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Ostkreis Prozess um Flaschenwurf
Landkreis Ostkreis Prozess um Flaschenwurf
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15:58 05.05.2021
Landgericht Marburg (Archivfoto).
Landgericht Marburg. Quelle: Foto: Tobias Hirsch
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Marburg

Er soll mit einer Flasche nach einer ihm unbekannten Frau geworfen und mehrere Autos beschädigt haben – unter anderem deshalb steht ein 41 Jahre alter Mann aus dem Ostkreis in Marburg vor Gericht. Im Straf- und Sicherungsverfahren muss die 1. Große Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Richterin Dr. Heike Schneider entscheiden, ob der psychisch kranke Mann dauerhaft in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht wird. Von dem Angeklagten gehe eine Gefahr für die Allgemeinheit aus, sagte Staatsanwalt Jonathan Poppe bei der Verlesung der Anklageschrift.

Am ersten Prozesstag sagte unter anderem die junge Frau aus, die in Kirchhain von dem ihr unbekannten Mann grundlos beleidigt und attackiert wurde. „Ich wurde von hinten vollgeschüttet“, erzählte sie, „nachher wusste ich dann, dass es Sekt war.“ Die Flüssigkeit sei ihr über den Kopf geflossen und habe in den Augen gebrannt. Dann habe der Mann sie „wirklich laut“ angeschrien. Laut Anklage soll er gesagt haben: „Du Schlampe, ich weiß Bescheid, tu nicht so!“ Was er damit meinte, konnte sich die schockierte Frau nicht erklären. „Dann hat er die Flasche nach mir geworfen, direkt an meinem Kopf vorbei, sie hat mich zum Glück nicht getroffen“, berichtete die Zeugin.

„Es hat mir keiner geholfen“

Besonders bitter für die junge, zierliche Frau: „Es hat mir keiner geholfen, alle haben weggeguckt.“ Dabei seien Passanten auf der Straße gewesen. „Die dachten, dass ich den kenne – keiner hat was gesehen“, sagte sie. Vor der Attacke hatte sie noch versucht, einen großen Bogen um den Mann zu machen, der sich auffällig verhielt. „Er hatte einen komischen Gang, hat immer die Nase hochgezogen und gespuckt“, schilderte sie sein Verhalten. „Er wirkte, als ob er Drogen genommen hat, richtig in sich gekehrt, und hat vor sich hin geredet.“

Der Mann ergriff nach dem Flaschenwurf die Flucht. Bei der Polizei wurden der Frau anschließend Fotos von 81 Personen vorgelegt – und sie identifizierte schließlich den nun angeklagten Mann.

Angeklagter ist der Justiz bekannt

Der Angeklagte hat schon etliche Male die Justiz beschäftigt – unter anderem wegen Schwarzfahrens, Diebstählen und Sachbeschädigungen. Die meisten Verfahren wurden jedoch wegen Schuldunfähigkeit eingestellt, da der 41-Jährige an paranoider Schizophrenie leidet.

„Er ist uns seit Jahren bekannt“, sagte eine Polizistin vor Gericht aus, „er war immer sehr auffällig, wenn er wahrscheinlich seine Medikamente nicht genommen hatte. Es gab auch Zeiten, da war er total zugänglich.“ Im aktuellen Verfahren geht es auch um einen Ladendiebstahl in Stadtallendorf, mehrere Zugfahrten ohne Fahrschein sowie Sachbeschädigungen an Autos und Fahrrädern.

Zeugenaussagen bestätigen Verdacht

So berichtete ein Kirchhainer, in dessen Nachbarschaft der Angeklagte gewohnt hatte, die Windschutzscheibe seines Autos sei durch einen darauf geworfenen Bierkrug beschädigt worden. „Alle paar Tage flogen irgendwelche Gegenstände aus dem Fenster, oder es wurde gebrüllt, das war an der Tagesordnung“, schilderte er das Verhalten des 41-Jährigen. „Einige Nachbarn haben sich kaum getraut, an seinem Fenster vorbeizugehen. Ich glaube, der hat nicht mehr viel in seiner Wohnung gehabt, es flog ja alles Mögliche raus: Stuhl, Kissen, Töpfe – alles, was durchs Fenster passt.“

Er selbst habe den Angeklagten zwar nur schreien gehört, aber ein Nachbar habe auch einmal gesehen, wie der 41-Jährige etwas aus dem Fenster warf, ergänzte der Zeuge auf Nachfrage. Die Sachbeschädigungen an weiteren Autos und einem Fahrrad soll eine andere Zeugin beobachtet haben, berichtete die Polizistin vor Gericht. Zudem sagte eine Zugbegleiterin aus, die den Angeklagten ohne Fahrkarte erwischt und sein Verhalten im dienstlichen Bericht als „aggressiv“ beschrieben hatte. Sie konnte sich allerdings an den konkreten Vorfall nicht erinnern.

Angeklagter äußert sich nicht

Der Angeklagte, der im Gerichtssaal meist mit verschränkten Armen starr nach unten blickte, hatte mit seinem Rechtsanwalt Peter Thiel besprochen, dass er sich im Prozess nicht zu den Vorwürfen äußert. Ab und zu platzte es aber doch aus ihm heraus: „Ich wollte nur sagen, ich habe keinen verletzt“, sagte er nach Verlesung der Anklageschrift.

Das Gericht muss klären, ob der Angeklagte alle Taten begangen hat, die ihm die Polizei zugeordnet hat – und ob er in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht wird. Dazu will es weitere Zeugen und einen Sachverständigen hören. Am Donnerstag (6. Mai) um 9 Uhr wird die Verhandlung fortgesetzt.

Von Stefan Dietrich