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Ostkreis Auch im Herrenwald entstehen Baumhäuser
Landkreis Ostkreis Auch im Herrenwald entstehen Baumhäuser
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20:46 16.09.2020
Gegner des Autobahn-Weiterbaus haben nun auch den Herrenwald besetzt.  Quelle: Florian Lerchbacher
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Stadtallendorf

Der Protest ist unmittelbar vor den Toren Stadtallendorfs angekommen: Gegner des Autobahn-Weiterbaus errichten in der Nähe der Bundesstraße 454 und des im Aufbau befindlichen Autohofs nun auch im Herrenwald Baumhäuser. „Im Norden ok“, soll der neue Ort des Protestes auf der künftigen A-49-Trasse heißen. Sie sehen sich als Ergänzung zu den Protest-Dörfern im Dannenröder Forst, erklärten die Aktivisten im Gespräch mit dieser Zeitung und erklärten zu ihrem Hintergrund, dass sie das Bündnis „Keine A 49“ unterstützen.

„Es gibt keine andere Möglichkeit für uns, sich für große Wald- und Grünflächen einzusetzen. Wir müssen aufhören, alles hinzunehmen – wir müssen uns gegen die Zerstörung der Natur einsetzen“, sagte eine der Besetzerinnen und ergänzte, sie finde es beeindruckend, dass Menschen aus ganz Deutschland kämen, um sich gemeinsam für Flora und Fauna einzusetzen. Dass in der Industriestadt Stadtallendorf die meisten Menschen für den Weiterbau der Autobahn sind und es ein klares Votum pro A 49 (nur die Grünen sind dagegen) gibt, zählt für sie nicht: „Man muss weiterdenken. Die Straße ist vielleicht gut für die Stadt, aber wir alle brauchen sauberes Wasser und gute Luft – dafür benötigen wir den Wald. Es ist traurig, dass nicht die überregionalen Konsequenzen des Straßenbaus gesehen werden.“

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Christian Somogyi, Bürgermeister der Industriestadt, hat für diese Einstellung keinerlei Verständnis: „Der Verkehr ist doch schon in unserer Region, rollt aber über die kleineren Straßen – deren Anwohner dadurch erheblich belastet werden. Die Autobahn sorgt dafür, dass der Verkehr gebündelt wird und die Menschen entlastet werden.“ Noch dazu gebe es Ausgleichsflächen, um die Eingriffe in die Natur abzufedern: „Diese Flächen sind viel größer als jene, die gerodet werden. Das ist eine super Aufwertung für die Natur und gut für den Artenschutz.“ Noch dazu sei die Autobahn unumgänglich für eine florierende Wirtschaft: „Unsere Industrie braucht diese Straße.“ Und die Stadt brauche die Industrie, um jungen Menschen Arbeitsplätze bieten zu können und Stadtallendorf für sie interessant zu machen. „Außerdem setzen wir uns seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten, dafür ein, das Projekt A 49 zu verbessern – und haben viele erreicht. Wir brauchen keine Menschen, die nicht aus der Region kommen, aber uns sagen wollen, was wie zu tun ist“, resümiert Somogyi.

Gegner des Autobahn-Weiterbaus haben nun auch den Herrenwald besetzt.  Quelle: Florian Lerchbacher

Auf der Facebook-Seite dieser Zeitung sind die Kommentare pro A 49 deutlich mehr als contra Autobahn-Weiterbau. Nichtsdestotrotz gibt es auch dort Menschen, die sich mit den Aktivisten solidarisieren und sie unterstützen. Zwei davon sind Sigrid und Horst Tribula aus Nieder-Ofleiden, die einem Wunsch der Waldbesetzer nachkamen und ihnen Wasser brachten.

Sie hätten auch schon die Aktionen am und im Dannenröder Forst unterstützt, betonen sie und erklären ihr Engagement damit, dass sie Umwelt- und Naturschützer seien. „Der Autobahnbau passt einfach nicht mehr. Das ist ein Projekt, das aus der Zeit gefallen ist“, betont er. Die Eheleute glauben nicht, dass die Ortschaften der Region entlastet werden – vor allem aber hätten mögliche Ortsumgehungen noch einmal geprüft werden sollen, ehe eine Schneise in die Landschaft geschlagen wird.

Die Tribulas glauben zwar nicht, dass der Autobahn-Weiterbau noch verhindert werden könne: „Aber wir wollen ein politisches Zeichen setzen und wahrgenommen werden“, erklärt sie und hofft, dass die Proteste wenigstens Auswirkungen auf zukünftige Straßenbau-Projekte haben. Noch dazu appellieren sie an die Waldbesetzer, dass die Protestaktionen nicht aus dem Ruder laufen und friedlich ablaufen sollten. Nur so lasse sich die Botschaft vernünftig tragen: „Man darf dabei auch nicht vergessen, dass uns auch die Exekutive in unseren Protesten unterstützt und schützt – aber natürlich nur, wenn der Protest auch friedlich verläuft.“

Unterdessen gehörten zu den ersten Besuchern des nordöstlich Stadtallendorfs gelegenen Standorts „Im Norden ok“ Mitarbeiter des Landkreises. Bei den Baumhäusern handele es sich um bauliche Anlagen, für die der Landkreis Marburg-Biedenkopf als untere Bauaufsichtsbehörde grundsätzlich zuständig sei, erklärt Sprecher Sascha Hörmann. Mitarbeitende der Bauverwaltung hätten sich vor Ort ein Bild gemacht. Und da es für die Errichtung der Bauten keine Genehmigung gebe, sei gegenüber den angetroffenen Personen zunächst mündlich, allerdings mit sofortiger Wirkung, der Baustopp verfügt worden so Hörmann.

Eine bauaufsichtliche Verfügung werde nachfolgend verschriftlicht. „Wenn diese vorliegt, könnten wir geräumt werden“, sagt eine Aktivistin – das werde sie aber nicht daran hindern, den Herrenwald weiter zu besetzen.

von Florian Lerchbacher