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Nordkreis Das Kind, das die Soldaten weinen ließ
Landkreis Nordkreis Das Kind, das die Soldaten weinen ließ
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16:58 24.05.2021
Heinrich Wiederhold aus Sarnau.
Heinrich Wiederhold aus Sarnau. Quelle: Tobias Kunz
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Sarnau

Es ist der 29. März 1945, einen Tag nach dem Einmarsch der Amerikaner in Marburg. Heinrich Wiederholt, der in der OP den Bericht über das Kriegsende vot 76 Jahren gelesen hat, ist einen Tag zuvor geboren. Der OP erzählt er die Geschichte über die ersten Tage seines Lebens.

Die Amerikaner ziehen durch den Landkreis, der Zweite Weltkrieg leigtr in den letzten Zügen. In Goßfelden fliehen viele Menschen aus Angst vor den Soldaten, schnappen sich ihr Hab und Gut und ziehen mit ihren Handwagen nach Michelbach. Christine Wiederhold nicht. Sie liegt in ihrem Bett in einem Haus nahe der Alten Brücke und wartet. Nicht auf die Amerikaner, sondern auf die einsetzenden Wehen, denn sie ist hochschwanger.

So schilderte es die Hausfrau zumindest ihrem Sohn Heinrich, der nur wenig später die Welt erblickte, heute in Sarnau mit seiner Frau Ilse lebt und 76 Jahre später der OP die Geschichte seiner Geburt erzählt.

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Deutschland und Europa. In der Universitätsstadt Marburg war schon am 28. März 1945 das Schlimmste vorbei. Da rückten die amerikanischen Soldaten mit Panzern vor, und die Bevölkerung ergab sich. Dennoch suchten die Soldaten alles ab, hielten Ausschau nach Munition und sich versteckenden Soldaten. So auch in Goßfelden, als sie das Haus der Familie Wiederhold betreten.

Soldaten präsentierten ihn auf einem Panzer

Der erste Soldat, der in das Schlafzimmer der Wiederholds tritt, so erzählt es Christine Wiederhold Jahre später ihrem Sohn, „fing direkt an zu heulen“. Denn die verängstigte Mutter Christine hält zu diesem Zeitpunkt den frisch geborenen Heinrich in den Armen. Der Amerikaner handelt sofort – „es durfte kein Soldat mehr in das Zimmer“. Wahrscheinlich, weil der Mann in diesem Moment an seine eigene Familie dachte. In seiner Heimat warteten seine Frau und ihr ebenfalls neugeborener Sohn auf ihn, sagte er Christine Wiederhold. Das neugeborene Baby hinterließ jedenfalls Eindruck bei den Soldaten. Anders ist es wohl nicht zu erklären, dass sie auf der Straße den Jungen in einem Tuch auf einem Panzer präsentierten.

Für die Goßfelderin war Heinrich das sechste von sieben Kindern. Von seinen vier Schwestern leben heute nur noch zwei, von seinen beiden Brüdern nur noch einer, sagt er. Für Heinrich Wiederhold ist bis heute unbegreiflich, wie es seine Mutter geschafft hat, alle zu versorgen. Mit wenigen Mitteln und alleine, denn sein Vater, der ebenfalls Heinrich hieß, wurde gegen Kriegsende noch eingezogen. Glücklicherweise diente er nur in Deutschland und kehrte wenig später wieder nach Hause zurück.

Der Koch, der keiner war

Über den Krieg sprach der gelernte Klempner mit seinen Kindern nicht. Die wenigen Anekdoten, die Heinrich Wiederhold später erfuhr, hat er von seinen Onkeln. Einer war in Norwegen im Einsatz. „Dem ist es wohl recht gut ergangen.“ Ein anderer aber war in französischer Kriegsgefangenschaft. Doch als die Franzosen unter den Deutschen einen Koch suchten, nutzte er seine Chance, Gelernt hatte er den Beruf zwar nicht, „aber so hatte er immer genug zu essen“, sagt Heinrich Wiederhold.

Von Tobias Kunz

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