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Ostkreis Drei Jahre Haft für ein Dutzend Delikte
Landkreis Ostkreis Drei Jahre Haft für ein Dutzend Delikte
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13:54 01.03.2020
Im Gefangenentransporter war der Angeklagte von der Justizvollzugsanstalt in Kassel nach Kirchhain ins Amtsgericht gebracht worden.  Quelle: Manfred Schubert/Archiv
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Kirchhain

Es dauerte eine geraume Zeit, bis Staatsanwalt Timo Ide in seinem Plädoyer die zwischen Oktober 2016 und April 2018 in Stadtallendorf, Neustadt, Marburg und anderen Orten begangenen Delikte schilderte und die von ihm geforderten Einzelstrafen nannte. Noch bevor Ide sein Plädoyer beendet hatte, brach der 38-jährige Beschuldigte in Tränen aus.

Für insgesamt zwölf einzelne Tatbestände forderte Ide Haftstrafen: Angefangen von je zwei Monaten für jedes Fahren mit dem Leichtkraftrad ohne Fahrerlaubnis, sechs beziehungsweise acht Monate für Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte bis zu einem Jahr und zehn Monaten für schwere Körperverletzung. Der Angeklagte sei zwar durch Alkoholeinfluss enthemmt gewesen, aber dafür auch brutal vorgegangen, als er im Mai 2017 in Stadtallendorf eine Wohnungstür auftrat, seine Ex-Frau schlug und mehrfach mit einer Nagelfeile in den Arm stach. Unter Berücksichtigung der bereits 18 im Bundeszentralregister eingetragenen Vorstrafen forderte der Staatsanwalt eine Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten.

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„Auf einer Skala von 0 bis 10 würde ich sie bei 0.5 ansetzen.“

Gutachterin , zur Motivation des Angeklagten, einen Drogenentzug zu machen

Laut Gutachten lag keine Verminderung der Schuldfähigkeit vor. Svetlana Kraushaar, Psychotherapeutin an der Vitos-Klinik in Haina, hatte den Angeklagten zwischen Oktober 2016 und Februar 2018 untersucht. Sie berichtete, sein Vater habe unter Alkoholsucht gelitten, der Beschuldigte sei im Alter von 14 Jahren mit Alkohol und Cannabis in Berührung gekommen, mit 15 mit Amphetaminen und Kokain, mit 18 auch mit Heroin. Der Proband weise eine dissoziale Persönlichkeitsstörung auf.

Diese sei durch eine große Diskrepanz zwischen seinem Verhalten und den geltenden sozialen Normen gekennzeichnet. Er sehe sich als unschuldiges Opfer der Umstände, es seien die anderen, die anfangen. Zudem sei seine Frustrationstoleranz gering und er werde schnell handgreiflich gegenüber Schwächeren. „Er wusste, dass es Menschen sind, er kann auch anders“, ist Kraushaar überzeugt – glaubt aber, dass weitere Vergehen zu erwarten seien.

Verteidiger Thomas Strecker wollte wissen, wie wahrscheinlich es nach Meinung der Gutachterin sei, bei seinem Mandanten in vertretbarer Zeit eine Eigenmotivation für einen Drogenentzug zu wecken – der Angeklagte hatte mehrere Entzüge abgebrochen. „Auf einer Skala von 0 bis 10 würde ich sie bei 0,5 ansetzen“, entgegnete sie.

Zu Beginn seines Plädoyers munterte Strecker seinen Mandanten auf, dem Gericht ausführlich zu schildern, wie er sich vorstelle, wie der Richter auf die Vorwürfe reagieren solle. Gleichzeitig wollte der Anwalt verminderte Schuldfähigkeit nicht völlig ausschließen. Zudem glaube er, dass es sinnvoll sei, es mit der Unterbringung in einer Entziehungsanstalt als Alternative „zum Wegsperren auf Zeit“ zu probieren. Es gehe um eine Vielzahl an Taten, die überwiegend kleinere Vergehen darstellten, „keinen Mord und Totschlag“.

„Vor ihm muss man eigentlich die ganze Umgebung, nicht nur einzelne Personen, schützen."

Joachim Filmer , Richter

In seinem Schlusswort wiederholte der Angeklagte unter Tränen: „Ich schwöre, ich habe meine Frau nicht geschlagen, habe keinen Stein nach einem Kind geschmissen.“

Strafrichter Joachim Filmer blieb schließlich mit seinem Urteil von drei Jahren etwas unter der Forderung des Staatsanwalts. Beispielsweise verhängte er für den Ladendiebstahl von Wein für 1,69 Euro nur eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen. „Mehr ist mir das nicht wert, unter fünf Euro schickt man niemand in den Knast“, erklärte er. Allerdings sah er auch, selbst bei unter Einfluss von 1,98 Promille Blutalkohol begangenen Taten, keine verminderte Schuldfähigkeit: „Der Angeklagte ist an Drogen und Alkohol gewöhnt, das sind alltägliche Dinge für ihn.“

In fast jedem der Fälle habe der Angeklagte die Situation völlig anders wahrgenommen als die Zeugen. Das zeigte sich auch, als der Richter nochmals kurz die Szene ins Gedächtnis rief, als der Beschuldigte „in Wildwest-Manier“ in die Wohnung seiner Exfrau eingedrungen sei. Wie schon mehrfach im Verlaufe der Verhandlung konnte der Angeklagte sich nicht beherrschen und rief dazwischen: „Es war meine Wohnung, ich habe einen Schlüssel, ich soll für drei Jahre in den Knast, für nichts.“

„Mir reicht’s, Sie hatten vorhin das letzte Wort, sonst werde ich noch eine Ordnungsstrafe verhängen“, drohte Filmer, was aber weitere Zwischenrufe nicht verhinderte. „Der Angeklagte ist ein chronischer Straftäter. Ich bin der festen Überzeugung, wenn er wieder draußen ist und nicht irgendwann der Schalter in seinem Kopf umgelegt wurde, wird er wieder straffällig werden. Ich weiß nicht, was man mit ihm noch machen kann, aber so kann man ihn nicht in Freiheit herumlaufen lassen. Vor ihm muss man eigentlich die ganze Umgebung, nicht nur einzelne Personen schützen“, schloss Filmer.

von Manfred Schubert

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