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Ostkreis 25 Jahre historische Bürgerwehr in Neustadt
Landkreis Ostkreis 25 Jahre historische Bürgerwehr in Neustadt
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10:00 22.08.2019
Archivbild: Beim Kirmes-Festumzug gehört die Bürgerwehr immer zu den optischen Höhepunkten. Quelle: Florian Lerchbacher
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Neustadt

Ganz klein ging es für einen der prägendsten Vereine der Stadt Neustadt los: Vor 25 Jahren hatte der heutige Ehrenstadtrat Ludwig Dippel die Idee, bei der Trinitatis-Kirmes einen jungen Neustädter als Junker Hans (die Wahl fiel auf Markus Müller) auftreten zu lassen. Ihm zur Seite standen, wie heute auch noch, zwei Burgfräulein und vier Landsknechte. Andreas Dippel, Andreas Mergel, Andreas Gnau und Thomas Vietor genossen diese Rolle, die sie noch einige Jahre bekleideten.

Sie hatten so viel Spaß, dass sie im Laufe der nächsten Jahre beschlossen, ihre Engagement zu verstetigen und einen Verein zu gründen. Am Kirmesmontag 1994 mussten sie im Festzelt dann auch nicht lange suchen: Im Nu fanden sich 16 junge Männer, die Mitglied der historischen Bürgerwehr sein wollten – ganz so wie in Neustadt / Waldnaab, dem Vorbild der Hessen. Und Startkapital gab es auch: Bei einer spontanen Sammelaktion im Festzelt kam sogleich ein ordentlicher vierstelliger Betrag zusammen.

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Erste Hellebarden waren selber gebastelt

Zunächst nahmen es die Mitglieder der neuen Bürgerwehr mit ihrer Kleidung nicht so ­genau: Landsknechte aus Bergneustadt hatten ihnen Hellebarden zur Verfügung gestellt – die immerhin schon einen Schritt nach vorne bedeuteten gegenüber den ersten drei Jahren, in denen die vier Begleiter des Junkers zunächst selber gebastelte Waffen getragen hatten.

Und auch bei der Bekleidung gab es leichte bis mittelschwere Ungenauigkeiten: Erst hüllten sie sich in Gewänder, die optisch zum Junker passten. Dann fiel bei der Vereinsgründung die Wahl auf schwedische Uniformen. „Hier gab es einst nur eine Schützengilde, die aber keine Uniform trug. Aber Fünfzehnhundertebbes waren Schweden durch Neustadt gezogen. Wir entschieden uns für ihren Soldatenanzug, da dieser vom Aussehen her zum Junker Hans passte. Das war eben ein Schnellschuss“, erinnert sich Andreas Gnau, seit vielen Jahren Hauptmann der Bürgerwehr.

Bürgergarde schützte vor plünderndem Pöbel

In der Satzung des Vereins hielten die Neustädter aber schon damals fest, dass sie sich um historische Genauigkeit bemühen und sich an der Bürgerwehr des Jahre 1830 orientieren wollten – ein Ziel war schließlich auch, die Geschichte der Stadt lebendig zu halten.

Im Jahr 1830 war in Neustadt eine Bürgergarde aufgrund von Unruhen nach der Revolution in Frankreich gegründet worden. Aufgabe war es, die Bürger vor dem Pöbel zu schützen, der Geschäfte plünderte und für Verunsicherung sorgte – die Geburtsstunde der 2. Kompanie des 16. Kurhessischen Bürgergardebataillons, die es ebenso wie die anderen Bürgerwehren bis 1854 gab.

Dienstgrade werden gewählt

Zunächst hieß es also, kräftig zu recherchieren und Informationen zusammenzutragen – ein niemals endendes Projekt, wie Gnau betont und Unterleutnant Sebastian Henkel großes Lob ausspricht, der unermüdlich Archive durchstöbere, um Detailfragen zu klären. Und so waren die ehrenamtlichen Repräsentanten der Stadt dann auch im Jahr 2002 bereit, eine neue Uniform zu präsentieren, die dem tatsächlichen Vorbild aus dem 19. Jahrhundert gerecht wird.

Bürgergarden gab es in der Region einst in Amöneburg, Kirchhain, Schweinsberg und Neustadt. Der Kurfürst hatte sogar ein eigenes Gesetzbuch für sie entwickelt. Daran heißt es unter anderem, dass die Dienstgrade zu wählen seien – was die Neustädter seit dem Jahr 2009 auch tun. Hauptmann ist Andreas Gnau, Oberleutnant Jochen Schratz und Unterleutnant Sebastian Henkel. Außerdem gibt es Feldwebel, Korporale und Fouriere. Als Gardisten aktiv durften ursprünglich nur Mitglieder zwischen 18 und 35 Jahren werden. Inzwischen gab es aufgrund erhöhter Nachfrage Anpassungen, und das Maximal-alter für den Eintritt in den „aktiven Dienst“ beträgt 45 Jahre.

