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Ostkreis 108 Millionen Euro stehen sicher bereit
Landkreis Ostkreis 108 Millionen Euro stehen sicher bereit
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17:58 18.02.2021
Divisionskommandeur Generalmajor Andreas Hannemann sieht angesichts der genehmigten Gelder für Bauprojekte den Standort gut gerüstet. 
Divisionskommandeur Generalmajor Andreas Hannemann sieht angesichts der genehmigten Gelder für Bauprojekte den Standort gut gerüstet.  Quelle: Michael Rinde
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Stadtallendorf

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf den Alltag Ihrer Soldaten?
Andreas Hannemann: Wir treffen dieselben Schutzmaßnahmen wie der Rest der Bevölkerung auch. Wir sind schließlich auch noch nicht geimpft. Das führt zu sehr unterschiedlichen Strukturen bei der täglichen Arbeit. Eine Kampfkompanie hat andere Erfordernisse als ein Divisionsstab. Unser Stab ist so aufgeteilt, dass ein Drittel daheim arbeitet, ein Drittel ist unterwegs und das letzte Drittel arbeitet in der Kaserne. Die Zahlen in der Division zeigen, dass das funktioniert.

Was ist mit den Soldaten, die in den Einsatz gehen oder von dort kommen?
Wegen Corona haben wir keinen Einsatz abgesagt. Wir bilden Gruppen. Jeder Soldat, der in den Auslandseinsatz geht oder aus einem kommt, muss vorher oder im Anschluss 14 Tage in Quarantäne. Das verlängert jeden Einsatz pauschal um vier Wochen. Das ist für die Familien oft eine zusätzliche Belastung.

Übung in Portugal wurde abgesagt

Wie steht es um Großübungen?
Die sind in der Tat eine Herausforderung, gerade im Ausland. Wir arbeiten mit dem, was möglich ist. Auf den Ebenen Kompanie und Zug wird derzeit mehr möglich gemacht als auf den höheren Führungsebenen. So haben wir auch gerade eine Übung in Portugal komplett abgesagt. Dorthin schicken wir allenfalls Leute, die helfen, die Pandemie vor Ort zu bekämpfen.

Die Bundeswehr hilft massiv im Kampf gegen Corona. Wie viele Soldaten der Division helfen?
Wir haben sehr schwankende Zahlen, die stets den aktuellen Herausforderungen angepasst werden müssen. Wir haben gerade zusätzlich 400 Soldaten bereitgestellt, die abrufbereit wären. Es gibt aber auch Divisionsteile mit Spezialisten, bei denen es schwierig ist, Soldaten abzustellen. Nehmen wir die Techniker bei den Heeresfliegern.

Wo helfen denn Soldaten der Division derzeit?
Ganz aktuell sind wir mit Soldaten der Stabsfernmeldekompanie in Marburg und Frankfurt am Main im Einsatz. Wir haben auch Sonderaufgaben übernommen und zum Beispiel bei der Ausbildung von Mitarbeitern des heimischen Gesundheitsamtes mit der neuen Software „Sormas“ geholfen. „Sormas“ dient der Kontaktverfolgung bei Corona-Infektionen.

Es bleiben auch mal Dinge liegen

Eine ungewöhnliche Konstellation, Soldaten bilden Zivilisten aus.
Es gab den Bedarf und ein Amtshilfeersuchen. Unsere Soldaten hatten bereits Mitarbeiter eines Gesundheitsamtes in Baden-Württemberg geschult und sind in die Software dafür eingearbeitet worden. Wir haben ein kleines Ausbildungszentrum in der Kaserne unter Corona-Bedingungen aufgebaut. Außerdem helfen wir mit Ausbildern während des ersten Betriebes. Wir haben Personen, die es gewohnt sind, gerade in diesen Bereichen auszubilden und wir konnten die passende Technik für das Schulungssystem stellen.

Wie wirken sich solche Aufgaben auf den eigentlichen Dienst aus?
Natürlich bleiben Dinge liegen, die ansonsten angestanden hätten. Aber Corona ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, eine Riesenherausforderung. Und hat deshalb zu Recht Priorität. Für diejenigen, die ihren regulären Dienst weitermachen, bedeutet das natürlich auch eine Zusatzbelastung, weil sie Aufgaben übernehmen müssen, die ansonsten andere gemacht hätten.
Hilfe bei Organisation

Was bekommen Sie an Rückmeldungen von Soldaten in den Hilfseinsätzen und von denen, denen sie helfen?
Von Soldaten, die beispielsweise in Pflegeheimen arbeiten, höre ich von dem Gesprächsbedarf, den die alten Menschen häufig haben, und denen auch die Soldaten nur teilweise gerecht werden können. Sie müssen eben weiterarbeiten, etwa beim Testen. Das ist belastend. Und natürlich ist es auch belastend, wenn Soldaten miterleben, wie Menschen in Altenheimen sterben. Da geht es ihnen wie den Pflegekräften. Wir helfen aber auch in Impfzentren im Saarland. Organisation ist halt unser Beruf und da kriege ich gute Rückmeldungen, wir können bei den Abläufen wirksam helfen.

