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Nordkreis Spurensuche in der Vergangenheit
Landkreis Nordkreis Spurensuche in der Vergangenheit
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00:20 25.05.2019
In Amönau wurden Bilder und Erinnerungen über den früheren französischen Kriegsgefangenen ausgetauscht. Quelle: Tobias Kunz
Amönau

Françoise Predieri wusste nichts über die Kriegszeit ihres Vaters. Rund 600 
Kilometer entfernt von 
ihrem Wohnort findet 
die Französin Antworten – im Wetteraner Stadtteil Amönau.

Die Wiegands haben sich schick gemacht, denn auf ihrem Hof in Amönau empfangen sie einen besonderen Gast: Françoise Predieri ist mit ihrem Mann Daniel aus dem etwa 600 Kilometer entfernten Pont-Sainte-Marie angereist. Die 73-jährige Französin will im Wetteraner Stadtteil etwas über das Leben ihres Vaters erfahren.

Im vergangenen Jahr hatte die Gedenkstätte Trutzhain eine Pressemitteilung an verschiedene Zeitungen in Mittelhessen verschickt. Die Historiker suchten nach Zeitzeugen, die den französischen Kriegsgefangenen Emile Mouzet gekannt haben. 
Nach einem Bericht in der Oberhessischen Presse meldete sich Walter Wiegand.

Der Hof hat sich verändert

Der heute 85-Jährige erinnerte sich noch genau an den Franzosen, der um das Jahr 1944 herum auf dem Hof seiner Familie gearbeitet hatte. Gedenkstätten-
Mitarbeiter Werner Schwalm stellte daraufhin Kontakt mit dem Ehepaar Predieri her. Beim Treffen am vorvergangenen Wochenende half der ehemalige Französischlehrer beiden Familien, sich zu verständigen.

Mit kleinen, bedächtigen Schritten schlendern die Wiegands und die Predieris über den Hof. Vom Haus zur Scheune, von drinnen nach draußen. Die Scheune ist im Vergleich zur Kriegszeit stark verändert. Wo früher ein großes Tor war, ist heute der Eingangsbereich zu einer Wohnung. Links 
daneben stapelt sich Holz, noch weiter links steht eine Tür. Walter Wiegand öffnet sie und hält sie für Françoise Predieri auf.

Wiegands Mutter setzte ein Zeichen

Dort, wo früher der Kessel stand, in dem die Wiegands frische Wurst kochten, steht auch heute noch einer, erklärt er ihr. Hier hatte Emile Mouzet eine kleine Ecke für sich. Kleinere Hygieneartikel lagen auf einer Ablage, an der Wand hing ein Spiegel. Offiziell aß Mouzet auch hier. „Für die Obrigkeit“, wie Walter Wiegand sagt.

Kriegsgefangene durften nicht am Küchentisch sitzen. Emile Mouzet tat es trotzdem, weil Walter Wiegands Mutter darauf bestand. „Sie sagte: ‚Ich hoffe, dass es meinen Söhnen auch so gut geht‘“, sagt Walter Wiegand. Seine beiden älteren Brüder kämpften zu dieser Zeit ebenfalls im Krieg. Einer kam ohne Füße wieder nach Hause, der andere starb an einem Bauchschuss.

Emile Mouzet

Emile ­Mouzet wurde am 27. Juni 1905 in Montpothier, einem kleinen Ort zwischen Paris und ­Troyes, geboren. Er heiratet eine Deutsch-
 Schweizerin und bekommt 1939 mit ihr eine Tochter. ­Emile Mouzet zog als Gefreiter einer Nachschub-Kompanie in den Zweiten Weltkrieg.

Am 21. Juni 1940 nehmen ihn Wehrmacht-Soldaten im französischen Lalœuf, etwa 170 Kilometer westlich von Straßburg, gefangen. Am 27. Juli 1940 kommt er ins Gefangenenlager Stalag IXa nach Ziegenhain. Im Anschluss verrichtet er Zwangsarbeiten.

Am 5. April 1945 wird er von US-Amerikanern befreit. Sein restliches Leben verbringt er in Estissac in der Nähe von Troyes. 1946 bekommen seine Frau und er eine zweite Tochter, namens Françoise. Am 26. Juni 1974 stirbt Emile Mouzet an Magenkrebs.     

