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Nordkreis Sonja Strauß hat Auschwitz überlebt
Landkreis Nordkreis Sonja Strauß hat Auschwitz überlebt
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07:58 27.01.2020
Sonja Strauß, geborene Friedrich, aus Cölbe vor einer Wand mit Familienfotos – ganz rechts ist ihr verstorbener Mann Adam Strauß am Klavier zu sehen. Quelle: Manfred Schubert
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Cölbe

Lange hat es gedauert, bis das Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus in der Gemeinde dauerhaft öffentlich sichtbar wurde. Auf Initiative des pensionierten Lehrers Hans Junker wurden 2016 die ersten sogenannten „Stolpersteine“ verlegt. Später kamen weitere in Cölbe hinzu. Zudem widmete sich Junker der Geschichte der Sinti und Roma vor Ort, deren Verfolgung ab Ende 1942 in den Vorbereitungen zum Mord an dieser Volksgruppe gipfelte. Seit dem vergangenen Sommer erinnert eine der Gedenktafeln vor der evangelischen Kirche an die Cölber Familie Strauß, die am 23. März 1943 mit ihren sechs Kindern von Marburg aus in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde. Nur Ewald Strauß und seine beiden Söhne Heinz und Adam – der spätere Mann von Sonja Strauß – überlebten. Elise, Julius, Salamanda und Agnes Strauß sowie mehrere Enkelkinder wurden von den Nazis ermordet.

„Es ist schön, dass jetzt dieser Geschehnisse gedacht wird“, betont Sonja Strauß im Gespräch mit der OP. Sie selbst hat die Erinnerung daran nie verdrängen können. „Ich denke immer an das alles, das kommt von alleine, automatisch, gerade jetzt, als Berichte darüber im Fernsehen waren“, sagt sie im OP-Gespräch. Und sie träumt davon. „In Mauthausen sahen wir durch Ritzen wie sie Tote aufluden. Man hat uns Kindern gesagt, das seien Schweine, aber ich habe gesagt, das sind ja Tote. Ich habe ein Gesicht einer Frau gesehen – das kann ich bis heute nicht vergessen“, erinnert sie sich. Sonja Strauß wurde als Tochter von Grete und Max Friedrich am 1. Oktober 1931 in Berlin geboren. Ihr Großvater Weidemann Friedrich (1880-1960) und seine Frau Emma waren Schausteller, die von Stadt zu Stadt zogen. Außerdem war Weidemann das Oberhaupt aller mehr als 50 000 in Deutschland lebenden Sinti. Diese Funktion hatte er von seinem Vater übernommen, nach seinem Tod übernahm sie sein Sohn Max, Sonjas Vater. Sie sei also so etwas wie eine „Prinzessin“ gewesen.

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Auch Kindern wurde die Häftlingsnummer tätowiert

Max Friedrich wurde am 7. Mai 1940 zur Wehrmacht eingezogen. Tochter Sonja berichtet, dass er, für wehrunwürdig erklärt, 1943 von der Front in Uniform zunächst in das Gefängnis Moabit und am 3. März mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert wurde. Die Familie bestand aus Sonja, ihrer Mutter Grete, ihrem Bruder Alfred sowie ihren drei Schwestern Waltraut (3 Jahre), Agate (8) und Eva (7). Dort lebten sie im „Zigeunerlager“ B II e. Max Friedrich wurde als Häftling Nummer Z-2894 registriert, eine Nummer, die auf seinem Arm tätowiert wurde. Das „Z“ steht für „Zigeuner“. Seit seiner Ankunft in Auschwitz war er für die Nazis nichts weiter als diese Nummer. Sonja Strauß erhielt die Nummer 3246. Bei Kindern wurde auf das „Z“ verzichtet.

