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Nordkreis Wie im Märchen
Landkreis Nordkreis Wie im Märchen
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20:58 21.09.2021
Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter. Die bekannte Märchenszene spielten Theresa Diehl und Tobias Vaupel humorvoll nach – statt Haar flog eben der Brautstrauß.
Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter. Die bekannte Märchenszene spielten Theresa Diehl und Tobias Vaupel humorvoll nach – statt Haar flog eben der Brautstrauß. Quelle: Foto: Andrea Stark
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Amönau

Mit Fug und Recht können Theresa und Tobias Vaupel nun behaupten, sie hatten eine richtige Märchenhochzeit. Wortwörtlich. Denn beide haben sich am Samstag im Rapunzelturm in Amönau das Ja-Wort gegeben – als erstes Brautpaar überhaupt an diesem nun offiziell als Trauort gültigen und historischen Ort.

Das einst als Lusthäuschen erbaute Gebäude auf dem Gelände des alten Ritterguts diente schließlich schon Maler Otto Ubbelohde als Vorbild für den Rapunzelturm in seiner Illustration des Grimmschen Märchens. Und die bekannteste Szene – Stichwort „Rapunzel, lass dein Haar herunter“ – spielte das glückliche Brautpaar auch direkt humorvoll nach. Die Haare von Theresa Vaupel sind zwar nicht ganz so lang wie die der Märchenfigur – stattdessen ließ sie ihrem „Prinzen“ den Brautstrauß herab fallen –, dafür war die glückliche Braut auch nicht im Turm eingesperrt. Ihr Zukünftiger musste sie nicht erst befreien, beide wurden in dem kleinen Raum, umgeben von ihren Familien, standesamtlich getraut.

Alle Gäste passten gar nicht in das Häuschen, auf der großen Wiese vor dem Schloss war allerdings ausreichend Platz. Die Trauung wurde per Lautsprecher übertragen. „Die große Hochzeit wird dann sowieso im nächsten Jahr nachgeholt“, verrät Theresa Vaupel, geborene Diehl. Nach der Zeremonie fuhr das Paar im geschmückten Schlepper zu dem Ort, wo einmal ihr gemeinsames Haus stehen wird, und pflanzte ein Apfelbäumchen.

War da nicht dieses andere Grimmsche Märchen? „Ach, bitte schüttel mich! Meine Äpfel sind alle reif.“ Doch nicht, der Baum muss erst noch wachsen, und Frau Holle lief Rapunzel nicht den Rang als Märchen-Thema des Tages ab.

Theresa und Tobias Vaupel sind seit drei Jahren ein Paar, lernten sich durch Zufall in der Klinik in Wehrda kennen: Die Krankenschwester arbeitete dort gerade, als er seine Großmutter im Krankenhaus besuchte. Und sie fiel ihm sofort auf: „Das erste, was ich sah, waren ihre Augen, dieser Moment, der war schon beeindruckend“, schwärmt der Bräutigam. Also merkte er sich den Namen auf dem Namensschild und fand sie schließlich in den Sozialen Netzwerken wieder. „Es stimmt einfach zwischen uns, sie ist nicht nur Partnerin, sondern auch ein Kumpeltyp, verlässlich und unkompliziert“, freut sich Tobias Vaupel. Und die 27-jährige gebürtige Amönauerin ist zudem ein großer Familienmensch, sieht ihre Eltern und die drei Geschwister samt Nachwuchs täglich auf dem elterlichen Hof.

Tobias Vaupel wurde sofort in die Familie mit aufgenommen, fühlte sich dort direkt sehr wohl. „Das passte sofort, er ist ein lebensfroher und lustiger Typ und auch familiär, das war mir immer wichtig“, erzählt die Braut über den frisch gebackenen Ehemann. Der stammt gebürtig aus Bracht, beide leben nun in ihrem Heimatort. Und wie es der Zufall wollte, wurde das Wahrzeichen von Amönau pünktlich zur Hochzeit als offizieller Trauort anerkannt.

Dritter Trauort der Stadt

Und der stellt nun neben dem Trauzimmer im Rathaus und der Burg Mellnau den dritten Ort für standesamtliche Hochzeiten in Wetter dar. Dazu hatte sich die Stadt mit den Eigentümern des Ritterguts abgesprochen, die der Idee zugestimmt hatten. Die Nachfrage nach außergewöhnlichen Trauorten steigt seit Jahren, es habe immer wieder Anfragen aus der Bevölkerung gegeben, insbesondere für die standesamtliche Hochzeit im Rapunzelturm, berichtet Bürgermeister Kai-Uwe Spanka.

Der Rapunzelturm sei „ein großer Gewinn für die Stadt Wetter und eine tolle Bereicherung für den Stadtteil Amönau“. Praktisch die Antwort auf einen zunehmenden Wettbewerb um spezielle Trauorte und die Durchführung der Eheschließung als Amtshandlung. Gerade da diese nicht mehr in der Kommune geschehen muss, in dessen Amtsbezirk wenigstens einer der Eheschließenden wohnt, herrscht eine gewisse Konkurrenz zwischen den Kommunen.

Im Vorfeld wurde das Häuschen durch die Standesbeamten und das Stadtmarketing sowie die Inhaberfamilie Ziwes-Strack auf seine Tauglichkeit geprüft. Das Ergebnis: Hier lasse sich ein „sehr würdevoller Rahmen für Eheschließungen“ finden. Iva Strack und Thomas Ziwes-Strack hatten das Anwesen vor knapp vier Jahren erworben, um es vor dem Verfall zu bewahren und wieder herzurichten. Zudem bestand immer der Wunsch, den Rapunzelturm und den Innenhof als „traumhafte Location“ der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, so die Inhaber. Das sei durch die Kooperation mit der Stadt nun gelungen.

Von Ina Tannert