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Nordkreis 12.900 Euro als falscher Polizist erpresst
Landkreis Nordkreis 12.900 Euro als falscher Polizist erpresst
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19:29 01.02.2021
Mit Schockanrufen und Enkeltricks ziehen Betrüger alten Menschen das Geld aus der Tasche. Im Landkreis hat sich ein Mann als Polizist ausgegeben und einen 75-jährigen Rentner um 13 000 Euro betrogen. Jetzt stand er vor Gericht.
Mit Schockanrufen und Enkeltricks ziehen Betrüger alten Menschen das Geld aus der Tasche. Im Landkreis hat sich ein Mann als Polizist ausgegeben und einen 75-jährigen Rentner um 13 000 Euro betrogen. Jetzt stand er vor Gericht. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
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Marburg

Immer wieder liest man in den Medien von Telefonbetrügern, die alten Leuten mit Schockanrufen oder sogenannten Enkeltricks ihre Ersparnisse abnehmen. Am Montag (1. Februar) wurde vor dem Marburger Amtsgericht ein ähnlicher Fall verhandelt. Ein 35-jähriger Mann aus dem Nordkreis wurde wegen schweren gewerbsmäßigen Betrugs in drei Fällen und versuchtem schweren Betrug in einem Fall zu einem Jahr und drei Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Er hatte einem 75-jährigen Mann aus dem Hinterland als falscher Polizist 12.900 Euro abgepresst. Zudem muss der Täter 500 Euro an eine gemeinnützige Organisation und die Gerichtskosten zahlen.

Besonders verwerflich aus Sicht des Gerichts war die Tatsache, dass der Täter sein 75-jähriges Opfer kannte, mit ihm sogar befreundet war und wusste, dass der 75-Jährige zahlen konnte und zahlen würde. Der Versuch, weitere 14.000 Euro zu erpressen, scheiterte, weil Bankmitarbeiter darauf aufmerksam wurden und die Polizei einschalteten. Dem Opfer konnte der Großteil der Beute zurückgegeben werden – bis auf 1380 Euro, die der Angeklagte ausgegeben hatte. Dieses Geld muss er zurückzahlen.

Richter Carsten Fett und Staatsanwalt Henrik Kostka, der eine um drei Monate höhere Strafe gefordert hatte, hielten dem Angeklagten das umfangreiche und glaubhafte Geständnis sowie eine günstige Sozialprognose zugute. Rechtsanwalt Sebastian Knebel hatte eine milde Strafe gefordert, weil der Täter geständig sei, sich mit dem Opfer ausgesprochen und der Polizei geholfen habe, die Beute zu finden, die er in einem Blumenkübel versteckt hatte. Zudem habe er wieder eine feste Arbeitsstelle und kümmere sich um seine Familie. Seine Schulden zahle er in Raten per Dauerauftrag ab.

Die vier Taten ereigneten sich innerhalb von nur einer Woche im Oktober 2019. Der Angeklagte war arbeitslos, hatte nach eigenen Angaben rund 6500 Euro Schulden durch Handy-Verträge und diverse Bestellungen, kaum genug Geld für Miete und laufende Ausgaben seiner Familie. Inkassofirmen drohten ihm. Im Alkoholrausch sei er auf die Idee gekommen, einen 75-Jährigen aus dem Hinterland zu erpressen. Mit dem Opfer verband ihn eine Freundschaft, das erklärte auch der sichtlich aufgeregte 75-Jährige vor Gericht. Der Täter und dessen Familie seien die Einzigen gewesen, die sich immer um ihn gekümmert hätten. Seine eigene Familie nicht.

Verfahren wegen Einnässens ausgedacht

Der 35-Jährige und der 75-Jährige gingen regelmäßig aus. Meist zahlte der Ältere, der seinem jüngeren Freund oft 150 Euro für die Miete und zusätzlich kleinere Summen schenkte. Bei gemeinsamen Kneipenbesuchen hatte sich der 75-Jährige altersbedingt häufiger eingenässt. Das wusste der 35-Jährige und das machte er sich bei seinem Betrug zunutze. Am 22. Oktober rief er den 75-Jährigen an, gab sich als Polizeibeamter aus und forderte 1500 Euro. Dann werde das Verfahren wegen Einnässens, das es natürlich nie gab, eingestellt.

Der alte Mann zahlte und wurde auch dann nicht hellhörig, als er das Geld seinem jüngeren Freund übergab, der es für ihn an die Polizei weiterleiten wollte. Zwei Tage später forderte der Angeklagte wieder als Polizist am Telefon 6600 Euro für die Einstellung des Verfahrens, kurz darauf weitere 4800 Euro. Wieder übergab der 75-Jährige das Geld in bar an einem vereinbarten Treffpunkt an seinen jüngeren Freund. Als der schließlich 14.000 Euro forderte, um sich eventuell ein neues Auto zu kaufen „und dass es uns etwas besser geht, dass wir uns mal was leisten können“, platzte der Betrug: Es folgten Hausdurchsuchung und schließlich das Geständnis.

„Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Mir tut das schrecklich leid, das wird nie wieder vorkommen“, sagte der Angeklagte. Dabei hätte er es sehr viel leichter haben können: Er hätte sein Opfer nur um das Geld bitten müssen. „Ich habe das Geld wiedergekriegt, er hat sich bei mir entschuldigt. Für mich ist die Sache erledigt, ich muss an meine Gesundheit denken“, sagte das Opfer, das nach dem Prozess vor der Tür auf seinen Freund wartete.

von Uwe Badouin