Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Angeklagter zeigt keine Reue
Landkreis Ostkreis Angeklagter zeigt keine Reue
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 21.05.2019
Ein 25-Jähriger muss sich wegen Körperverletzung vor Gericht verantworten. Das Opfer und Nebenkläger trug zahlreiche Frakturen davon.  Quelle: Thorsten Richter
Stadtallendorf

Eines ist unbestritten: Ein 25 Jahre alter Stadtallendorfer ging am 25. Mai 2018 unter Alkoholeinfluss im Heinz-Lang-Park auf einen 24 Jahre alten Neustädter los und verpasste ihm aus Eifersucht einen Faustschlag. Einen sogenannten „feigen Sucker Punch“, wie der Anwalt des Opfers, das als Nebenkläger auftrat, kritisierte – also einen Schlag gegen den Kopf seitlich von hinten.

Das Motiv des Täters war Eifersucht. Nachdem seine Ex-Freundin ein Gespräch abgeblockt und sein Mandant im Anschluss Maria Crohn mit Cola getrunken habe, sei dieser angetrunken und wütend gewesen, berichtete der Verteidiger. Dann sei er auf den Neustädter losgegangen und habe ihn einmal geschlagen. „Weil es das Gerücht gab, dass Seine Ex etwas mit meinem Mandanten anfangen wollte“, warf der Vertreter des Opfers ein und betonte: „Eine Ex kann machen was sie will.“

Dieser erste Schlag ist unbestritten. Was danach geschah muss an einem weiteren Verhandlungstag noch geklärt werden. Der Nebenkläger gab an, ihm sei nach dem Schlag kurz schwarz vor Augen geworden und er sei zu Boden gegangen. Als er wieder zu sich kam, habe er gesehen, wie sein Gegenüber festgehalten wurde und rumschrie.

Er habe daraufhin versucht, die Polizei zu rufen – dreimal, doch immer sei eine automatische Ansage gekommen. Die Beamten hätten ihm später erklärt, dass dies passiere, wenn viel zu tun ist. Während er versuchte, Hilfe zu rufen, habe ein Mann neben ihm gestanden und gefragt, „warum ich so eine Fotze bin und die Polizei rufe, statt meinen Mann zu stehen“.

Dann habe sich der 25-Jährige losgerissen und sei erneut schreiend auf ihn zugerannt: „Und er kam nicht, um nur mit mir zu sprechen.“ Was folgte war eine Schlägerei – und er habe von einem Dritten noch einen heftigen Schlag in die Seite bekommen, berichtete der Nebenkläger.

"Es gab da keine Zäsur"

Die Folge der Auseinandersetzung: Zahlreiche Brüche im Gesicht, ein elftägiger Krankenhausaufenthalt und bisher drei Operationen – eine davon, um das in Gefahr geratene Augenlicht zu retten. Insgesamt wurden in seinem Gesicht drei Platten mit 14 Schrauben verbaut. Und weitere OPs stehen noch aus.

Aus Sicht des Angeklagten lief die Situation ganz anders ab: Er ließ seinen Anwalt erläutern, dass er sich nach dem ersten Schlag vom Geschehen entfernt habe. Der Geschlagene sei jedoch dann hinter seinem Mandanten hergelaufen, habe ihn attackiert und später auf ihm gesessen und geschlagen: „Er hatte ein Platzwunde und musste ins Krankenhaus“, sagte der Anwalt.

„Für ihn war die Angelegenheit nach dem ersten Schlag erledigt. (...) Dieser Schlag fiel ohne Rechtfertigung. Dafür muss er bluten“, räumte er ein – weigerte sich aber, noch mehr Boden preiszugeben. Er kritisierte, dass dem Nebenkläger alles geglaubt werde und seinem Mandanten nichts.

Ganz oben auf dieser Liste stand eine Art Pause, die zwischen dem ersten Schlag und dem anschließenden Kampf stattfand. Diese sei konstruiert, um eine Zäsur hineinzubringen und die erste Attacke vom anschließenden Kampf zu trennen, hatte der Nebenkläger-Vertreter moniert. Die Zeit habe ausgereicht, um dreimal bei der Polizei anzurufen, entgegnete der Verteidiger.

Doch für Richter Joachim Filmer war klar: Selbst wenn das Opfer letztendlich die Schlägerei ausgelöst habe, dann sei noch immer der erste Schlag Ursache gewesen: „Es gab da keine Zäsur.“ Und noch dazu hätte der Täter sich nach dem ersten Schlag „lieber verkrümeln“ sollen, statt sich dem Kampf zu stellen.

"Die letzten Worte hätten Sie sich lieber gespart"

Die Staatsanwaltschaft plädierte für eine sechsmonatige Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung auf drei Jahre. Dem schloss sich der Nebenkläger an – bemängelte aber, dass der Angeklagte keine Reue zeige und sich nicht entschuldigt habe. Dieses Verhalten dürfe angesichts der massiven Verletzungen seines Mandanten nicht gewürdigt werden.

Der Verteidiger kündigte daraufhin an, eine Strafe, die über eine Geldstrafe hinausgehe, nicht zu akzeptieren. Sollte es so weit kommen, werde er einen Hilfsbeweisantrag stellen und fordern, dass alle acht Zeugen gehört werden. Und wahrscheinlich wäre er mit seiner Einschätzung sogar durchgekommen, wenn, ja wenn der Angeklagte nicht die Möglichkeit genutzt hätte, sich in den „letzten Worten“ doch noch zu äußern.

Er sagte, die Verletzungen und Operationen des Neustädters würden ihm leid tun. Er habe zu ihm fahren und sich entschuldigen wollen, sich aber letztendlich dagegen entschieden: „Ich weiß ja, wie der Junge ist. Er ist stur.“ Noch dazu habe er beim Kampf ja auch einen Cut über dem Auge davongetragen: „Und damit muss ich ja auch leben.“

„Die letzten Worte hätten Sie sich lieber gespart“, entgegnete Richter Filmer und zeigte sich entgeistert, dass der Angeklagte seine Verletzungen mit denen des Opfers vergleiche. Er sei hin- und hergerissen gewesen und geneigt gewesen, eine Geldstrafe auszusprechen: „Aber das haben Sie mit Ihrem Schlusswort verbaselt. Und die Worte ihres Anwalts machten es auch nicht besser.“

Er sei nun bereit, die Beweisaufnahme voll durchzuziehen und alle Zeugen zu hören – auch jene, deren Aussagen bei der Befragung durch die Polizei keine Erkenntnisse ergeben hätten.

von Florian Lerchbacher