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Ostkreis Doris Pitz: Aus Thüringen nach Stadtallendorf
Landkreis Ostkreis Doris Pitz: Aus Thüringen nach Stadtallendorf
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08:56 03.10.2020
Doris Pitz bei einem ihrer Hobbys, dem Motorradfahren. Quelle: privat
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Stadtallendorf

Das „Tal der Ahnungslosen“ lag eigentlich im Großraum Dresden und im äußersten nordöstlichen Zipfel der DDR. Wer dort wohnte, hatte kaum Chancen, UKW-Radio hören und westdeutsche TV-Sender empfangen zu können – „ARD“ bedeutete dort: „Außer Rügen und Dresden“.

Im kleinen Dörfchen Schwarza in Thüringen war die „Ahnungslosigkeit“ etwas anders gelagert: „Dort lief nur einer der beiden DDR-Sender, und deshalb wurde eine Satellitenanlage installiert“, erinnert sich Doris Pitz, die 1970 in Meiningen geboren wurde und als Kind mit ihren Eltern in eben jenes Schwarza zog, das heute gerade mal gut 1.000 Einwohner zählt.

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Die Menschen dort freuten sich über die technische Segnung – doch nicht, weil sie nun beide Kanäle des sozialistischen Staatsfernsehens empfangen konnten, sondern weil auch sämtliche Westsender in bester Qualität über die Bildschirme flimmerten.

Die Eltern waren beide Lehrer, Doris Einzelkind: „Ich hatte eine behütete Kindheit“, erzählt die Thüringerin, die heute mit ihrer eigenen Familie in Stadtallendorf lebt und dort in einem großen Industrieunternehmen arbeitet. Mit ihrem Vater schaute sie abends im Wechsel die Nachrichtensendungen beider deutscher Staaten. Spannend und prägend sei das gewesen: „Dadurch habe ich alles ein bisschen systemkritischer betrachten können, als es uns im Schulfach Staatsbürgerkunde vermittelt wurde.“

Diskrepanz zwischen Parteilinie und Weltgeschehen

Eine Zeit lang besuchte Doris Pitz eine Spezialmusikschule in Weimar – sie spielte gern und gut Violine: „Aber nicht gut genug, um es in ein A- oder B-Orchester zu schaffen.“ Die Schülerin klappte den Geigenkoffer zu und begann eine Ausbildung zur Mechanikerin für Daten- und Büromaschinen bei Robotron in Zella-Mehlis: „Ich habe dort begonnen, mich für Werkstoff-Wissenschaften zu interessieren, und bekam auch eine Delegierung zum Studium in Chemnitz.“

Die Einladung zum Studium war verbunden mit dem – letztlich vergeblichen – Versuch, sie zum Eintritt in die SED zu bewegen, doch Doris Pitz machte zu diesem Zeitpunkt „schon eine deutliche Diskrepanz zwischen der Parteilinie und dem Weltgeschehen“ aus und sagt heute rückblickend: „Ich war zu der Erkenntnis gelangt, dass das System nicht mehr lange überleben konnte.“

Als das System DDR dann klinisch tot war, seien die meisten ihrer Kommilitonen in den Westen an die Technischen Hochschulen in Erlangen oder Aachen gegangen. Doris Pitz blieb in Chemnitz – nicht so sehr aus Überzeugung, sondern weil es ihr wichtig war, „fertig zu werden und Geld zu verdienen“. Dann kam sie, die Wiedervereinigung, und Doris Pitz wundert sich noch heute darüber, dass alles friedlich ablief.

Auch friedliche Revolutionen haben ihren Preis

Doch auch friedliche Revolutionen haben ihren Preis: „Ich hätte mir gewünscht, dass man sich damals mehr auf Augenhöhe begegnet wäre“, sagt die Mutter zweier schulpflichtiger Kinder: „Es war hart, so von oben herab behandelt zu werden.“

In der DDR habe es zentrale Unterrichtspläne gegeben, aber es sei individueller gefördert worden als im Westen: „Hier habe ich das Gefühl, dass versucht wird, viel zu viel in die Kinder reinzustopfen, ohne ihnen die Grundlagen beizubringen.“ Das Modell Krippe, Vorschule und Schule habe nahtlos aufeinander aufgebaut, während im Westen jeder Wechsel ein völliger Neustart sei.

