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Nordkreis Vermächtnis einer Shoa-Überlebenden
Landkreis Nordkreis Vermächtnis einer Shoa-Überlebenden
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16:00 10.11.2021
Die Familie Lilienstein im Jahr 1908 in Goßfelden: Hier haben sich Lina (von links), Siegmund, Auguste, Salomon, Joseph und Gustav Lilienstein für ein Familienporträt versammelt.
Die Familie Lilienstein im Jahr 1908 in Goßfelden: Hier haben sich Lina (von links), Siegmund, Auguste, Salomon, Joseph und Gustav Lilienstein für ein Familienporträt versammelt. Quelle: Foto: Picasa
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Goßfelden

Die Suche nach den eigenen Wurzeln und dem tragischen Schicksal der Familie – dieser Aufgabe widmet sich seit Jahren der Amerikaner Richard Oppenheimer, den seine Recherchen bis nach Goßfelden führten. Dort lebten seine jüdischen Vorfahren, darunter seine Großmutter Lina Lilienstein. Nur sie und eine ihrer Töchter – Oppenheimers Mutter – überlebten den Holocaust des Nazi-Regimes.

Lina Lilienstein wurde 1892 geboren und wohnte mit ihren Eltern Joseph und Auguste Lilienstein und mehreren Geschwistern auf einem Hof in Goßfelden, im Haus Nummer 25, heute die Ecke Marburger Straße/Rathausweg. Etwa um 1919 zog sie mit ihrem Ehemann Isaak Mannheimer nach Bad Wildungen. Das Paar bekam drei Kinder: Marga, Erika und Herbert.

Tagebuch-Fund löst lange Recherche aus

Die gesamte Familie wurde während der NS-Zeit von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet, nur Lina Mannheimer, geborene Lilienstein, und Tochter Erika überlebten als einzige aus drei Generationen die Tortur in verschiedenen Ghettos, Konzentrationslagern und den sogenannten Todesmarsch. Sie wurden 1945 befreit. Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderten sie in die USA aus, wo Erika Mannheimer ihren späteren Ehemann Max Oppenheimer traf. Im Jahr 1950 wurde ihr Sohn Richard geboren.

Dieser erfuhr vom Schicksal seiner Familie erst nach dem Tod der Mutter 1988. Da fand er ihr Tagebuch in einem Schuhkarton auf dem Dachboden, in dem sie von der Zeit der Deportation im Dezember 1941 und den folgenden Jahre berichtet. Dieser bedeutsame Fund war Auslöser einer langen, aufwendigen Spurensuche nach dem Leben und dem Leid vieler seiner Vorfahren. Jahre später, nach dem Tod der Mutter und dann auch des Vaters, reiste er mehrere Male nach Deutschland, ebenso nach Polen und Lettland. Oppenheimer forschte unter anderem in Archiven und beim Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen, traf weitere Menschen, die über die Juden in ihren Orten forschten und die Ergebnisse veröffentlichten.

Nach Goßfelden kam er zum ersten Mal im Juli 2011, hatte da bereits Kontakt zu Barbara Wagner von der Geschichtswerkstatt Marburg geknüpft. Sie begleitete die Familie Oppenheimer bei diesem ersten Besuch und nahm an der von Karl Heinz Görmar durchgeführten Vorstellung der Judenhäuser teil – oder der Orte, wo die Häuser einst standen. Es folgten mehrere weitere Besuche in Goßfelden, außerdem Marburg, Stadtallendorf, Hatzbach, Kirchhain, Schönstadt und Angenrod, wo einst seine Vorfahren lebten oder beerdigt sind.

Tagebuch im Mittelpunkt

Oppenheimer ist mittlerweile verbunden mit der Region, spricht fließend deutsch und wird am Freitag in einem Vortrag über seine Spurensuche und die Ergebnisse der langen Recherchen über Familie Mannheimer berichten. Zugleich wird er an ihrem Beispiel in einem Bildvortrag darstellen, wie während der NS-Zeit mit jüdischen Mitbürgern umgegangen wurde und wie er die Aufarbeitung der Vergangenheit selbst erlebte. Im Fokus des Vortrags steht das Tagebuch seiner Mutter, die in diesem über die Deportation und die Lager berichtet.

Der Vortrag findet am Freitag um 18 Uhr in der Kirche Goßfelden (Roßweg 14) statt und wird vom Kulturverein Goßfelden und der Evangelischen Kirchengemeinde Goßfelden-Sarnau gemeinsam veranstaltet. Musikalisch umrahmt wird der Abend vom „Kirchenquartett”, aus dem Tagebuch von Erika Oppenheimer wird Annalena Hahn vortragen. Es gelten die 2G-Corona-Regeln.

Von Ina Tannert