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Nordkreis Mit 480 PS durch den „Grund“
Landkreis Nordkreis Mit 480 PS durch den „Grund“
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20:57 02.11.2019
Hans Ulrich Kaufmann organisierte im November 1969 mit den Eisenbahnfreunden vom MEC Marburg und FENF Frankfurt sowie mit der Betriebsleitung der Marburger Kreisbahn eine letzte Personen-Sonderfahrt mit der Henschel-Dampflokomotive Nummer 1 des Typs „Bismarck“ aus dem Jahr 1904. Quelle: Manfred Ritter, Repro: Thorsten Richter
Wetter

Manfred Ritter aus Wetter mag vielleicht auch Geburtstage in seinem Jahreskalender eingetragen haben, er hat aber auch ganz besondere Daten präsent, was den Schienenverkehr in Deutschland und auch im heimischen Kreis angeht.

„Am 2. November startete die Lok 1 von Marburg-Süd zu ihrer letzten Fahrt auf der Kreisbahn nach Dreihausen. Aus diesem Anlass wurde sie noch einmal herausgeputzt, und interessierten Bürgern wurde die Gelegenheit gegeben, an dieser Sonderfahrt teilzunehmen“, erzählt Manfred Ritter.

Er selbst war nicht in einem der von der Deutschen Bahn zur Verfügung gestellten Personenwaggons. Er begleitete als 19-Jähriger die Fahrt auf seinem Motorroller und machte von verschiedenen Standorten an der Strecke Fotos. Fotos, die mittlerweile einen historischen Status erreicht haben.

Eigentlich war die Lok Nummer 1 nur noch Ersatz. Platzhirsch auf der Strecke war die 1957 angeschaffte Diesellok, eine Henschel mit 650 PS. Sprach Ritter eingangs noch von der letzten Fahrt, so präzisiert er nochmal: „Die allerletzte Fahrt fand dann zwischen den Jahren 1969 bei Schnee statt.“

Manfred Ritter aus Wetter fotografierte vor 50 Jahren die letzten Kreisbahn-Fahrten der Dampflok aus dem Jahr 1904. Foto: Götz Schaub

Diese Fahrt war eigentlich nicht mehr vorgesehen, doch versagte die Diesellokomotive an diesem Tag ihren Dienst, so dass die Lok Nummer 1 tatsächlich noch einmal angeheizt werden musste. Ritter bekam davon Wind und so gibt es selbst von dieser Fahrt noch Fotos.

Hintergrund

Am 16. Dezember 1899 fiel mit 16 Ja-Stimmen gegen drei Nein-Stimmen im damaligen Marburger Kreistag die Entscheidung, eine Bahnlinie von Marburg-Süd in den Ebsdorfer Grund zu bauen. Ab 1903 wurde gebaut. Zwei Jahre lang.

100.000 Kubikmeter Erde mussten dabei bewegt werden. Am 5. April 1905 wurde der Teilabschnitt von Marburg-Süd nach Ebsdorf für den Bahnverkehr freigegeben. Am 19. September 1905 fand die landespolizeiliche Abnahme der Teilstrecke Ebsdorf – Dreihausen statt.

Und mit der ersten Fahrt, der Einweihungsfahrt am 5. April 1905 ging eine andere­ Tradition zu Ende. Am selben Tag unternahm der Ebsdorfer Postillon“ dessen Posthorn jahrzehntelang täglich auf der Straße Marburg – Ebsdorf erklungen war, seine letzte Fahrt mit der Postkutsche, die zu diesem Anlass mit Tannengrün prächtig geschmückt war.

Unter anderen kamen drei Henschel-Dampflokomotiven der Marke „Bismarck“ auf der Strecke zum Einsatz. Während die Nummer 2 aus dem Jahr 1904 1962 verschrottet wurde und Nummer 3 bereits 1915 verkauft worden war, blieb die Nummer 1 bis 1969 in Betrieb.     

Was war der Grund für die ­Außerdienststellung? Ablaufende Untersuchungsfristen an Kessel und Fahrwerk. So wurde für die ehrwürdige Lok Nummer 1 die endgültige Abstellung zum Jahresende 1969 beschlossen.

Doch trennen mochte man sich nicht so einfach von ihr. Und so wurde sie 1972 in Dreihausen als Denkmal ausgestellt. Und das bis 1988. „Danach wurde sie Eigentum der Eisenbahnfreunde Wetterau in Bad Nauheim.

Nach erfolgter Aufarbeitung und Erneuerung der Technik ist sie wieder einmal im Monat auf der Museumsbahnstrecke Bad Nauheim – Münzenberg im Einsatz. Einfach unverwüstlich, die Nummer 1.

Lokomotivführer war Philipp Vey aus Dreihausen. Er war nach den Worten Ritters der „Letzte seiner Art“, will heißen, der Letzte bei der Kreisbahn, der die Dampflokomotive fahren konnte.

Die Sonderfahrt am 2. November stellte schon etwas Besonderes dar. Denn die Personenbeförderung auf der Schiene war zu diesem Zeitpunkt schon lange Geschichte.

Die Bahn wurde nur noch für den Güterverkehr genutzt. Für die Menschen stand eine Bus-Flotte zur Verfügung, die 1951 eingeführt wurde und 
bis 1956 parallel zur Personenbeförderung auf den Gleisen betrieben wurde.

Von 1972 bis 1988 wurde die Lok Nummer 1 in Dreihausen als Denkmal ausgestellt. Foto: Manfred Ritter, Repro: Thorsten Richter

Ab 1957 standen für Personen nur noch die Busse zur Verfügung. 1980 feierte die Marburger Kreisbahn ihr 75-jähriges Bestehen. Die Bahn war da schon längst eingestellt, doch die Busflotte noch im Geschäft. Tatsächlich sollte diese­ aber nur zwei Jahre später in die Marburger Stadtwerke integriert werden.

Manfred Ritter ist fasziniert von der Eisenbahn. Modelle interessieren ihn weniger, er liebt es, die echten zu sehen und auch zu fotografieren. So besitzt er einige schöne Schnappschüsse, unter anderem auch von der allerallerletzten Dampflokfahrt auf der Kreisbahn 1972 anlässlich des Hessentages in Marburg. Dazu wurde aber eine ­andere Gast-Lok geholt.

von Götz Schaub