aus der Region.

Minister Al-Wazir: Kann A 49 nicht stoppen

Wie geht es jetzt weiter im Herrenwald, kommen in den nächsten Tagen weitere Besetzer und Baumhäuser hinzu? „Schauen wir mal, wie es läuft“, sagt eine schwarzmaskierte Besetzerin gegenüber der OP, alles Weitere offenlassend. So sehr wollen sich die Waldbesetzer nicht in die Karten schauen lassen.

Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Bündnis 90/Die Grünen) äußerte sich am Donnerstag gegenüber der „Bild“-Zeitung. Er lehnt persönlich den Weiterbau ab, sieht aber zugleich keine Chance, das Projekt zu stoppen. „Als Landesverkehrsminister habe ich keinen Spielraum“, wird er zitiert. Natürlich ärgere es ihn, dass er die Autobahn weiterbauen müsse. Und noch mehr, dass alle dächten, dass er das Projekt stoppen könne, so Al-Wazir nach Angaben der „Bild“. Diese Position Al-Wazirs ist nicht neu. Er hatte sie bereits vor mehr als einem Jahr in einem Interview mit der OP so vertreten und stets verteidigt.

von Michael Rinde