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Nordkreis Von Moabit in die Ubbelohde-Idylle
Landkreis Nordkreis Von Moabit in die Ubbelohde-Idylle
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14:58 16.05.2021
Die Lyrikerin Sandra Burkhardt bewohnt gerade das Otto-Ubbelohde-Haus.
Die Lyrikerin Sandra Burkhardt bewohnt gerade das Otto-Ubbelohde-Haus. Quelle: Foto: Uwe Badouin
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Goßfelden

Vögel zwitschern in den Bäumen und Sträuchern, vor dem Haus weiden Lamas, ein paar Meter entfernt toben Kälbchen über die Wiese. Diese Szenen kennt Sandra Burkhardt aus ihrer aktuellen Heimat nicht. Für drei Monate hat sie ihre 6er-Wohngemeinschaft im Berliner Stadtteil Moabit – „nicht so kiezig wie Kreuzberg oder Neukölln“ – mit der Idylle im Otto-Ubbelohde-Haus getauscht. Die Lyrikerin ist die vierte Stipendiatin des noch jungen Vereins „Zwei Raben: Literatur in Oberhessen“ – nach Marcus Braun, Christoph Peters und Marion Poschmann, die gerade mit dem mit 35 000 Euro dotierten Wortmeldungen-Literaturpreis der Crespo Foundation ausgezeichnet wurde.

Seit Mitte März bewohnt Sandra Burkhardt die kleine, nett eingerichtete Wohnung im Obergeschoss des einstigen Atelier- und Wohnhauses des Künstlers Otto Ubbelohde in Goßfelden. Sie fühlt sich wohl, obwohl – oder vielleicht gerade: weil – das Haus etwas abgelegen liegt, sie kein Auto besitzt und auch das Fahrrad noch nicht angerührt hat, das ihr der Verein zur Verfügung stellt. Zum Einkaufen schnallt sie sich ihren Rucksack um und läuft los.

Die auch Corona-bedingte Einsamkeit sei „manchmal eine Herausforderung“, sagt sie und ergänzt: „Sie hat aber auch ihre schönen Seiten, etwa den eigenen Alltagstakt selbst bestimmen zu können.“ Sie gehe viel und oft lange spazieren. Erkunde die Gegend, die Natur. Bis Marburg aber hat sie es in den vergangenen sechs Wochen, in denen sie als Landschreiberin im Ubbelohde-Haus arbeitet, noch nicht geschafft.

Einen sehnlichen Wunsch hat sie aber doch: „Ich würde mich freuen, wenn es ein wenig sommerlicher werden würde.“ Dann könne sie sich auch mal in den schönen Garten in den Goßfeldener Lahnauen setzen. Kein Wunder: Sommerlich ist es nicht gerade bei dem Gespräch mit der jungen Lyrikerin, das wegen Corona im Freien stattfindet. Sie trägt eine warme Jacke und einen Schal. Es ist frisch, und das im Mai, im Wonnemonat.

Die 29-Jährige ist in der Kleinstadt Laupheim aufgewachsen, rund 20 Kilometer südwestlich von Ulm gelegen. Ihr sympathisches schwäbisches Idiom kann (und will) sie nicht ganz verleugnen. Und sie kennt auch Dörfer wie Goßfelden. Denn bevor sie ihr Kunstgeschichtsstudium in Karlsruhe aufgenommen habe, sei sie mit ihrer Familie in ein kleines Dorf vor den Toren der Kleinstadt gezogen.

Von Karlsruhe führte ihr Weg sie nach Leipzig an das renommierte Deutsche Literaturinstitut. Dort studierte sie von 2013 bis 2018 literarisches Schreiben. „Es ist vor allem ein Umfeld, in dem man über seine Literatur sprechen kann“, sagt sie. Seit 2018 lebt sie in Berlin, studiert an der Freien Universität Kunstgeschichte.

Sandra Burkhardt schreibt zeitgenössische Lyrik – und die hat es auf dem Buchmarkt deutlich schwerer als zeitgenössische Prosa. Im Gegensatz „zu den Prosaleuten“ sei die Szene der Lyriker überschaubar: „Es ist eine Szene, in der man sich untereinander kennt.“ Sie schreibt eine hochverdichtete Sprache, „weit weg von der Alltagssprache“, erklärt sie.

Die Jury, die die Stipendien im Ubbelohde-Haus vergibt, hat sie mit ihren Gedichten zu Natur und Selbstfindung beeindruckt, in denen sie „zeitgenössisch-drängende Themen und Fragestellungen behandelt“ und die „gleichzeitig von formaler Sicherheit zeugten“. Für die Jury ist sie ein „neu aufgehender Stern am Lyrikhimmel“. Mit dem Stipendium unterstützt der Verein Zwei Raben die Autorin, deren Debüt „wer A sagt“ 2018 im Verlag Gutleut in Frankfurt erschien, bei der Fertigstellung ihres zweiten Gedichtbandes. Arbeitstitel: „Hört in ausgestreuten Reimen“.

2 500 Euro bekommen die Stipendiaten im Monat. Für die Studentin Sandra Burkhardt ist das viel Geld, zumal man mit Lyrik wirklich nicht viel Geld verdient. Sie kann drei Monate lang recht unbelastet arbeiten. Gemeinsam mit Christian Hansen und Benedikt Kuhn schließt sie gerade ein literarisches Projekt für die Berliner Volksbühne ab: „Homestories“ heißt die transmediale Inszenierung, die von Armen Avanessian & Enemies in der Reihe SprechDenkTheater für neue politische Theorie und Theorieformate aufbereitet wird.

Es geht um die Auswirkungen der Pandemie auf unser Leben, unser Wohnen, unser Arbeiten, den Rückzug ins Private „mit freundlicher Unterstützung der Displays, Augen, Ohren und Sensoren unserer mediengesättigten Innenräume“, wie es auf der Homepage der Volksbühne heißt.

Und sie arbeitet an ihrem zweiten Gedichtband. Und dann erbittet der Verein zum Abschluss ja noch einen kurzen literarischen Text – idealerweise eine Auseinandersetzung mit Ubbelohde. Sie hat also noch viel zu tun in Goßfelden. Und wer weiß, vielleicht wird ja das Wetter tatsächlich noch etwas sommerlicher und vielleicht schafft sie es einmal sogar bis nach Marburg.

Von Uwe Badouin

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