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Nordkreis Zwischen Angst und Hoffnung
Landkreis Nordkreis Zwischen Angst und Hoffnung
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10:09 19.08.2021
Ein Profilbild von Patuni, der Spitzname der Tochter von Laylema Naimi Sadat aus Sterzhausen. Die Mutter hofft, ihre Tochter aus Kabul herausholen zu können.
Ein Profilbild von Patuni, der Spitzname der Tochter von Laylema Naimi Sadat aus Sterzhausen. Die Mutter hofft, ihre Tochter aus Kabul herausholen zu können. Quelle: Ina Tannert
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Sterzhausen

Angespannt sitzt Laylema Naimi Sadat am Tisch im Gemeindehaus der Kirchengemeinde Sterzhausen-Caldern. Sie hat wieder nicht geschlafen, erzählt die fünffache Mutter, die im Lahntal alle nur „Laila“ nennen und der die Sorge ins Gesicht geschrieben steht.

Sie hat Angst um ihre Tochter, die nach dem Machtwechsel in Afghanistan im Chaos festsitzt, sich vor den Taliban versteckt hält. Wir nennen sie Patuni, ihr Spitzname. Den richtigen Namen ihrer Tochter möchte die Mutter nicht in der Zeitung lesen, zu groß ist die Gefahr für ihr Kind, berichtet sie. Die mittlerweile 20 Jahre alte Patuni lebt seit Jahren unerkannt in Kabul, ist als Tochter einer Journalistin, zumal unverheiratet, ein Dorn im Auge der islamistischen Miliz, die nun die Macht im Land erlangt hat.

Die Mutter versucht seit 2016, sie zu sich nach Deutschland zu holen, das Asylverfahren sei noch immer nicht abgeschlossen. Sie hofft nun, dass es die Tochter auf einen der Evakuierungsflüge der Bundeswehr schafft. Darum kämpft die Mutter von Lahntal aus gemeinsam mit Pfarrer Ralf Ruckert von der Kirche Sterzhausen-Caldern, der die Familie betreut.

Die Lage für Patuni sei gerade in den vergangenen Tagen noch brenzliger geworden; rund um den Flughafen in Kabul haben die Taliban Kontrollpunkte eingerichtet, Ortskräfte und afghanische Staatsbürger werden zurückgewiesen. Ihre Tochter hat es noch in ein sicheres Versteck in der Nähe des Flughafens geschafft, könne nun nicht mehr zurück. Zu groß sei die Gefahr, dass sie aufgegriffen, dass sie erkannt, verschleppt und zwangsverheiratet wird, berichtet die Mutter unter Tränen.

Dieses Schicksal drohe ihrer Tochter, sollte sie in die Hand der Taliban fallen, „man hört immer, dass sie junge Frauen nach Pakistan bringen, ich habe Angst um sie“. Sie spricht täglich mit Patuni per Handy, gerade in den vergangenen Tagen seien die Gespräche geprägt von wachsender Sorge, „sie weint viel und ich auch“, erzählt Laila Naimi Sabat. Gesehen haben sich Mutter und Tochter seit mehr als fünf Jahren nicht, seit Laila nach Deutschland fliehen musste.

Längst arbeitet die 50-Jährige in Vollzeit bei einer Lahntaler Bäckerei, sei wie ihre beiden Kinder, ein Sohn und eine Tochter, bestens integriert, nicht auf staatliche Zuschüsse angewiesen, sagt Ruckert. Zwei weitere Töchter leben über Schüler-Visa mittlerweile in der Türkei, seien in Sicherheit. Die Mutter verdient den Lebensunterhalt, schickt regelmäßig Geld zu ihren drei Kindern ins Ausland. Patuni lebte in den vergangenen Jahren mal bei Verwandten, mal bei Freunden, zog immer wieder um.

