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Nordkreis Wer hat die Schulleiterin gestoßen?
Landkreis Nordkreis Wer hat die Schulleiterin gestoßen?
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16:58 25.01.2020
Ein Vorkommnis an der Wollenbergschule Wetter im Jahr 2018 hatte nun ein gerichtliches Nachspiel. Archivfoto: Tobias Kunz
Ein Vorkommnis an der Wollenbergschule Wetter im Jahr 2018 hatte nun ein gerichtliches Nachspiel.  Quelle: Tobias Kunz
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Wetter

Das soll sich am 6. September 2018 an der Gesamtschule Wollenbergschule in Wetter zugetragen haben: Eine Schülerin der Klasse fünf ruft ihre Mutter, dann, weil sie diese nicht erreicht, noch weitere Familienmitglieder an und berichtet in Tränen aufgelöst jeweils, dass ihr Zwillingsbruder geschlagen worden sei.

Als die Eltern davon erfahren, machen sie sich sofort auf zur Schule. Wie auch andere Familienmitglieder. In der Schule schaukeln sich die Emotionen hoch. Der Junge soll offen­bar mit zwei andern Jungen Stress gehabt haben, mit einem aus der Parallelklasse und einem 
älteren Schüler, wohl aus der achten Klasse, der ihm in den Nacken geschlagen haben soll.

Der geschlagene Junge ist verängstigt. Die Eltern drängen auf ein Gespräch mit der Schulleiterin, machen deutlich, dass sie den Täter finden wollen, was die Schulleiterin ablehnt mit Verweis auf die obligatorischen Schulregeln in solchen Fällen. Die Mutter möchte aber nicht zulassen, dass die Schulleiterin ohne ihr Beisein mit ihrem Sohn spricht.

Der Junge aus der Parallelklasse sitzt derweil mit seinem Klassenlehrer bei der Schulleiterin im Büro. Das Gespräch mit den Eltern findet zunächst in einem Besprechungszimmer statt, dann nach der Aufforderung der Schulleiterin an die Eltern, das Schulgelände zu verlassen, noch auf dem Flur und schließlich vor dem Büro der Leiterin.

Diese möchte eigentlich mit dem geschädigten Jungen und dem Jungen im Büro alleine sprechen. Als sie die Tür zu ihrem Büro ein Stück weit öffnet, um das geschlagene Kind zu fragen, ob der Schüler, der dort neben seinem Klassenlehrer sitzt, auch der ist, der es geschlagen hat, erhält die Schulleiterin von hinten einen Stoß und torkelt in den Raum. Durch die nun breit geöffnete Tür folgen ­mehrere Personen in den Raum, unter anderem die Eltern, die sich nun wegen Nötigung vor Gericht zu verantworten haben.

Eltern nahmen ihre
 Kinder von der Schule

Im Büro der Schulleitung wird die Situation unübersichtlich. Jedenfalls soll der Vater des geschlagenen Jungen eine Drohung gegen den Fünftklässler ausgesprochen haben. Dann wurde die AGAS von der Polizei in Marburg, die Arbeitsgruppe zur Bekämpfung der Jugendkriminalität beziehungsweise Gewalt an Schulen, gerufen.

Die Eltern, die wegen Nötigung angezeigt wurden, nahmen ihre Kinder von der Schule. Der angezeigte Familienvater, der sich damals im offenen Strafvollzug befand und dadurch tagsüber einer geregelten Arbeit nachgehen konnte, musste diese wieder aufgeben, weil er aufgrund der Anzeige den Status verlor und wieder nach Butzbach in den geschlossenen Strafvollzug zurückkehren musste.


Damit habe er laut Verteidiger Sascha Marx auch seine Chance auf eine frühzeitige Entlassung verloren. Nun war es also an den Zeugen, das Geschehen noch einmal darzustellen und dabei die beiden Angeklagten als treibende ­Kräfte der Nötigung auszumachen.

