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Ostkreis „Warum funktioniert das hier nicht?“
Landkreis Ostkreis „Warum funktioniert das hier nicht?“
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07:58 29.10.2020
An der Grundschule Kirchhain mussten Kinder aus dem Betreuungsangebot in Quarantäne. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Kirchhain

Der Fall war am Wochenende bekannt geworden und hatte zur Quarantäneanordnung für die ganze Klasse geführt, wie Eltern und Schulleiter Mario Michel der OP gestern erläuterten.

Doch es kommt noch dicker: Auf Anordnung des Landkreises als Gesundheitsbehörde müssen auch 110 Kinder, die das Betreuungsangebot genutzt haben, vorsorglich in Quarantäne.

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„Das ist Irrsinn, was hier passiert“, empört sich eine betroffene Mutter: „Alle Kinder haben in der Betreuung Mundschutz getragen und der Großteil hat mit dem positiv getesteten Kind weder gespielt noch gegessen.“ Dennoch müssten nun alle Kinder samt eventueller Geschwisterkinder und ein betreuendes Elternteil in häusliche Quarantäne.

„In jedem Restaurant werden Listen geführt, wer mit wem, wann an einem Tisch gesessen hat. Warum funktioniert das hier nicht? Warum werden die Kinder nicht in Gruppen aufgeteilt?“, fragt sie sich.

Das fragt sich auch Schulleiter Mario Michel im Gespräch mit der OP. Es stelle sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit, sagt er. Träger und Organisator des Betreuungsangebotes ist allein der Landkreis Marburg-Biedenkopf, nicht die Schule. Die hat aber teilweise, so schildert es Michel der OP, die Kontaktierung von Eltern übernommen. Auch auf der Internetseite der Schule gibt es aktuelle Informationen.

Michel fragt, welchen Sinn es habe, Masken auf Schulhöfen zu tragen, wenn sich trotzdem derart weitgehende Anordnungen nicht verhindern ließen. Für Michel, der auch mit dem Gesundheitsamt Kontakt hatte, erschließt es sich außerdem nicht, warum Kinder das Betreuungsangebot noch an diesem Montag und Dienstag aufsuchen durften, wenn der Kreis ein so hohes Ansteckungsrisiko gesehen habe.

Für zumindest hinterfragenswert hält es Michel auch, dass zwar der Klassenlehrer der 2d in Quarantäne ist, drei weitere Lehrkräfte, die dort unterrichtet haben, allerdings nicht, obwohl sie Stunden mit der Klasse zugebracht haben.

Kurzfristig Heimunterricht

Die weitreichende Verhängung von Quarantäne-Anordnungen nach diesem einen Fall hat an der Schule auch an anderen Stellen Spuren hinterlassen. Betroffene Schüler bekommen jetzt Heimunterricht, der kurzfristig vorbereitet werden muss, andere Schüler werden weiter vor Ort unterrichtet. Eine Herausforderung für die Lehrerschaft der Grundschule Kirchhain, wie Michel beschreibt. „Ich versuche, Angst und Panik zu nehmen und den Schulvormittag bestmöglich zu gestalten“, sagt der Kirchhainer Schulleiter. Michel weiß aber auch von mehreren Eltern, für die die Quarantäne-Anordnungen weitreichende Folgen haben. Etwa bei Familien, bei denen auch Geschwisterkinder die Grundschule besuchen und die nun ebenfalls nicht mehr zum Unterricht dürfen.

„Sie müssen versuchen, Regelungen mit ihrem Arbeitgeber zu treffen, was nicht immer möglich ist“, erläutert er. Bei einigen Eltern seien nun gleich mehrere Kinder zuhause zu betreuen.

Änderungen bei der Organisation

Der Landkreis reagierte gestern auf die Fragen der OP zu den Ereignissen an der Grundschule Kirchhain. Um eine Durchmischung von Gruppen zu verhindern, werde derzeit auch das Betreuungsangebot auf ein klassenweises Verfahren umgestellt. Weitere Veränderungen werden vorbereitet.

„Die Entscheidung, ob Quarantäne verhängt wird oder nicht, ist immer eine Einzelfallentscheidung“, erklärt Kreissprecher Stephan Schienbein. Dieser Entscheidung liege immer die Qualität des Kontaktes als Entscheidungsbasis zugrunde.

Ob Quarantäne verhängt werde oder nicht, werde nach pflichtgemäßem Ermessen entschieden. „Das Gesundheitsamt trifft diese Entscheidung also keineswegs leichtfertig, sondern nur dann, wenn hinreichende Gründe auf Grundlage der Vorgaben des Robert-Koch-Institutes und des Infektionsschutzgesetzes dafür vorliegen“, betont der Kreissprecher. Weitere Detailfragen will der Kreis nach entsprechender Prüfung kurzfristig klären.

Unterdessen ist auch die Kirchhainer Kindertagesstätte „Bärenhöhle“ in Niederwald bis einschließlich 30. Oktober geschlossen, wie Kirchhains Bürgermeister Olaf Hausmann der OP gestern berichtete. Betroffen seien 27 Kinder, nachdem sich eine Person mit dem Corona-Virus infiziert habe. Die Person habe die Kita bereits seit Mitte Oktober nicht mehr betreten, deshalb die vergleichsweise kurze Schließungszeit. „Wir haben mit dem Gesundheitsamt bei diesem Problem gut zusammengearbeitet“, sagt Hausmann.

Von Michael Rinde und Katharina Kaufmann-Hirsch