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Nordkreis Drei Millionen Brötchen auf einem Feld
Landkreis Nordkreis Drei Millionen Brötchen auf einem Feld
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21:54 03.08.2020
Bahn für Bahn wird der Weizen geerntet. Für die 15 Hektar braucht Frank Staubitz gute sieben Stunden. Quelle: Fotos: Katja Peters
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Caldern

6,80 Meter ist das Mähwerk breit, das vorn am Mähdrescher hängt. Das sind anderthalb VW-Busse, die hintereinander stehen. Mit einem Joystick bedient Frank Staubitz das Zwölf-Tonnen-Gefährt. Mit leichtem Druck nach vorn setzt der Koloss sich in Bewegung, kurz nach hinten gezogen bremst er ab.

15 Hektar Weizen will der Landwirt aus Caldern heute ernten. „Das ist unser größtes Feld“, erklärt er beim OP-Besuch. Einen Kilometer ist es lang. „Viel zu groß für den Korntank im Mähdrescher. Ich muss es wohl halbieren.“ Denn jede zusätzliche Fahrt soll vermieden werden. Nach gut anderthalb Bahnen piept es. Und als wenn Kollege Alex Minde das wusste, kommt er gerade mit Traktor und Anhänger vorgefahren. Parallel fährt er nun neben dem Mähdrescher her, der vorne erntet und an der Seite gleichzeitig das Korn abschüttet.

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Frank Staubitz half schon als Junge bei den Nachbarn mit

Für Frank Staubitz ist das nichts Besonderes mehr. „Ich kenne nur noch die Maschinenernte“, berichtet er. Schon als Junge hat er immer bei den Nachbarn mitgeholfen. „Die hatten einfache Standardmaschinen ohne Elektronik“, erinnert er sich. Eine Ernte per Knopfdruck konnte sich damals niemand vorstellen.

Zweieinhalb Hektar erntet er mit seinem hochmodernen Mähdrescher in der Stunde. „Für so eine Fläche war eine Familie früher händisch eine ganze Woche beschäftigt.“ So viel Zeit hat er heute nicht. Die 15 Hektar schafft er in gut sieben Stunden. Danach hat er 142 Tonnen Weizen im Lager. „Daraus kann man drei Millionen Brötchen backen“, weiß der Landwirt.

In jedem Brötchen steckt Weizen für etwa einen Cent

25 Jahre lang bestellt er jetzt schon die Flächen rund um Caldern. Mit dem Grünland sind das ungefähr 200 Hektar. „Das ist schon kein Pillepalle, was die Landwirte so machen“, betont er und rechnet noch einmal vor: „Aus 100 Kilo Weizen werden 70 Kilo Mehl, das sind 2.000 Brötchen. 100 Kilo Getreide kosten 15 Euro. Also steckt ein guter Cent Weizen in jedem Brötchen. Alle anderen Preisbestandteile haben nichts mit dem eigentlichen Rohstoff zu tun. Es sind Lohnkosten, Miete, Anschaffungskosten für alles, was in der Bäckerei oder im Verkaufsraum benötigt wird.“

In dieser Woche endet die Ernte von Frank Staubitz schon. „Normalerweise ist der August der Weizenmonat. Jetzt ist am Monatsanfang schon alles in den Silos“, berichtet er. Fünf verschiedene Weizen-Sorten, aufgeteilt in Futter-, Back- und Qualitätsweizen, hat er in diesem Jahr angebaut. Außerdem zwei Gersten-Sorten und Raps. Letzterer brachte in diesem Jahr sehr gute Erträge. „Nach dem Totalausfall im vergangenen Jahr und der Käferplage 2018 endlich mal ein Lichtblick.“

Landwirten fehlt die Silage

Die Gerste war schwach, der Weizen ist normaler Durchschnitt. Schwierig wird es bei Heu und Stroh. „Im vergangen Jahr hatten wir 300 Rundballen Silage, in diesem Jahr nur 200. das ist ein Drittel weniger. Wir verbrauchen aber ungefähr 250 Ballen im Jahr. Da müssen wir auf Dauer noch Lösungen finden.“ Denn neben dem Getreide hat Frank Staubitz auch eine Mutterkuhherde von Angus-Rindern.

Und noch ein Standbein hat er sich aufgebaut. Er ist einer der wenigen Landwirte im Landkreis, die auch Saatgutvermehrung betreiben. Das heißt, auf seinen Feldern im Lahntal wächst unter anderem auch das Getreide, was in etwa einem Monat von anderen Landwirten deutschlandweit wieder in die Erde gebracht wird.

„Dafür braucht man bestimmte Maschinen. Die kann sich nicht jeder leisten. Deswegen gibt es nicht viele Kollegen“, erklärt der Caldener. Das Saatgut geht direkt auf den Hof an der Klosterbergstraße. Dort wird es gereinigt und veredelt.

Denn, um beispielsweise Pilzbefall beim Auskeimen zu verhindern, bekommt jedes Korn eine Schicht Beize aufgetragen. Ein Labor aus Kassel untersucht vorher die Samen. „Dafür kommt extra ein amtlicher Probenzieher“, berichtet Frank Staubitz.

Feuchtigkeit liegt bei perfekten 15 Prozent

Der Backweizen landet am Ortseingang in den Silos. Alex Minde fährt dort die Körner tonnenweise hin, die dort auch gereinigt und dann gelagert werden, ehe sie weiterverkauft werden. Dort wird auch noch einmal die Feuchtigkeit gemessen, obwohl diese bereits von der Technik im Mähdrescher während der Ernte angezeigt wird.

„15 Prozent“, sagt der Geselle nach der Messung. „Das ist perfekt. Wenn es mehr sind, dann muss das Korn in die Trocknung. Und das kostet wieder zusätzlich Energie“, erklärt der 32-Jährige, der auf dem Hof gelernt hat und schon seit 13 Jahren dort arbeitet.

Die Ernte ist für Frank Staubitz immer eine besondere Zeit. „Ich ernte ja nicht nur das Korn, sondern ernte meine Arbeit, auf die ich das ganze Jahr drauf hingearbeitet habe“, sagt der 50-Jährige. Mindestens einmal in der Woche ist er im Mai auf seine Flächen gefahren und hat geschaut, ob seine Ideen und Planungen aufgehen. „Heute weiß ich, dass es geklappt hat.“

Abends um 22 Uhr sind die 142 Tonnen von dem großen Schlag eingefahren. Am nächsten Tag geht es weiter.

Von Katja Peters

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