Kommen wir zur Entwicklung des Bundeswehrstandortes Stadtallendorf. Offenbar ist dort derzeit einiges in Bewegung, was das Bauen angeht.
Oh ja, einiges ließ sich auch gemeinsam mit der Bauverwaltung beschleunigen. Für unsere Bauvorhaben am Standort und in der Herrenwaldkaserne stehen derzeit 108 Millionen Euro für kleine und größere Projekte bereit.

Klare Warnung vor Munitionsresten

Was ragt heraus?
Größtes Vorhaben ist die Altlastensanierung im Wasag-Gebiet. Dafür gibt es weitgehende Planungen und schon vergebene Aufträge. Allein dafür sind 38 Millionen Euro vorgesehen. Damit tun wir nicht nur für den Standort etwas, sondern auch für den Umweltschutz und die gesamte Umgebung.

Geht es denn beim Standortübungsplatz auch voran?
Wir haben die ersten kleineren Teile nach der Munitionsräumung wieder in Betrieb. Dort geht es Zug um Zug weiter. Ich nutze aber die Gelegenheit, nochmal an alle Zivilisten zu appellieren, unsere Warnschilder Ernst zunehmen. Dort liegt tatsächlich Munition und die ist gefährlich, wenn man unbedacht auf sie tritt. Einer Granate aus dem Zweiten Weltkrieg ist auch egal, ob ein Spaziergänger auf ihren Zünder tritt, ein Demonstrant gegen die A49 oder ein Bundeswehrsoldat. Die Warnung gilt für jeden.

Worin fließen weitere Millionen Euro?
Das ist ganz unterschiedlich. Geld gibt es für das neue Sanitätsversorgungszentrum, für die Sanierung der Kanalisation, ein Betreuungsgebäude, aber auch für neue Gebäude für eine Versorgungskompanie oder den Aufbau von WLAN-Netzen, um wirklich nur einige Beispiele zu nennen. Doch die Kapazitäten der Bauverwaltung sind natürlich auch begrenzt, darum lassen sich einige Dinge nur nacheinander abarbeiten. Und das dauert eben seine Zeit. Hauptsache ist, dass das Geld genehmigt und abrufbar ist.

Keine Zweifel an Kasernen-Plänen

Schauen wir eine Kaserne weiter. Ab 2027 soll es bei der Hessen-Kaserne vorangehen.
Ja, alles, was wir an Vorarbeiten und Planungen machen mussten, haben wir abgearbeitet. Es fehlt jetzt noch die endgültige politische Entscheidung darüber, welche Truppenteile dort stationiert werden sollen. Es muss klar sein, für wen gebaut werden soll. Außerdem ist klar, dass wir bei der Hessen-Kaserne sehr tiefgehend anfangen müssen.

Was meinen Sie mit tiefgehend, den Abriss?
Ja, der muss aber auch unter der Erde stattfinden, wir müssen das komplette Ver- und Entsorgungsnetz erneuern. Das ist billiger, als an alten Rohren herumzuflicken, sagen die Fachleute. Derzeit bemühen wir uns, ob sich ein Teil der Gebäude nicht schon vorab abreißen ließe, um voranzukommen. Das sieht derzeit gut aus.

Haben Sie nicht manchmal Zweifel, dass es wirklich zur Reaktivierung der Hessen-Kaserne kommt?
Nein, ich war dabei, als ein Staatssekretär des Verteidigungsministeriums diese Entscheidung bekanntgegeben und der hessische Ministerpräsident sie begrüßt hat. Es gibt auch überhaupt keine Anzeichen dafür, dass sich an dieser Entscheidung etwas ändern sollte.

Ab Ende 2024 wird die Autobahn 49 das Bundeswehrgelände durchschneiden. Ist die näher rückende Autobahn eher ein Fortschritt für die Division oder eine Belastung?
Sie ist ein klarer Fortschritt, gerade was die nötige Verkehrsanbindung angeht. Durch die geplante Brücke sind wir gut aufgestellt.

Hintergrund

Generalmajor Andreas Hannemann führt die Division Schnelle Kräfte (DSK) seit März 2019. Die Division umfasst aktuell rund 12 000 Bundeswehrsoldaten plus etwa 2000 Soldaten der 11. Luchtmobielen Brigade der niederländischen Streitkräfte.
Am Bundeswehrstandort Stadtallendorf gibt es aktuell 910 Dienstposten, was in etwa dem Begriff „Planstellen“ entspricht.
Seit August 2019 ist klar, dass die Hessen-Kaserne wieder genutzt werden soll. Nach Auflösung des Panzerbataillons 143 und schließlich auch der ZAG-Betreuungsstelle werden nur noch einzelne Unterkunftsgebäude genutzt – vor allem bei Platzmangel in der Herrenwaldkaserne.

Von Michael Rinde