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Nordkreis Eine toxische Beziehung
Landkreis Nordkreis Eine toxische Beziehung
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15:59 13.10.2021
Um Gewaltausbrüche zwischen einem jungen Paar (Themenfoto mit gestellter Szene) drehte sich der Prozess gegen einen 19-Jährigen vor dem Marburger Amtsgericht.
Um Gewaltausbrüche zwischen einem jungen Paar (Themenfoto mit gestellter Szene) drehte sich der Prozess gegen einen 19-Jährigen vor dem Marburger Amtsgericht. Quelle: (Symbolfoto) Jan-Philipp Strobel
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Marburg

Streitereien, Eifersucht und Eskalationen prägten die frühere Beziehung eines heute 19 Jahre alten Mannes und seiner 16-jährigen Freundin. Trotz der giftigen Beziehungslage kommen beide bis heute nicht voneinander los. Daran änderte auch ein vorübergehendes Kontaktverbot nichts.

Das wurde gegen den Mann aus dem Nordkreis vorübergehen ausgesprochen, nachdem er gegenüber der Jugendlichen in diesem und im vergangenen Jahr mehrmals im Streit handgreiflich geworden war. Er musste sich nun wegen mehrfacher Körperverletzung, Drohung, Beleidigung und Nötigung vor dem Amtsgericht Marburg verantworten. Das hatte seine Mühe damit, die einzelnen Tatabläufe und Verstrickungen in der rund einjährigen Beziehung aufzuklären.

Angesichts einer umfangreichen Anklage und diversen Gewaltvorwürfen, sorgte vor allem die Tatsache, dass beide Ex-Partner weiterhin einen guten Kontakt pflegten, für Verwirrung vor Gericht. Laut Anklage soll der Mann seine damalige Partnerin mehrmals und meist auf offener Straße angebrüllt und wüst beleidigt haben, er drangsalierte und bedrängte die Jugendliche, schlug sie und würgte sie mehrmals, so der Vorwurf, den der Angeklagte in fast allen Punkten bestritt.

Auch soll er mit gezücktem Messer drohend auf die junge Frau zugegangen sein, schickte außerdem Textnachrichten, in denen er ihr mit dem Tod drohte: „Ich habe deinen Mord geplant“ oder „ich bringe dich um“. In der Regel gingen die Ausbrüche mit vermeintlicher Eifersucht einher – er warf ihr etwa vor, einen anderen Freund zu haben. Die Mutter der Geschädigten zog schließlich die Reißleine und zeigte ihn an, woraufhin er mit Konsequenzen gedroht haben soll, wenn die Anzeige nicht zurückgenommen wird.

Die Mutter erwirkte zum Schutz der Tochter zuvor bereits ein Kontaktverbot, nachdem er mindestens 20 Meter Abstand halten musste, keine Verbindung mehr aufnehmen durfte. Dagegen verstieß er, traf sich erneut im gemeinsamen Wohnort mit der Freundin und wurde laut Anklage wieder übergriffig.

Er ließ sie nicht in Frieden, andererseits „hat auch sie ihn nicht in Ruhe gelassen“, betonte Verteidiger Thomas Strecker vor Gericht. Beide kamen nicht voneinander los, „sie hat immer wieder Kontakt aufgenommen“, sagte auch der 19-Jährige, der dabei nur einzelne Ausbrüche zugab und damit erklärte, dass sie ihn provoziert habe, zudem ebenfalls handgreiflich wurde.

Angeklagter vermutet Komplott gegen ihn

Seine Ex bezichtigte er mehrmals der Lüge, sie inszeniere sich als Opfer, „sie kann sich verstellen, ich bin eh der Doofe“, meinte der Beschuldigte. Er vermutete ein Komplott gegen ihn, seiner Ansicht nach ausgelöst von ihrem Freundeskreis. Seine fast gänzlich von der Anklage abweichende Erklärung, Widersprüche in den Aussagen und die vermeintliche Intrige, in die nahezu alle geladenen Zeugen verstrickt sein müssten, glaubte das Gericht nicht. Irgendwann bremste Jugendrichter Thomas Rohner die ausschweifenden Erklärungen, „ich habe da meine Zweifel und langsam reicht es“, ermahnte der Richter.

Dennoch bestätigte auch die 16-Jährige, dass sie trotz der Übergriffe lange nicht abgeneigt war, sich weiter mit dem Ex zu treffen: Beide verabredeten sich etwa zu Spaziergängen, kamen beim Dorftreff zusammen oder schickten sich freundliche Nachrichten aufs Handy. Die junge Frau sprach von einer „On-off-Beziehung“, Streitigkeiten seien von beiden Seiten ausgegangen, „wir haben uns gegenseitig provoziert“. Konsequenzen gegen den Ex gingen weniger von ihr, als vielmehr von ihrer Mutter aus.

Weitere Vorfälle habe es nicht gegeben, das Kontaktverbot besteht nicht mehr, wurde auch nicht verlängert. Die Jugendliche erweckte nicht den Eindruck, als sei sie an einer Strafverfolgung interessiert, sei bisher hin und her gerissen gewesen, zwischen Freundschaft und einem eher toxischen Beziehungsleben. Mittlerweile wolle sie jedoch keinen Kontakt, brach den vor zwei Wochen ab.

Nach mehrstündiger Verhandlung und vor der Vernehmung der geladenen Zeugen kam der Richter zu dem Schluss, dass alle Probleme zwischen dem Paar „aus der Beziehung heraus entstanden“ waren. Die Konflikte hätten sich heute gelegt, er halte daher einen Täter-Opfer-Ausgleich für das beste Mittel, um die Sache weiter außergerichtlich zu klären und den erreichten Frieden zu festigen.

Der Richter stellte mit Zustimmung von Staatsanwaltschaft und Verteidigung das Verfahren vorläufig ein. Als Auflage hat der 19-Jährige neben 20 Arbeitsstunden über die Jugendkonflikthilfe ein moderiertes, klärendes Gespräch mit der Ex-Freundin im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs durchzuführen.

Von Ina Tannert

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