Extremisten bedrohen gesamte Familie

Laila Naimi Sabat hatte in Kabul als Journalistin gearbeitet, in dem konservativen Land für eine Frau eine Seltenheit. Ihre Familie wurde zur Zielscheibe, schon im Jahr 2012 wurde sie von Extremisten bedroht. „Die haben unsere Haustür eingetreten, mich geschlagen und meinen Ehemann mitgenommen.“ Sie wurde verletzt, ihr Mann ist bis heute spurlos verschwunden.

Die Familie tauchte damals bei einem Schwager unter, ebenfalls Journalist, der schließlich fliehen musste. Auf sich alleine gestellt floh auch die Mutter vor fünf Jahren mit zwei ihrer Kinder nach Deutschland. Für mehr reichten die Ersparnisse nicht, die anderen Töchter wurden von Verwandten aufgenommen. Sie wollte sie nachholen, aber ihr Asylantrag wurde abgelehnt, berichtet die 50-Jährige.

Sie erhielt ein Bleiberecht, jedoch keinen Anspruch auf Familiennachzug. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) befand nach einer ersten Anhörung, dass sie keine ausreichenden Beweise für ihren Beruf dargelegt habe.

Seitdem versucht Pfarrer Ruckert alle Hebel in Bewegung zu setzen, damit sie bleiben kann, für die Anerkennung ihres Flüchtlingsstatus als Journalistin und die anderen Kinder. Ruckert legte Widerspruch gegen die Entscheidung ein, sieht fatale Fehler seitens des Bamf bei der Einschätzung ihres Falls. Weder seien neue Beweise für ihren Berufsstand anerkannt worden, noch sei während des Gerichtsverfahrens und der Übersetzung durch einen Dolmetscher alles korrekt abgelaufen, die verunsicherte Geflüchtete habe ihre Situation nicht ausreichend deutlich machen dürfen.

Gericht und Behörde hätten falsche Schlüsse gezogen, es nicht für voll genommen, dass die Frau mit Make-Up im Gesicht, die kein Kopftuch trägt, keinen Computer ihr Eigen nennt, als afghanische Journalistin tätig war, berichtet Ruckert. Vor zwei Jahren brachte er eine Petition auf den Weg, die abgelehnt wurde (die OP berichtete). Im Zuge der neuen Entwicklungen in Afghanistan wandte er sich nun erneut an den Petitionsausschuss des Bundestags, wies eindringlich auf die neue Brisanz des Falls hin.

Hoffen auf die Zugangsberechtigung

Für Patuni werde die Lage immer kritischer, nachdem erst die Stiefmutter, bei der sie früher lebte, verstarb, dann immer mehr Freunde oder Angehörige verschwanden, flohen oder starben. „Sie ist alleine, eine Frau in Afghanistan, die niemanden hat, ist Freiwild“, sagt Ruckert. Er steht seit Tagen in Kontakt zu den Kirchenoberen, die ihm den Rücken stärken, außerdem mit dem Außenministerium. Dessen Bemühungen lobt er ebenfalls, „die Regierung ist sehr daran interessiert, zu helfen“. Ein Problem sei, dass Patuni zwar in mehrfacher Hinsicht gefährdet sei, „aber sie passt nicht ins System“.

Die Tochter verstecke sich weiter in einem sicheren Haus am Flughafen, gemeinsam mit einer Familie, die für die Regierung arbeitete, als gefährdet gilt und auf einen Evakuierungsflug wartet. Ein Hoffnungsschimmer für die Mutter, „ich hoffe so sehr, dass es jetzt Hilfe gibt, dass sie auf die Liste kommt“, sagt sie mit einem vorsichtigen Lächeln. Nur so könne es ihre Tochter in den vom US-Militär kontrollierten militärischen Bereich des Flughafens schaffen. Hauptsache erst einmal raus aus der instabilen Stadt, das habe jetzt Priorität, „es ist nur eine ganz kleine Chance, aber wir geben nicht auf“, sagt Ruckert.

Von Ina Tannert

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