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Ostkreis Brutale Tat oder nur zwei Backpfeifen?
Landkreis Ostkreis Brutale Tat oder nur zwei Backpfeifen?
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12:13 07.02.2021
Was geschah wirklich in der Nacht zum 16. August? Der Angeklagte räumt zwei Ohrfeigen ein, die Staatsanwaltschaft wirft ihm Vergewaltigung vor (Symbolfoto mit gestellter Szene).
Was geschah wirklich in der Nacht zum 16. August? Der Angeklagte räumt zwei Ohrfeigen ein, die Staatsanwaltschaft wirft ihm Vergewaltigung vor (Symbolfoto mit gestellter Szene). Quelle: Themenfoto: Maurizio Gambarini/dpa
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Marburg

Weil er eine junge Frau aus Neustadt vergewaltigt haben soll, steht seit Freitag ein 27-Jähriger aus Schwalmstadt in Marburg vor Gericht. Die Anklage wirft dem Mann zudem vor, die 20-Jährige attackiert und beleidigt zu haben, um sie einzuschüchtern und „von weiteren Angaben abzuhalten“, wie Staatsanwältin Janina Pristl sagte. Der Angeklagte, der seit Ende August in Untersuchungshaft sitzt, schilderte am ersten Prozesstag eine völlig andere Version der Geschehnisse.

Der Angeklagte und die 20 Jahre alte Nebenklägerin hatten vor der Tat ein sexuelles Verhältnis, aber keine feste Beziehung. In der Nacht auf Sonntag, den 16. August 2020, besuchte er sie ab etwa vier Uhr in ihrer Wohnung in Neustadt. Soweit stimmen die Schilderungen überein, und unstrittig ist auch, dass es in der Nacht zum Geschlechtsverkehr kam. Laut Anklage kam es vorher zum Streit, weil er Oralsex forderte und sie das nicht wollte. Er habe dann gehen wollen, die beiden hätten sich aber versöhnt und zunächst einvernehmlichen Sex miteinander gehabt. Die 20-Jährige soll den Mann dann aufgefordert haben, aufzuhören, weil sie Schmerzen hatte – unter anderem soll er sie gebissen haben. „Ja, genau, dir tut alles weh, sei leise jetzt“, soll er laut Anklage gesagt, den Geschlechtsverkehr fortgesetzt, die Frau dabei festgehalten und sich auf sie gekniet haben. Später soll er gegen ihren Willen mit seinem Penis in ihren Mund eingedrungen sein. So schilderte das auch eine Kriminalpolizistin, die die mutmaßlich Geschädigte zwei Tage später befragt hatte. Die 20-Jährige wurde im Klinikum untersucht, Fotos zeigen blaue Flecken unter anderem an den Beinen und am Oberkörper. Nachdem die Frau ihn angezeigt hatte, soll der Angeklagte sie am 28. August auf dem Haaße-Hügel in Treysa beleidigt, festgehalten und gegen ein Auto gestoßen haben. Erst als die Polizei kam, habe er von ihr abgelassen, so die Anklage.

Angeklagter räumt nur zwei Ohrfeigen ein

Der Angeklagte schilderte die Vorfälle gänzlich anders. Eigentlich habe er den Kontakt zu der 20-Jährigen abbrechen wollen, weil sie „eine Meise“ habe, sei dann aber doch zu ihr gefahren. Aus Sorge, dass die 20-Jährige von ihm schwanger werden könne, habe er nur Sex mit Kondom gewollt. Das habe die junge Frau aber nicht gewollt, sie sei daraufhin „ausgetickt“. Er habe gehen wollen, sei aber geblieben, weil sie ihm seine Autoschlüssel weggenommen habe. Sie hätten einvernehmlichen Sex gehabt. Der Angeklagte gab zu, ihr „ganz leicht zwei Backpfeifen“ gegeben zu haben. Gebissen habe er die Frau nicht, nur ein paar Knutschflecke habe er ihr verpasst, allerdings schon am Vortag oder früher. Am nächsten Tag habe sie ihm in einem Chat geschrieben, sie „sehe aus wie vergewaltigt“. Er bestritt auch, Ende August auf dem Haaße-Hügel gewalttätig geworden zu sein: „Ich habe sie drei, vier Sekunden am Handgelenk festgehalten“, räumte er ein.

Mit vielen Fragen zum genauen Ablauf, zum Verhältnis und zum Sexualleben des Angeklagten versuchten Richterin Melanie Becker, Staatsanwältin Janina Pristl, die Verteidiger Sebastian Knebel und Thomas Strecker sowie Nebenklage-Anwältin Diana Cosic, die Glaubwürdigkeit der Schilderungen zu überprüfen. Zunächst sagte die mutmaßlich vergewaltigte Frau aus – zum Schutz ihrer Intimsphäre unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Später berichteten zwei Freundinnen und zwei Freunde der 20-Jährigen, wie sie ihnen das Geschehen am Tag danach geschildert und die blauen Flecken gezeigt hatte. „Sie sah sehr bedrückt aus und wollte erst nichts sagen“, berichtete eine Freundin. Ein 27-Jähriger, der den Angeklagten mit der 20-Jährigen bekannt gemacht hatte, erzählte, sie habe ihn angerufen und berichtet, dass sie vergewaltigt worden sei – aber zunächst nicht, von wem. Später habe der Angeklagte ihn wegen der Vergewaltigungs-Anzeige gebeten, mit der 20-Jährigen zu sprechen. Ein weiterer Freund der jungen Frau berichtete, ein Bruder des Angeklagten habe sich bei ihm gemeldet und geraten, sie solle es sich nochmals überlegen, wenn ihre Aussage nicht wahr sei. Der Bruder habe aber weder gedroht noch Geld geboten.

Eine weitere Zeugin berichtete, auch sie sei mit dem Angeklagten intim gewesen. Dieser habe immer gefragt, was sie wolle, und sei im Bett eher passiv als brutal gewesen. Ein Kriminalpolizist, der viele tausend Chat-Nachrichten auf den Handys des Angeklagten, der Nebenklägerin und eines gemeinsamen Bekannten ausgewertet hatte, berichtete allerdings: Auch andere Frauen hätten in Chats geschrieben, dass der Angeklagte ihnen – offenbar bei einvernehmlichem Sex – blaue Flecken zugefügt habe. „Misshandelt hab ich die“, soll der Angeklagte einem Freund über eine junge Frau geschrieben haben.

Der Prozess soll nächste Woche Freitag fortgesetzt werden. Das Schöffengericht will dann zwei weitere Zeuginnen vernehmen, die sexuelle Beziehungen mit dem Angeklagten hatten. Außerdem soll dann ein Rechtsmediziner aussagen.

Von Stefan Dietrich