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Nordkreis Eine unglaubliche Reise
Landkreis Nordkreis Eine unglaubliche Reise
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18:23 06.01.2020
Stephan Meurisch gab während seines Vortrags auf Hof Fleckenbühl faszinierende Einblicke in eine vierjährige Reise, die er ohne einen Cent in der Tasche zu Fuß zurückgelegt hat. Quelle: Volker Kubisch
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Schönstadt

Während sich der wohlstandsverwöhnte Normalbürger manchmal fragt, ob er den Weg zum Bäcker ausnahms­weise einmal zu Fuß zurücklegt oder doch lieber das bequeme Auto nimmt, hat sich Stephan Meurisch mal eben spontan entschieden, ganze 13.000 ­Kilometer zu Fuß zurückzulegen.

Das ist in etwa die Entfernung von München bis nach Lhasa, der Hauptstadt von ­Tibet. Von seinen Erlebnissen während dieser Reise berichtete er während eines kurzweiligen Vortrags auf Hof Fleckenbühl.

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Auf die Reise-Idee gekommen war er, nachdem er einmal den berühmten Jakobsweg durch Nordspanien lief. Es sei einfach „ein tolles Gefühl“ gewesen, ganz ohne Plan loszulaufen, so vielen fremden Menschen zu begegnen und sie ein Stück zu begleiten.

Blauäugige Kalkulation

Kaum wieder zu Hause angekommen, begann Meurisch also mit der Planung der nächsten Tour. Da er im Hinterkopf schon lange die Idee hatte, irgendwann einmal Tibet zu besuchen, war das Ziel schnell klar. Ein Blick auf sein leeres Bankkonto und auf den Umstand, dass zu der Zeit – Anfang 2012 – die Chinesen ein Einreiseverbot für Tibet verhängt hatten, wäre für die meisten das Ende des Plans gewesen. Meurisch aber schaute auf die Landkarte, sah, dass eine Menge Länder zwischen hier und Tibet liegen, die er noch nicht kannte und fand das spannend genug, trotzdem loszulaufen.

Er rechnete mit gut zwei Jahren „on the road“, weil er auf dem Jakobsweg im Durch­schnitt sechzehn Kilometer am Tag zurückgelegt hatte. Diese Rechnung war blauäugig, wie er später dann erfahren sollte.

Reise zeigt das 
Gute im Menschen

Am 11. März 2012, seinem 31. Geburtstag, ging Stephan Meurisch, gelernter Elektriker und auch sonst eigentlich ganz normal, dann mal los. Auf dem Rücken ein riesiger Rucksack, in den Taschen keinen einzigen Cent. Bereits an der Münchener Stadtgrenze plagte ihn erstmals der Hunger.

Wieder zurück bis nach Hause hätte er es an diesem Tag noch schaffen können. Er betrat aber lieber eine Bäckerei an der Straße, erzählte dort von seinem Plan mit Tibet und zu Fuß und ohne Geld und – wurde belohnt. Stolz und mit zwei Butterbrezeln kam er an diesem Tag noch ein gutes Stück weiter. Seine erste wichtige und motivierende Erfahrung mit dem Guten im Menschen.

Bauchgefühl hilft bei Quartierwahl

Die ab jetzt täglich wuchs und die ihm noch wertvolle Dienste erweisen sollte. Spätesten in der Slowakei, wo er erstmals mit einer Sprachbarriere konfrontiert wurde. Ab hier konnte er nicht mehr auf wortreiche Erklärung setzen, sondern musste sich mit Gesten und Zeichen behelfen. Und vor allem sein Gegenüber jeweils richtig einschätzen, etwa wenn er nach einem Schlafplatz suchte.

Aber er konnte sich auf sein Bauchgefühl verlassen: „Wenn ich mir unsicher war, ob mir jemand Gutes oder Böses will, habe ich Angebote für einen Schlafplatz lieber­ ­abgelehnt, und wenn ich ein ­gutes Gefühl hatte, habe ich es angenommen. Und was soll ich sagen, es ist immer gutgegangen“, erzählt er dem Publikum. Dabei kam ihm nach eigener Aussage zugute, große Städte gemieden und immer nur solche Routen gewählt zu haben, die ihn durch Dörfer führte.

Freundschaften haben bis heute Bestand

Auf diese Weise passierte er Land um Land. Und stieß dabei auf eine Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft, die ihn überwältigte. Denn nicht nur kostenlose Schlafplätze wurden ihm angeboten, auch gab es üppige Mahlzeiten und ganz viel Gastfreundschaft. Meistens revanchierte er sich, indem er seinen Gastgebern auf dem Feld half oder bei Reparaturen.

Manchmal entstanden sogar Freundschaften, die bis heute Bestand haben. 
13 Länder hat Stephan Meurisch durchwandert, darunter Ungarn, Rumänien, Bulgarien, die Türkei, Iran oder Indien –, und in jedem Land herrschten eigenartigerweise Vorurteile gegenüber dem jeweiligen Nachbarland, die sich allerdings nie bestätigten, so sein Eindruck.

Besonders in der Türkei war er viel länger als ursprünglich geplant unterwegs, weil er dort von Familie zu Familie „weitergereicht“ wurde, einfach, „damit ihm nichts passiert“ und er immer einen sicheren Schlafplatz habe. So verlängerte sich zwar der Weg beträchtlich, dafür machte Meurisch aber intensive Erfahrungen mit Land, Leuten und Kultur und lernte sogar die Sprache recht ordentlich.

Nach vier Jahren 
folgt die Enttäuschung

Nach rund vier Jahren erreichte er sein Ziel. „Aber was soll ich sagen: Lhasa war eine Enttäuschung. Dominiert vom chinesischen Einfluss sei wenig Ursprüngliches übrig geblieben. Weshalb er schnell die Heimreise antrat. „Schnell“ in zweifacher Hinsicht. Denn nun per Anhalter unterwegs, legte er ab jetzt Hunderte Kilometer am Tag zurück, was die Rückreise­ auf drei Wochen zusammenschrumpfen ließ. Pünktlich an Weihnachten 2015 war er wieder zu Hause.

Gelernt hat er vor allem eines: „Man muss nicht rennen, um ans Ziel zu kommen.“ Hätte er am Anfang gewusst, was auf ihn zukommt, hätte er die Reise niemals begonnen. Jetzt aber sei er überglücklich, eine solche Erfahrung gemacht zu haben. Die nächste Reise ist übrigens schon geplant, diesmal aber zu dritt. Denn inzwischen hat er geheiratet und wird demnächst Vater. Nächstes Jahr dann wird die kleine Familie – natürlich zu Fuß – ihr Weg erst einmal nach Gibraltar führen und dann per Segelschiff nach Südamerika. Und wie es dort weitergeht? Das kann man wohl nie so genau wissen.

von Volker Kubisch