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Nordkreis Volker Carle geht nach 18 Amtsjahren
Landkreis Nordkreis Volker Carle geht nach 18 Amtsjahren
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00:18 04.05.2019
Cölbes Bürgermeister Volker Carle während des Interviews mit OP-Redakteur Dominic Heitz. Quelle: Tobias Hirsch
Cölbe

Am 15. Mai, an seinem letzten Arbeitstag im Cölber Rathaus, macht der Bürgermeister Urlaub. In Brasilien, den Sohn besuchen. Der absolviert dort derzeit ein Auslandssemester. Auch wenn Tochter und Sohn beide schon aus dem Haus sind, freut sich Volker Carle auf die kommenden Monate. Dann hat er die Zeit für die Familie, die er in seinen ersten Amtsjahren nicht immer hatte.

OP: Es ist ja wohl anzunehmen, dass Sie sich zukünftig stärker im Haushalt engagieren. Spülen, Staubsaugen oder Bügeln – wo liegen denn da so Ihre Stärken?

Volker Carle: Ich kann den Saugroboter sehr gut mit dem Handy bedienen. Aber im Ernst: Den Haushalt haben wir uns schon immer geteilt. Auch das mit den Kindern. Meine Frau ging noch arbeiten, als wir den Jungen schon hatten. Ich hatte das Glück, dass ich damals über das Landratsamt zum Studium durfte. Da hatte ich ein bisschen mehr frei. Sie ging zur Arbeit, ich hatte den Kleinen. Heute sehe ich meine Stärken eher darin, das Haus zu renovieren. Wir hatten uns damals ja sofort entschieden, nach Cölbe zu ziehen, und haben gebaut.

OP: Gibt es keine Residenzpflicht für Bürgermeister?

Carle: Nein, gibt es nicht. Das war aber für mich klar. Ich kannte das von meinem Vater, der als Bürgermeister der Gemeinde Münchhausen auch dort wohnte. Ich musste damals dann manchmal mitgehen, wenn die Familie sich zu irgendwelchen Anlässen zeigen sollte. Das habe ich mit meiner Familie anders gemacht. Die mussten nie mit.

OP: Nochmal wegen der Hausarbeit …

Carle: Wie gesagt sehe ich meine Stärken im Handwerklichen.

Bevor Carle 2001 ins Cölber Rathaus einzog, hatte er lange Jahre in verantwortlichen Positionen im Landratsamt gearbeitet. Den Sieg bei der Bürgermeisterwahl hatte er ohne Parteibuch geschafft. Das habe nicht jedem in der Cölber Kommunalpolitik gefallen, erinnert er sich. „Ich war ein Betriebsunfall und es hieß: Der muss weg!“ Am Anfang habe er großen Druck bekommen, sagt Carle. In seiner ersten Parlamentssitzung als Bürgermeister habe es rund 100 Anfragen gegeben.

OP: Schauen Sie auch Fernsehen?

Carle: Hauptsächlich Streaming. Und natürlich die Hessenschau, aber auch übers Internet.

OP: Dann haben Sie ja vielleicht „Papa ante portas“ von Loriot gesehen. Da hat der Ruheständler für ordentlich Stress zu Hause gesorgt. Hat sich Ihre Frau irgendwie darauf vorbereitet, dass Sie jetzt immer zu Hause rumhängen?

Carle: Sie hat sich selbstständig gemacht.

OP: Und der Rest der Familie? Wie hat der auf Ihren Abgang von der Polit-Bühne reagiert?

Carle: Die freuen sich. Wir haben ein gutes Verhältnis miteinander. Die Familie freut sich auch, dass jetzt etwas mehr Unterstützung da ist. Als wir das Haus bauten, haben Eltern, Schwiegereltern und der Rest der Familie mitgeholfen. Bei uns ist es so, dass die Familie mit anpackt.

OP: Wenn Sie aus dem Rathaus ausscheiden, geht es für Sie ja von 120 auf null. Vorher dauernd Termine, dann nichts mehr.

