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Ostkreis Der Bahnhof, an dem sie vor 75 Jahren ankam
Landkreis Ostkreis Der Bahnhof, an dem sie vor 75 Jahren ankam
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14:00 11.03.2021
Christine Bulang (Mitte) kehrte zu ihrem 90. Geburtstag an den Ort zurück, an dem sie vor 75 Jahren mit einem Flüchtlingszug angekommen war. Mit dabei war auch damals ihre Freundin Ida Diehl. Zum Geburtstag gratulierte Schornsteinfeger-Meister Jens Stenner.
Christine Bulang (Mitte) kehrte zu ihrem 90. Geburtstag an den Ort zurück, an dem sie vor 75 Jahren mit einem Flüchtlingszug angekommen war. Mit dabei war auch damals ihre Freundin Ida Diehl. Zum Geburtstag gratulierte Schornsteinfeger-Meister Jens Stenner. Quelle: Stefan Dietrich
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Gemünden

Zu ihrem 90. Geburtstag ist Christine Bulang an einen historischen Ort zurückgekehrt – den Alten Bahnhof in Gemünden/Wohra. Gestern vor genau 75 Jahren kam sie mit ihrer Mutter und drei Geschwistern in einem Zug mit 1 200 Heimatvertriebenen dort an. Es war ihr 15. Geburtstag, doch daran dachte sie bei der Ankunft in Gemünden gar nicht. „Als wir nachher in einem Bauernwagen saßen, sagte meine Mutter: Heute hast du Geburtstag“, erzählt sie.

Christine Bulang geborene Bittner kam am 10. März 1931 in Ochsengraben/Hohenelbe zur Welt. Der Ort im Riesengebirge liegt heute in Tschechien. Schon seit ihrer Schulzeit im Riesengebirge kennt sie ihre Freundin Ida Diehl (91), die aus einem Nachbarort stammt. Sie kam vor 75 Jahren mit demselben Zug in Gemünden an. Doch wiedergetroffen haben sich die beiden nicht im Zug, sondern erst später durch einen Zufall. Ebenfalls zufällig haben sie genau am selben Tag ihre Ehemänner geheiratet. Christine Bulang heiratete ihren Mann Rudolf Hugo Bulang am 31. Mai 1952 in Düsseldorf. In der Großstadt war sie damals als Haushaltshilfe im Haushalt eines großen Pelzgeschäfts tätig.

Die beiden Ehepaare Bulang und Diehl verbrachten viele Hochzeitstage, Urlaube und Geburtstage miteinander. Und so kam Ida Diehl anlässlich des 90. Geburtstages ihrer Freundin selbstverständlich auch an den Bahnhof, an dem sie damals beide in Hessen angekommen waren. „Hessen ist meine Heimat geworden“, sagt Christine Bulang. Von 1952 bis 2002 lebte sie mit ihrem Mann in Marburg, zuletzt in Ronhausen. Nach der Eheschließung war sie hauptberuflich Mutter, war für ihre vier Kinder da – aber auch für andere Verwandte. So zum Beispiel für zwei ihrer Geschwister, die in schweren Zeiten bei ihr wohnen konnten, und für einen Bruder ihres Mannes, der wenige Tage vor dem Mauerbau aus der DDR flüchtete und plötzlich bei ihnen vor der Tür stand.

Ihr Vater war lange in russischer Kriegsgefangenschaft. Wenige Tage nach dem historischen Treffen des damaligen Bundeskanzlers Adenauer mit dem sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow hörte sie im Oktober 1955 im Radio, dass ihr Vater zu den Rückkehrern gehöre, die aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden waren. Sie fragte einen Bekannten, ob er sie nach Friedland fahren könne, wo damals das Grenzdurchgangslager war. Dort konnte sie ihren Vater nach langen Jahren endlich wiedersehen.

Ihren Ehemann, der 1987 einen Schlaganfall erlitt, pflegte sie bis zu dessen Tod im Jahr 2002. Seither lebt sie bei ihrer Tochter in Neustadt. Sie hat außerdem drei Söhne, vier Enkel und zwei Urenkel. Früher, sagt die 90-Jährige, sei sie viel gereist, auch viel mit dem Auto gefahren – doch jetzt könne sie das nicht mehr. Da war für sie der Ausflug an den historischen Bahnhof, an dem seit 1982 keine Züge mehr fahren, ein besonderes Erlebnis. Und weil Christine Bulangs Ehemann Bezirksschornsteinfegermeister in Marburg war, kam zu ihrem Geburtstag natürlich auch ein Schornsteinfegermeister: Jens Stenner war als Glücksbringer am Alten Bahnhof.

Von Stefan Dietrich