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Nordkreis Ziel ist ein Frieden ohne Rassismus
Landkreis Nordkreis Ziel ist ein Frieden ohne Rassismus
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13:00 11.07.2021
Schüler der Wollenbergschule zeigen Schülern aus Russland im Livestream ihr Engagement gegen Rassismus an ihrer Schule.
Schüler der Wollenbergschule zeigen Schülern aus Russland im Livestream ihr Engagement gegen Rassismus an ihrer Schule. Quelle: Götz Schaub
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Wetter

Die moderne Technik lässt die Welt zusammenrücken, endlich auch in Schulen. So gab es jüngst in der integrierten Gesamtschule Wollenbergschule Wetter ein ganz besonderes digitales Zusammentreffen, nämlich mit Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern der Partnerschule im russischen Gwardeisk bei Kaliningrad.

Schüler der Jahrgangsstufe 10 der Wollenbergschule hatten nicht nur für dieses Zusammentreffen etwas Besonderes vorbereitet. Sie trafen an diesem Vormittag auch auf Botschafter a. D. Rüdiger Freiherr von Fritsch, der die Schule besuchte, um unter anderem aus seiner Zeit als deutscher Botschafter in Moskau zu erzählen. Diese beiden besonderen Programmpunkte mündeten dann in die bewusste Erneuerung des Siegels „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“, zu dem Sabrina Becker von der Bildungsstätte Anne Frank Frankfurt gekommen war. Sie ist die Landeskoordinatorin für das Projekt „Schule ohne Rassismus“.

Im ersten Teil der Veranstaltung im Forum der Schule stand also von Fritsch im Fokus. Das Gespräch mit den Schülern entwickelte sich durch gezielte Fragen der Jugendlichen, die sich nicht nur auf seine Zeit als Botschafter in Moskau beschränkten, sondern auch auf andere Stationen seines durchaus bewegten Lebens. So lebte er mit seiner Familie auch für drei Jahre in Kenia.

„Reisen ist tödlich für Vorurteile“

Natürlich war auch seine Rolle als Fluchthelfer Thema. 2009 hatte von Fritsch ein Buch veröffentlicht, in dem er beschrieb, wie er zusammen mit seinem Bruder seinem Vetter und dessen Freunde half, aus der DDR zu flüchten. Dabei vergaß er nicht, zwei wichtige Botschaften an die Schülerinnen und Schüler zu senden. Zum einen stellte er heraus, dass Karrieren nicht vorgezeichnet sind, sondern sich entwickeln, und dass man auch mit überschaubaren schulischen Ergebnissen sehr viel erreichen kann, wenn man sich für das, was man macht, ernsthaft interessiert. So sei es jedenfalls bei ihm gewesen.

Und die zweite Botschaft passte sehr gut zum Thema Rassismus bekämpfen und für Frieden eintreten. Wer Länder bereist und die Menschen dort kennenlernt, so von Fritsch, wird in der Regel nicht auf die Idee kommen, gegen die normale Bevölkerung Krieg führen zu wollen. Er fasste es mit einem Zitat von Mark Twain zusammen: „Reisen ist tödlich für Vorurteile“. Ebenso tödlich für Vorurteile ist der direkte Kontakt mit anderen Menschen.

Nicht zuletzt deshalb pflegt die Wollenbergschule seit vielen Jahren eine gute Freundschaft mit einer russischen Schule. Die Schüler lernen sich bei Austauschprogrammen kennen, arbeiten zusammen an Umweltprojekten und knüpfen Freundschaften. Nun fanden sie auch digital zusammen, gestalteten eine Stunde lang abwechselnd ein Programm mit einer Botschaft: Wir alle sind für Frieden.

Zeichen gegen Antisemitismus

Schulleiter Andreas Irle zeigte sich beeindruckt, dass auf der Gegenseite so viele Lehrer und Schüler zu sehen waren, denn eigentlich hatten dort schon die Ferien begonnen, doch für diesen Termin fanden sich viele noch einmal in der Schule ein, die am Programm nicht nur teilnehmen, sondern es auch aktiv gestalten wollten. Kleine Reden, eindrucksvolle Lieder und Kunstwerke beschworen auf beiden Seiten den Wunsch nach immerwährenden Frieden für eine gemeinsame Zukunft auf dieser Welt.

Eine Zukunft zu haben ist nicht selbstverständlich, wenn Hass regiert. Zur Zeit der Nazi-Herrschaft von 1933 bis 1945 wurde auch Menschen in Wetter die Zukunft einfach nur genommen, weil sie Juden waren. Die Erinnerung daran soll mit dazu beitragen, dass so etwas nie wieder in Deutschland passiert. Als 2008 der jüdische Friedhof verwüstet und mit Nazi-Symbolen beschmiert wurde, habe die Wollenbergschule als Reaktion ein klares Zeichen gesetzt gegen Antisemitismus, sagte Dr. Martina Kepper, Vorsitzende des Trägervereins ehemalige Synagoge Wetter.

Ein Jahr später trat die Schule dem Projekt „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ bei. Seither sind einige Jahre vergangenen, die Schülerschaft ist nun eine ganz andere. Aber diese beschloss, das Projekt bewusst wieder aufleben zu lassen, und so kam es zu einer symbolischen Erneuerung mit Sabrina Becker, die auch der Schülervertretung anbot, für Fragen und Hilfestellungen stets erreichbar zu sein.

Von Götz Schaub

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