Françoise Predieri selbst hat den Krieg nicht miterlebt. Sie kam 1946, ein Jahr nach Kriegsende, zur Welt. Predieri stand ihrem Vater E­mile Mouzet sehr nahe, sagt sie.

Obwohl die Familie Mouzet nicht viel hatte, haben die beiden eine Menge zusammen unternommen. ­Emile Mouzet verdiente sich sein Geld als „Landwirt ohne Hof“, eine Art Tagelöhner.

Später erledigte er Gartenarbeiten für die Gemeinde. Wenn er von einem Ort zum anderen wollte, musste er entweder zu Fuß laufen oder sich auf seine kleine Vespa 
setzen.

Manchmal unternahm er mit seiner Tochter auch Ausflüge. „Ich war schon stolz, wenn er mich mit seiner Vespa von der Schule abgeholt hat“, sagt Françoise Predieri.

Suche begann vor drei Jahren

Ihr Vater sei ein stiller Mensch gewesen, sagt Predieri. Sie hat ihn in guter Erinnerung, er habe sie nie angeschrien. Von seiner Zeit in Deutschland wusste sie lange nichts. „Er wollte nicht darüber sprechen“, sagt Predieri. Mit zunehmendem Alter wurde sie neugieriger. Sie wollte mehr darüber erfahren, wie es ihrem Vater in Deutschland ergangen ist. Da traf es sich gut, dass ihr Mann Daniel selbst bereits die Kriegsgeschichte seiner Familie recherchiert hatte.

2016 starteten sie die Suche nach dem Leben Emile Mouzets während des Krieges. Durch seine Kriegsgefangenen-Nummer fanden sie heraus, in welches Gefangenenlager er gebracht wurde. Nachdem ihn Wehrmachts-Soldaten gefangen genommen hatten, kam Emile Mouzet nach Ziegenhain.

Obwohl sie sich noch nie zuvor gesehen haben, verstehen sich die Familien Wiegand und Predieri von Beginn an bestens: Gerhard ­Wiegand (von links), Helga Wiegand, Daniel Predieri, Elisabeth Wiegand, Werner Schwalm von der Gedenkstätte Trutzhain, Françoise Predieri und Walter Wiegand lernten sich kennen. Foto: Tobias Kunz     

Heute ist dort, wo früher Gefangene lebten, ein kleiner Ort namens Trutzhain. Nach dem Krieg wurden dort Heimatvertriebene untergebracht; der Ort wurde umgewidmet. Viele Baracken sind noch heute erhalten. Zudem gibt es eine Gedenkstätte, mit der die Predieris Kontakt aufnahmen.

Walter Wiegand begleitet Françoise Predieri aus der ­Scheune, zurück auf den Hof. Er erzählt ihr von dem Moment, als ­Emile Mouzet im April 1945 von der US-Armee befreit wurde. Ob ihr Vater dabei geweint habe, fragt Predieri. Daran könne er sich nicht mehr erinnern, meint Wiegand. Sicher ist nur: Die Wiegands haben ihn in guter 
Erinnerung behalten. Gar die gesamte Nachbarschaft habe ihn gemocht, sagt Walter Wiegand. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Emile einmal böse zu mir war“, sagt er.

Die Reise hat sich gelohnt

Wie Emile Mouzet zurück nach Frankreich gekommen ist, ist unklar. Werner Schwalm vermutet, dass der Kriegsgefangene am 16. April 1945 mit einem Flugzeug von Wetzlar aus nach Le Bourget nordöstlich von 
Paris geflogen ist. Laut den Predieris passe das mit ihren Informationen zusammen. Am 20. April 1945 habe Emile Mouzet eine Ausgleichszahlung in Paris erhalten.

Françoise Predieri ist zufrieden. Die Fahrt nach Deutschland hat sich für sie gelohnt. Auch wenn sie nur erfahren hat, wo ihr Vater etwa ein Dreivierteljahr seiner fünfjährigen Gefangenschaft verbracht hat. Laut Werner Schwalm haben sich weitere Menschen gemeldet, die Emile Mouzet gekannt haben. Ob Françoise Predieri zu ihnen Kontakt aufnimmt, ist noch offen. Für sie ist erst einmal gut zu wissen, „dass es ihm hier bei der Familie Wiegand gut gegangen ist“.

von Tobias Kunz