Dabei kam es in der Verhandlung unter dem Vorsitz von Dr. Christoph Schimrosczyk, Richter am Amtsgericht Marburg, zu mehr Unstimmigkeiten als wohl von Staatsanwältin Lena Löwer 
gedacht, die sich natürlich auf die von der Polizei schriftlich festgehaltenen Zeugenaussagen stützte. Daraus ging hervor, dass es direkte Augenzeugen gibt, die den Stoß dem Familienvater zuordnen können.

Doch bei der Zeugenbefragung stellte sich das nicht mehr so dar. Eine Zeugin, eine Lehrerin, gab an, nicht gesehen zu haben, wer gestoßen hat. Sie wisse aber genau, dass es ein Kollege gesehen habe.

Als sie damit konfrontiert wird, damals gegenüber der Polizei ausgesagt zu haben, gesehen zu haben, dass der Mann die Schulleiterin in den Raum gestoßen ­hatte, entgegnete sie, dass sie sich an diese Szene jetzt nicht mehr erinnern könne, sich aber ganz sicher sei, damals nichts ausgesagt zu haben, was sie nicht auch wirklich gesehen habe.

Die Schulleiterin selbst konnte auch nicht sagen, wer sie körperlich angefasst und von hinten in den Raum gestoßen hatte, dafür war sie sich sehr sicher, noch genau zu wissen, was der Vater dem Jungen aus der Parallelklasse seines Sohnes gesagt hat: „Wir kennen dich jetzt.“ Das gehe gar nicht, dass Eltern einseitig sich das Recht herausnehmen, gegen die Schulregeln zu versuchen, Kontakt zu einem Schüler aufzunehmen und ihn einzuschüchtern.

Die Mutter des geschlagenen Kindes schilderte diese Szene vor der Tür des Büros der Schulleiterin völlig anders. Ihr Mann habe mit dem Klassenlehrer des anderen Schülers abseits gestanden, sie selbst habe das Gefühl gehabt, dass die Schul­leiterin ihren Sohn in ihr Büro drängen wollte, was sie zu verhindern versuchte, indem sie ihren Sohn an sich zog.

Für sie war sofort klar, dass der Junge im Raum nicht der sein konnte, der ihrem Sohn Nackenschläge versetzt hatte. Nun, dass ihr Mann wenigstens zu diesem Zeitpunkt nicht fern des Geschehens mit dem Klassenlehrer zusammengestanden hatte, konnte dieser insofern beweisen, dass er ja zu diesem Zeitpunkt mit dem Kind aus der Parallelklasse im Büro der Schulleitung saß.

ntgegen der Ankündigung der zuvor befragten Lehrerin, die sagte, dass dieser Lehrer genau gesehen habe, wer gestoßen hat, sagte auch dieser, dass er das nicht so beobachtet habe. Der Junge aus der Parallelklasse sagte, das auch er nichts gesehen habe, doch erinnere er sich, dass der Familienvater vor ihm stand und gesagt habe „Ich krieg dich noch.“

Die beiden Verteidiger schlagen Freispruch vor

Der Angeklagte selbst ­sagte nichts aus. Sascha Marx, Verteidiger des Mannes, und Stefan Adler, Verteidiger der Frau, versuchten einen Freispruch zu erwirken, gern auch gegen Zahlung einer gewissen Summe, etwa an den Förderverein der Schule. Die Familie habe doch genug gelitten. Die Zwillingskinder sollten endlich mit dieser Sache abschließen können.

Staatsanwältin Lena Löwer lehnte dieses Ansinnen ab. Sie möchte nicht voreilig handeln und dann doch lieber noch die Zeugin hören, die als einzige zur Hauptverhandlung nicht geladen wurde.

So wird der Prozess am Donnerstag, 30. Januar, ab 15 Uhr am Amtsgericht fortgesetzt.

von Götz Schaub