Carle: Ich habe es mir in den letzten Monaten schon etwas abtrainiert. Zuletzt habe ich auch mal meinen Vertreter geschickt. Mein erster Beigeordneter hat sich gefreut. Ab dem Tag, an dem Dr. Ried gewählt war, habe ich immer weniger Termine wahrgenommen. Ich habe die Dosis nach unten gefahren, obwohl es mich noch juckt. Das Amt ist halt superspannend.

In den ersten Jahren als Bürgermeister habe es sehr viel zu tun gegeben, sagt Carle. 90 Stunden Arbeit pro Woche seien keine Seltenheit gewesen. Heute fängt er meistens gegen halb neun an. „Zur Anfangszeit saß ich oft schon um fünf Uhr morgens hier. Abends ging es dann bis 23 Uhr.“ An Urlaub sei auch oft nicht zu denken gewesen: In einem Jahr habe er mal 18 Tage Jahresurlaub verfallen lassen. „Es hat ja auch Spaß gemacht“, sagt Carle. Nach etwa drei Jahren habe er sich freigeschwommen und die Belastung sei etwas gesunken.

OP: Haben Sie sich für die Zeit ab Mai schon Kreuzworträtsel­hefte gekauft?

Carle: Ach nein, das Haus und der Garten müssen ja instandgesetzt werden. Ich hatte mir vor Jahren einen Dreißigtonner aus dem Osten bestellt mit Basaltsteinen. Davon liegt noch ein dicker Haufen, der muss verlegt werden.

OP: Mal von Ihren handwerklichen Ambitionen abgesehen – welche Pläne haben Sie denn noch für die Zukunft?

Carle: Ich hab‘ die ganzen Angebote aus der Politik und der Wirtschaft ausgeschlagen. Die waren sehr verlockend, aber ich mache jetzt erst mal ein Sabbatjahr. Nach dem Jahr entscheide ich neu, in welche Richtung ich gehe. Mein Traum war ja eigentlich immer die Entwicklungshilfe. Aber da kriege ich von meiner Frau ein bisschen die rote Karte. Das sind Projekte, die dauern auch mal zwei Jahre. Damit müssten wir eigentlich warten, bis meine Frau beruflich auch aufhört und man das gegebenenfalls gemeinsam macht.

OP: Die würde dabei mitmachen?

Carle: Ja. Wir passen schon gut zusammen. Wir haben auch nach wie vor Spaß zusammen und können lachen. Das ist ja das Wichtigste.

OP: Gibt es denn irgendetwas, was Sie in ihrem Leben gerne noch machen würden?

Carle: Mein Vater hat mich gewarnt und gefragt, ob ich mir den Ruhestand gut überlegt hätte. Er kenne niemanden, der den Ruhestand überlebt hätte. Im Augenblick gibt es aber nichts, wo ich sagen würde: Das muss ich noch. Klar, nochmal über die Alpen rüber oder quer durch Deutschland auf dem Rad, das wären vielleicht so Sachen. Aber ich will jetzt erst mal runterkommen.

OP: Sind Sie ein Abenteurer?

Carle: Ein Westentaschen-Abenteurer. Als Beamter ist man je eher auf Sicherheit bedacht. Aber ich gehe gerne mal an die Grenzen. Mein erster Marathon war eine Grenzerfahrung. Frau und Tochter waren in Frankfurt dabei, standen am Ziel. Auf den letzten Kilometern ändert sich ja dann doch einiges, das hatte ich so nicht erwartet. Als ich ins Ziel kam, fielen sie sich um mich herum alle jubelnd um den Hals. Meine Frau fragte: Wo bleibst du denn? Ihr war das Warten halt ein bisschen lang geworden.

OP: Also nicht mal aus der Stratosphäre abspringen oder in den Marianengraben runter?

Carle: Canyoning will ich noch machen.

OP: Was ist das?

Carle: Sich die Schluchten runtermachen, mal ein bisschen runterspringen, im Wasser planschen.

OP: Springen? Mit einem Springeranzug?

Carle: Nein, man rutscht.

OP: Mit einem Boot?

Carle: Eher so auf dem blanken Hintern. Da muss man natürlich gucken, ob der Körper noch mitmacht. Ist ja alles nicht mehr so toll. Morgens beim Aufstehen merke ich schon, dass ich noch lebe.