Das Lager war in Birkenau, wo sich auch die Gaskammern und Verbrennungsöfen befanden. „Der Schornstein war nie aus, wir haben gesehen, wie die Juden vergast wurden“, erinnert sich die 88-Jährige immer noch mit Schrecken. An Hunger, Entkräftung, Erkrankungen oder durch Ermordung starben etwa 19 300 der ungefähr 22 600 Sinti und Roma in dem Lager.

Gretes Bruder wurde bei sogenannten „Sportübungen“ des Zigeuner-Lagerführers Hofmann von der SS ermordet. „Da musste man robben, gleiten und krauchen. Und da sind sie auf sie drauf gesprungen und sie sind getreten und geschlagen worden mit Knüppeln und Schippenstielen, so lange, bis sie liegenblieben. Und wer halt durchkam, der kam durch“, hatte Sonja Strauß bereits in einem früheren Interview mit Hans Junker berichtet. Ihre kleine Schwester starb ein halbes Jahr nach der Einlieferung in Birkenau an den Folgen einer Typhus-Infektion. Auch die Mutter Grete infizierte sich und starb am 27. Oktober 1943.

Am 16. Mai 1944 sollte das Zigeuner-Lager aufgelöst werden. Die meisten Insassen fanden in der Gaskammer den Tod, nur ein kleiner Teil der Gefangenen wurde in andere Konzentrationslager überstellt. Darunter fielen auch Max Friedrich und Adam Strauß, da sie als Soldaten der Wehrmacht gedient hatten. Sie kamen mit ihren restlichen Angehörigen in das KZ Ravensbrück. Ein weiteres Martyrium widerfuhr dort Sonja und den anderen Insassen. Die Nationalsozialisten wollten die Fortpflanzung der in der Nazi-Ideologie als minderwertig betrachteten „Zigeuner“ verhindern, sie führten Zwangssterilisationen durch. „Im Januar 1945 haben sie uns noch operiert. Das war doch Unsinn, im April war schon der Krieg vorbei, das war doch nicht nötig“, klagt Sonja Strauß.

Zwangssterilisation verhindert Kinderwunsch

Sie und ihr späterer Mann Adam konnten nie eigenen Kinder bekommen. Sie und ihre Familie überlebten das neue Lager, und auch noch die Verlegung ins KZ Mauthausen und nach Bergen-Belsen, das am 15. April 1945 von britischen Truppen befreit wurde. Zu Fuß ist die Familie bis nach Rattelsberg bei Bamberg gelaufen.

Aus eigener Kraft nahmen die Familien Strauß und Friedrich ihr Schicksal nach 1945 selbst in die Hand. Kraft dafür schöpften sie aus dem Glauben, sagt Sonja Strauß: „Den haben wir nie verloren. Alle Zigeuner sind gläubig, wir sind alle katholisch getauft.“

Sie kannte ihren späteren Mann Adam Strauß schon aus ihrer Kindheit, kennen und lieben gelernt hatten sie sich bei einem Sinti-Treffen 1955 in Würzburg. 1957 heiratete das Paar und lebte danach in Cölbe. Er verdiente als Musiker sein Geld, spielte in der Kapelle seines Schwiegervaters Max Friedrich Bass, Gitarre und Keyboard. Sonja und Adam Strauß adoptierten den Enkel von Sonjas jüngerer Schwester Agata. Neben ihrem Wohnwagen am Cölber Eck verkauften sie nebenbei Korbwaren. Adam Strauß verstarb nach einem schweren Nierenleiden 2003. Da sie allein die Korbwaren nicht aus der Nähe von Bamberg holen konnte, gab sie das Geschäft auf.

Gedenkveranstaltung

Anlässlich des am heutigen Montags (27. Januar 2020) stattfindenden nationalen und internationalen Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus findet die Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz um 18 Uhr in der evangelischen Kirche in Cölbe statt. Dabei sprechen werden neben Bürgermeister Dr. Jens Ried und Pfarrer Dr. Alexander Warnemann auch Romano Strauß für den Verband der Sinti und Roma in Hessen. Er wurde in Cölbe geboren und hat dort die Schule besucht.

von Manfred Schubert

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