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Nordkreis Tierwohl -so kann’s gehen
Landkreis Nordkreis Tierwohl -so kann’s gehen
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19:30 24.06.2022
Neugierige Kälbchen auf dem Hof Fleckenbühl. Kühe stehen den Sommer über auf der Weide. (Foto rechts). OP-Redakteurin Ina Tannert krault ein Kälbchen im Jungtierstall. Christoph Feist ist Koordinator der Landwirtschaft auf Hof Fleckenbühl (Foto unten).
Neugierige Kälbchen auf dem Hof Fleckenbühl. Kühe stehen den Sommer über auf der Weide. (Foto rechts). OP-Redakteurin Ina Tannert krault ein Kälbchen im Jungtierstall. Christoph Feist ist Koordinator der Landwirtschaft auf Hof Fleckenbühl (Foto unten). Quelle: Thorsten Richter
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Schönstadt

Wie viel Tierwohl auf dem Bauernhof muss sein und wo liegen die Grenzen des Möglichen, um auch das Wohl der Menschen dauerhaft zu sichern? Eine zentrale Frage für Landwirte wie Verbraucher, die gerade in der Debatte um ein verpflichtendes Tierwohllabel neuen Schwung erhält.

Wohl allen Viehhaltern liegen die Tiere am Herzen, die sollen schließlich gesund wie produktiv bleiben. So ist das auch auf Hof Fleckenbühl bei Schönstadt. Der Betrieb der Suchthilfe der Fleckenbühler trägt zudem das Siegel des Bio-Anbauverbands Demeter, das besonders strenge Richtlinien vorgibt, etwa bei der Tierhaltung. Wie leben die 70 Milchkühe und ihr Nachwuchs auf dem Hof? Die OP hat sich einmal umgeschaut. Im großen Kuhstall herrscht gähnende Leere, alle Tiere stehen den Sommer über auf der Weide und kommen nur zum Melken kurz rein.

Nebenan ist leises Muhen zu hören, dort liegt die Geburtsstation des Hofes, „hier ist unser Kreißsaal“, verrät Christoph Feist, Koordinator der Landwirtschaft, lachend. Ein paar hochträchtige Kühe stehen im Stroh, recken den Besuchern ihre beeindruckenden Hörner entgegen. Das Enthornen ist laut Demeter-Richtlinien verboten, alleine deshalb brauchen die Tiere im Stall mehr Platz. Zehn Quadratmeter pro Tier, fast doppelt so viel wie es das EU-Biosiegel (6 Quadratmeter) vorsieht. Das Futter produziert der Hof selber, darf nur so viele Tiere halten, wie der Betrieb auch versorgen kann. Die Gülle landet auf den Feldern, „es ist ein geschlossener Betriebskreislauf“, berichtet Feist, während er einem älteren Kälbchen den Kopf krault.

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Neuer Anlauf für ein Tierwohllabel

Die Debatte um höhere Standards in der Haltung von Nutztieren und ein verpflichtendes Tierwohllabel – statt der auf Freiwilligkeit basierenden Version – hat mit dem Vorstoß von Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) neuen Schwung erhalten.
Bei der staatlichen Tierhaltungskennzeichnung für Fleisch und Wurst peilt der Minister ein fünfstufiges Modell an: Diese sehen die unterscheidbaren Haltungsformen Stall, Stall und Platz, Frischluftstall, Auslauf/Freiland sowie Bio vor. Sie unterscheiden sich vor allem darin, wie viel Platz die Tiere haben und wie komfortabel ihre Ställe ausgestattet sind. Nach Özdemirs Plänen soll die verbindliche staatliche Kennzeichnung im Verlauf des kommenden Jahres starten – allerdings zunächst nur beim Schweinefleisch.
Als Anschubfinanzierung für den Stallumbau ist bis zum Jahr 2026 im Bundeshaushalt eine Summe von einer Milliarde Euro vorgesehen. Özdemir räumte ein, dass dieser Betrag nicht ausreiche. Für die weitergehende Finanzierung gebe es innerhalb der Koalition aber noch weiteren „Klärungsbedarf“, sagte der Minister Anfang Juni in Berlin.

Das schubbert sich begeistert an seiner Hand und versucht daran zu saugen. Das soll es sich aber abgewöhnen, denn die Jungtiergruppe wird gerade auf festes Futter umgestellt. Alle Rinder sind sehr zahm und den menschlichen Kontakt gewohnt. Denn auch auf dem Vorzeigehof werden die Kälber früh von den Müttern getrennt, leben erst in Boxen, dann in Gruppen zusammen und werden von den Mitarbeitern versorgt.

In den ersten Tagen erhält jedes Kälbchen noch die Milch der eigenen Mutter, um wichtige Nährstoffe zu erhalten. Ihm wäre eine muttergebundene Haltung zwar auch lieber, das sei aber in keiner institutionellen Landwirtschaft möglich, „da führt kein Weg dran vorbei, es sei denn wir verzichten auf die Milch“.

Tierwohllabel in Dänemark

Ein staatliches System, um höhere Tierschutzstandards per Kennzeichnung auf Produkten anzugeben gibt es bereits in Dänemark: Dort wurde 2017 das staatliche Siegel „Bedre Dyrevelfærd“ (Besseres Tierwohl) eingeführt, das auf einem dreistufigen Sterne-System beruht: Ein bis drei Sterne gibt es für verschiedene Kategorien bei Platzangebot und Haltungsform, die über gesetzliche Tierschutzansprüche hinaus gehen. 

Die Holsteinrinder sind für die Milchwirtschaft gezüchtet, als Hochleistungskühe gelten die auf Hof Fleckenbühl aber nicht, „unsere Tiere bekommen kein Hochleistungsfutter, sondern Gras – hier geht Lebensleistung vor Jahresleistung“, erklärt Feist. Eine Kuh wird hier im Schnitt zehn Jahre alt.

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Die Bullen und weiblichen Rinder, die nicht für die Zucht genutzt werden, könnte er zudem nur an konventionelle Mastbetriebe verkaufen. Das soll in Zukunft nicht mehr passieren, in der konventionellen Mast will Feist seine Tiere nicht sehen, „keines unserer Tiere verlässt den Hof, ohne dass wir das Tier zum Schlachter führen“. Geschlachtet würden im Jahr nur sieben bis acht Kühe, 30 Kälber und zehn Masttiere. Um diesen lange Transportwege zu ersparen, arbeitet Fleckenbühl mit der Schlachterei in Wetter zusammen. Feist fühlt sich wohl auf dem Hof, möchte auch, dass es den Tieren an nichts fehlt. Tierwohl macht er aber nicht einfach an Begriffen wie „Bio“ oder „Konventionell“ fest, in beiden Sparten gebe es große Unterschiede. „Mir wäre es lieber, wenn wir einfach nur noch nach Haltungsformen gehen.“

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Von Ina Tannert

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