Den Wechsel aus dem Landratsamt ins Rathaus nennt Carle ein Wagnis. „Das war hier damals ein Schleudersitz“, sagt er. Auch zwischen den Fraktionen der Gemeindevertretung sei das Verhältnis problematisch gewesen. Carle erzählt, wie sich noch vor Kurzem ein Parlamentarier daran erinnerte, dass er sich damals einen Rüffel einfing, als er bei einem gemeinsamen Abendessen ein Brötchen vom Tisch einer anderen Fraktion genommen hatte. Mittlerweile arbeiteten die Parteien in Cölbe aber gut zusammen, so Carle. „Jetzt herrscht ein ganz anderes Klima als damals.“

OP: Gehen wir nochmal zurück ins Rathaus: In der Kommunalpolitik streitet man sich, trifft sich tags darauf dann aber am Gartenzaun wieder. Wie haben Sie diesen Konflikt aus politischem Streit und Nähe zu den Mitmenschen unter einen Hut gebracht?

Carle: Der Kumpeltyp war ich über all die Jahre nicht. Ich habe immer versucht, freundliche Distanz zu halten. Nicht, weil ich nicht gern Kumpel gewesen wäre. Sondern weil es immer wieder dazu kommt, dass man eine für den einzelnen negative Entscheidung treffen muss. Ich habe versucht, die Dinge sachlich zu halten und nicht persönlich zu nehmen. Auf Schläge unter die Gürtellinie habe ich nicht reagiert.

OP: Wurde es denn auch persönlich?

Carle: Oh, aber richtig. Es gab Rundschreiben und beim Rotweinlauf waren einige Nettigkeiten auf die Straße geschrieben worden. Das war hier richtig knüppelhart in der Anfangszeit. War für die Familie auch nicht so leicht.

OP: Was für eine Gemeinde hinterlassen Sie Jens Ried?

Carle: Eine hochmotivierte Kommune. Ich bin der Auffassung, dass wir wirklich gut aufgestellt sind. In der Verwaltung haben wir qualifizierte Mitarbeiter, die sich auch mit der Gemeinde identifizieren. Wir haben vor allem aber auch Bürger, die mit anpacken und am Gemeindeleben interessiert sind. Das ist schon top.

OP: Mit anderen Worten: Er kann es nur versauen.

Carle: Nein, er kann es noch besser machen. Das hoffe ich auch, weil ich ja auch Bürger der Gemeinde bin. Wir sind sehr unterschiedlich und ich kann ihm keinen Rat geben. Er wird seinen eigenen Weg machen.

Sein Großvater sei ein „ganz harter Bursche gewesen“, sagt Carle. Sein Vater auch. Und er selbst sei auch „ein bisschen hart“. Dass sein Vater auch lange Jahre Bürgermeister war, hat sicher für Volker Carles Werdegang eine große Rolle gespielt. Wenn er über Rückschläge in der Schule spricht, über Ausbildungen, Studium und Positionen, klingt immer ein wenig Stolz durch. Stolz darauf, dass er aus seinem Leben etwas gemacht hat. Vielleicht auch darauf, dass er es seinem Vater gleichtun konnte.

OP: Dürfen wir uns Sie als zufriedenen Menschen vorstellen?

Carle: Ich war schon immer mit mir im Reinen. Nie unzufrieden, immer positiv eingestellt. Ich hatte auch relativ früh im Leben eine Karriereknick, kann man sagen. Während der Schulzeit. Aber da wächst man auch dran, wenn es mal nicht so läuft. Auch hier im Rathaus hat ja mal was nicht geklappt. Mein Vater hat immer gesagt: Wenn du Mist machst, steh dazu. Den Rat kann ich jedem nur geben. Wenn man mal einen Fehler macht – nie vertuschen. Dann muss man halt sagen: schlecht gelaufen, Mist gemacht. Der Bus ist in Griechenland. Tut mir leid, aber ich kann es jetzt nicht mehr ändern.

OP: Wenn Ihr bisheriges Leben in einem Buch beschrieben würde, wie hieße dieses Buch?

Carle: Meine Familie und ich. Sie ist ein Geschenk.

von Dominic Heitz