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Nordkreis Falls die Flut kommt
Landkreis Nordkreis Falls die Flut kommt
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12:00 25.02.2022
Die blau markierten Überschwemmungsflächen in Schönstadt wäre bei einem Jahrhunderthochwasser von Überflutung verschiedenen Ausmaßes betroffen. Darunter Rote Wiesen, Mühlenweg, Hebertsbach, Am Bürgerhaus, Hauptstraße, Talgrund und Brachter Straße.
Die blau markierten Überschwemmungsflächen in Schönstadt wäre bei einem Jahrhunderthochwasser von Überflutung verschiedenen Ausmaßes betroffen. Darunter Rote Wiesen, Mühlenweg, Hebertsbach, Am Bürgerhaus, Hauptstraße, Talgrund und Brachter Straße.
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Schönstadt

Gleich drei Flüsse treffen in Schönstadt aufeinander, der Cölber Ortsteil wird von reichlich Wasser durch- und umflossen. Das bringt sowohl der Schwarzenbornbach wie der Bach aus dem langen Grund mit und vor allem das Rote Wasser, in das beide münden. Da ist das Thema Hochwasserschutz mehr als angebracht und darum ging es auch während der vergangenen Sitzung des Ortsbeirats.

Der befasste sich mit der von der Gemeinde in Auftrag gegebenen Überflutungsanalyse, die Christian Boullion vom Ingenieurbüro Pabsch und Partner vorstellte. Der Diplom-Hydrologe hatte sich mit allen möglichen Wegen, die das Wasser im Falle einer Jahrhundertflut nehmen würde, befasst und Möglichkeiten ausgearbeitet, wie sich der Ort besser davor schützen lässt.

Nun lässt sich ein Hochwasser nicht per Glaskugel vorhersagen, aber dem folgenden Blick auf einen potentiellen Katastrophenfall liegt die Annahme zugrunde, dass es zu einem hundertjährigen Hochwasserereignis kommt – HQ 100 genannt.

Also wenn wirklich „der worst case“ eintritt, „das ist sehr selten, aber wenn es passiert, ist es verheerend“, stellte Bouillon voran. Dann aber wäre Schönstadt stellenweise tatsächlich sehr gefährdet, das nicht nur in Hanglage liegt, sondern auch noch den unkontrollierten Abfluss von Starkregen aus gleich drei Quellen zu erwarten hätte.

Ein Abfluss für jeden Zulauf

Alleine das Rote Wasser brächte laut Berechnungen 17,6 Kubikmeter in der Sekunde mit sich, die beiden kleineren Flüsse jeweils um die 6,5 Kubikmeter pro Sekunde. Im Ernstfall würde ein Ballungsraum mitten im Ort entstehen, wo sich die Wassermassen sammeln, die nicht schnell genug von den Flüssen abgeführt werden könnten. Die größten „Problemflächen“ seien dabei der Bereich um das Bürgerhaus herum, die Hauptstraße, die roten Wiesen oder der Mühlenweg, der Talgrund und die Brachter Straße, so das Ergebnis der Analyse. Die Grafik zeigt die errechneten Flächen, die allerdings unterschiedlich stark betroffen wären, mit entsprechend verschiedenen Wassertiefen – von o,01 bis zu 2 Metern Tiefe.

Das Gutachtens behandelt nun verschiedene Möglichkeiten, wie eine solche Überschwemmung verhindert werden kann. Entweder wird das Wasser zurückgehalten, durchgeleitet oder um den Ort herum geleitet. Wichtig dabei sei, alle Wege im Blick zu behalten, „jeder Zulauf braucht einen Abfluss“, machte Bouillon deutlich. Für ein auf Schönstadt zugeschnittenes Hochwasserschutzkonzept sieht er eine Kombination aus Rückhalteräumen und einem besseren Durchfluss durch den Ort als geeignetste Variante: „Die Konzeptidee ist, das Wasser ohne große Schäden durch die Ortslage zu bringen.“ Sprich: Ein Teil des potentiellen Mega-Hochwassers würde zurückgehalten, bevor es überhaupt in den Ort gelangt, während dem Rest ein möglichst bequemer Abfluss geschaffen wird. Dazu beinhaltet die Analyse diverse Baumaßnahmen, um an verschiedener Stelle das Wasser zügeln zu können. Etwa ein Damm am Roten Wasser – das als größtes Gewässer Priorität hat – um den dortigen Rückhalteraum zu vergrößern. Hinzu käme der Neubau eines Durchlasses oder ein Drosselwerk.

Um wiederum das Abflusspotential im Ort selber zu steigern, könnte ein Wall errichtet oder Ufermauern gebaut werden, außerdem ein Neubau der Brücke am Hebertsbach. Rund um Schwarzenbornbach und dem Bach aus dem langen Grund könnten außerdem an geeigneten Stellen Rohrleitungen verlegt oder Gräben gezogen werden, die als sogenannte Entlaster oder Umfluter dienen würden.

Da auch die Tankstelle im Ort vom Hochwasser stark betroffen und ein besonders sensibler Bereich wäre, könnte man hier zusätzlich mit mobilen Schutzelementen arbeiten.

Grundsätzlich sind aber auch aufgeräumte Gräben, Abflüsse und Gewässer eine wichtige Vorkehrung gegen Hochwasser, mahnte der Experte. Denn das entstehe praktisch immer dort, wo Durchlässe blockiert werden, etwa durch Holzreste, Äste oder Unrat. „Dann nimmt sich das Wasser seinen eigenen Weg.“ Eben das müsse durch eine stete Gewässerunterhaltung künftig verhindert werden.

Das gesamte Paket aus verschiedenen Maßnahmen an allen Schwachstellen würde laut Analyse grob geschätzt 3,7 Millionen Euro kosten. Da musste auch Bürgermeister Dr. Jens Ried, der die Sitzung verfolgte, erstmal schlucken. Die Gemeinde werde sich nun aber mit dem Ergebnis der Untersuchung befassen und eine Prioritätenliste für Schönstadt erarbeiten.

Übrigens wurde auch für den Ortsteil Bürgeln eine Hochwasseranalyse in Auftrag gegeben, die aber noch nicht fertig ist.

Von Ina Tannert