Gardisten müssen den Schwarzpulverschein machen

„Wir haben das gelockert, weil wir mit der Zeit gehen und auch Neubürgern, die erst nach der Familiengründung nach Neustadt ziehen, die Möglichkeit geben wollten, bei uns mitzuwirken“, erklärt Gnau und berichtet, dass allerdings noch kein ausländischer Mitmensch der Bürgerwehr beigetreten sei. „Uniform ist vielleicht nicht jedermanns Sache und schreckt ab“, analysiert er. Dabei gehe es nur darum, die Geschichte der Stadt darzustellen. An manchen Stellen sei dabei aber auch Fingerspitzengefühl vonnöten: So verzichten die Neustädter manchmal, wenn sie nur ihr weißes Hemd tragen, auf die dazugehörige Armbinde. „Ähnliche Binden gab es auch im Zweiten Weltkrieg – und wir wollen auf keinen Fall einen falschen Eindruck erwecken.“

Heutzutage ist die Bürgerwehr bei nahezu allen offiziellen Terminen präsent, vor allem bei der Kirmes oder der Rathauserstürmung an Karneval. Zum Auftritt gehören obligatorische Salutschüsse – wegen derer Gardisten auch den Schwarzpulverschein machen und eine Genehmigung, dass sie Waffen tragen dürfen, haben müssen. „Wenn wir Salutschüsse abfeuern wollen, informieren wir im Vorfeld auch Polizei und Ordnungsamt“, berichtet Gnau. Einmal sei dies vergessen worden – und im Nu gesellte sich die Polizei zu einer Hochzeitsgesellschaft, die eigentlich nur feiern wollte.

Garde gab Handzeichen im Straßenverkehr in Rom

Als Höhepunkt des vergangenen Vierteljahrhunderts bezeichnet der Hauptmann die Teilnahme an den Oktoberfest-Festzügen 2004 und 2014 und einen Besuch in Rom im Jahr 2006: Damals hatten Vertreter der Bürgerwehr ihren ­Ehrenkommandanten, Brigadegeneral a.D. Klaus Wittmann, den ehemaligen Kommandeur der Panzerbrigade 14, anlässlich seines 60. Geburtstages in Rom aufgesucht und während einer Messe im Vatikan in Uniform den Segen des Papstes ­erhalten. Die Schweizer Garde hatte die Neustädter dafür extra nach vorne geholt. „Die Italiener sind einfach uniform-verliebt“, erinnert sich Gnau. Dies sei auch im Straßenverkehr deutlich geworden. Ein Gardist habe nur Handzeichen geben müssen, dann hätten Autofahrer gestoppt. „Polizisten, die das sahen, haben sich nur kaputtgelacht.“

Seit der 500. Trinitatis-Kirmes im Jahr 2004 steht der Bürgerwehr eine Gruppe von Frauen in zeitgenössischen Kleidern der Biedermeierzeit zur Seite. Dazu gehören auch zahlreiche Kinder, von denen einige im Laufe der Zeit in die Bürgerwehr aufrückten. Das Gesellige spiele im Verein eine große Rolle, hebt Gnau hervor und freut sich, dass die Bürgerwehr keinerlei Nachwuchssorgen habe.

Der Verein hat 177 Mitglieder, von denen 52 aktiv sind (32 Gardisten, 20 Biedermeierfrauen). Von den 16 Gründungsmitgliedern sind 10 noch aktiv. Sie dürfen sich am Wochenende auf eine Ehrung freuen, denn dann feiern die Neustädter ihr Jubiläum. Los geht es am Samstag um 19 Uhr auf dem Rathausplatz mit einem von der Band „Solution“ untermalten Dämmerschoppen. Um 21.30 Uhr findet eine sogenannte Abendserenade statt.

Serenade ist eine Art Zapfenstreich

Wie bei einem Zapfenstreich der Bundeswehr stellt sich die Bürgerwehr dann auf – gemeinsam mit der Bürgergarde Kirchhain, den Kronberger Rittern und der Bürgergarde Schlüchtern (Waldnaab musste aus terminlichen Gründen absagen). Hinzu kommen Fahnenabordnungen der Neustädter Vereine. Dann schreiten Landrätin Kirsten Fründt, Bürgermeister Thomas Groll (historisch gesehen der Vorsitzende der Bürgerwehr), Ehrenkommandant Wittmann, Hauptmann Gnau und wahrscheinlich auch Albert-Frederick von Dörnberg, ein Verwandter des Junkers Hans, bei musikalischer Untermalung durch das Jugendblasorchester (JBO) die Reihen ab. Durch das Programm, zu dem auch Ehrungen, Beförderungen und Totengedenken gehören, führt Martin Krapp.

Am Sonntag geht es dann um 11 Uhr mit einer ökumenischen Andacht auf dem Rathausplatz weiter. Im Anschluss findet ein vom JBO untermalter Frühschoppen statt. Später gibt es Erbseneintopf und anderes Essen sowie Blechkuchen, für den die Biedermeierfrauen sorgen. „Früher gab es keine Torten“, erklärt Gnau, warum das Angebot der Neustädterinnen diesmal anders aussieht als üblich. Auf Kinder warten verschiedene Spiele und eine Hüpfburg. Zu trinken (für die Erwachsenen) gibt es übrigens „1854“ von Licher – eigentlich fast schon ­logisch, schließlich waren in ­jenem Jahr die hessischen Bürgergarden aufgelöst worden.

von Florian Lerchbacher