Ein bisschen Ostalgie

Kritisch blickt die Wahl-Stadtallendorferin auch auf das, was nach der Schule kommt: „Aus ökonomischer Sicht finde ich es schlecht, dass jeder studieren kann, ohne dass tatsächlich eine Arbeitsstelle dahintersteht – das müsste gesteuert werden.“ Klingt ein wenig nach Ostalgie, und Doris Pitz sagt auch:

„Wenn ich in Gesprächen mit Freunden und Bekannten so etwas sage, begegnet man mir mit Erstaunen.“ Doch sie erinnert sich auch noch bestens an die Schattenseiten, etwa an die Misswirtschaft in der Planwirtschaft: „Zum Beginn des Monats haben wir Schrauben sortiert und dann auf einmal Überstunden gemacht.“

Auch ein Ferienpraktikum bei den Elektrogerätewerken in Suhl öffnete ihr die Augen. Dort wurde Geräte produziert, die man im Westen bei Quelle kaufen konnte. Das schlechtere Material sei für den Verkauf in der DDR genutzt worden, die guten Produkte gingen in den Westen. „Dann verschwand nach der Wende ein Betrieb nach dem anderen. Aber das ist halt Kapitalismus, das ist die Marktwirtschaft.“

Mit Scham in die Stasi-Gedenkstätte

Was sie nach der Wiedervereinigung am meisten im Westen vermisst habe? „Solidarität, Teamarbeit – alles Fehlanzeige hier!“ Für die Heranwachsenden in der DDR habe es zum Alltag gehört, etwa zum Kartoffelroden oder zu Wiederaufforstungsarbeiten anrücken zu müssen: „Aber das haben wir gern gemacht.“

Kontakte in den Osten Deutschlands hat Doris Pitz noch heute: „Mein Mann und ich fahren Motorrad und sind viel im Thüringer Wald und im Harz unterwegs.“ Auch nach Berlin sind sie gefahren, unter anderem in die Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen: „Dafür habe ich mich geschämt, weil ich das in meinem Umfeld nicht erlebt hatte und mich im Vertrauen wog, dass es das nicht gibt“, sagt sie heute: „Das gehört zu unserer Geschichte.“

Zur Geschichte von Doris Pitz gehört – eher als der 3. Oktober 1990 – auch die Nacht des 9. November 1989: „Ich war in der Disco in Viernau und kam wieder mal eine Stunde zu spät nach Hause.“ Ihr Vater habe in der Garage gestanden und die junge Disco-Gängerin stellte sich auf eine ordentliche Standpauke ein. „Aber er war ganz aufgeregt und sagte: ,Schnell, schnell, zieh dich um, wir fahren in den Westen!’“

Der Grenzzaun war noch elektrisch geladen

Hinter Meiningen sei der erste Grenzbalken noch offen gewesen, niemand wusste, was ihn erwarten würde. Doris Pitz erinnert sich an eine Schlange aus hunderten von Fahrzeugen: „An der Grenzbaracke sagte der DDR-Beamte, alle müssten zurück nach Meiningen, um sich dort eine Ausreisegenehmigung abstempeln zu lassen.“ Keine Chance, die Straße war restlos verstopft.

Dann wurde es mitten in der Nacht brenzlig: Alle seien ausgestiegen und in Richtung Grenzzaun gedrängt, der noch elektrisch geladen war: „Man sah die blauen Blitze, wenn Regentropfen auf den Zaun trafen. Wir wurden in Richtung Zaun gedrückt und im letzten Moment gab der Grenzer den Befehl, den Strom abzuschalten: ,Zaun aus – die ersten 300 durch.’“

Die ersten Eindrücke im Westen: Das Rote Kreuz, das die Ankömmlinge mit heißem Tee versorgte, das Begrüßungsgeld: „Ich wollte die 100 Mark nicht, ich war doch keine Bittstellerin. Aber ich habe mir vom ersten Geld einen Cassettenrecorder gekauft – die gab’s im Osten ja nicht.“

Den Artikel über Martina Reisewitz aus Berlin-Köpenick, heute in Marburg, lesen Sie hier.

Von Carsten Beckmann